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Neuer Schlöndorff-Film Requiem für einen Knaben

04.02.2012 ·  In „Das Meer am Morgen“, der auf der Berlinale deutsche Premiere feiert, erzählt Volker Schlöndorff von Ernst Jünger und verbeugt sich vor dem französischen Nationalhelden Guy Môquet.

Von Andreas Kilb
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© Provobis Film Begegnung am Lagerzaun: Léo-Paul Salmain als Widerstandskämpfer Guy Môquet

Wenn man mit Volker Schlöndorff über Frankreich spricht, öffnet sich die Büchse der Pandora. Es gibt kaum einen Regisseur oder Schauspieler, über den Schlöndorff keine Geschichte erzählen kann aus jenen magischen späten fünfziger und frühen sechziger Jahren, in denen er Abiturient einer Pariser Eliteschule, Filmstudent, Drehbuchautor und schließlich Regieassistent bei Alain Resnais, Jean-Pierre Melville und Louis Malle war, bevor er 1965 in sein Geburtsland zurückging, um mit „Der junge Törless“ den deutschen Film neu zu erfinden.

Beispielsweise die Anekdote über Melville, der sich für „Le doulos“ („Der Teufel mit der weißen Weste“) von seinem Produzenten eine Suite im Hotel Raphaël bezahlen ließ, angeblich, um dort zu schreiben. In Wahrheit hielt er nächtelang Hof wie ein Kinokönig. Damals, sagt Schlöndorff, wusste er noch nicht, dass auch Ernst Jünger im Raphaël gewohnt hatte, in jenen drei Jahren von 1941 bis 1944, als Jünger zum Stab des deutschen Militärbefehlshabers in Frankreich gehörte. Fünfzig Jahre später, als Schlöndorff in Paris für einen Film recherchierte, in dem Jünger eine wichtige Rolle spielte, ließ er sich vom Empfangschef des Hotels die alten Gästebücher zeigen. Und siehe, da stand „Melville“ am Kopf der Seite von 1962, in schwungvoller, königlicher Schrift. Ein Foto der Eintragung hat der deutsche Regisseur auf seinem Blackberry gespeichert.

Die Geiseln sofort erschießen

Der Film, für den Volker Schlöndorff im Hotel Raphaël recherchiert hat, heißt „La mer à l’aube“, „Das Meer am Morgen“ und wird im Panorama der Berlinale seine deutsche Premiere haben. Zuvor wurde er bereits auf dem Filmfestival in Biarritz gezeigt, wo er beim Publikum heftige Reaktionen ausgelöst hat: minutenlanges Schweigen, dann stehender Applaus, Erschütterung, Tränen. Einige Zuschauer warfen Schlöndorff Geschichtsrevisionismus vor. Dieser verteidigte sich: Er habe einen Spielfilm gedreht und keine historische Lektion. Was steckt hinter dem Streit?

„Das Meer am Morgen“ beginnt im Oktober 1941 in einem Internierungslager am Atlantik. Französische Gefangene, die meisten von ihnen Kommunisten, die den deutschen Besatzern in die Quere gekommen sind, vertreiben sich die Zeit mit Wettläufen und Lektürestunden. Ein Junge mit wachen, gutmütigen Gesichtszügen flirtet am Lagerzaun mit einem Mädchen. Die nächste Sequenz spielt in Nantes, wo der deutsche Stadtkommandant von zwei Attentätern mit Pistolenschüssen niedergestreckt wird. Dann sind wir im deutschen Militärhauptquartier im Pariser Hotel Majestic: Ernst Jünger (Ulrich Matthes) debattiert mit seinem Vorgesetzten General Otto von Stülpnagel (André Jung) über die Konsequenzen des Anschlags. Aus Berlin schreit Hitler nach Vergeltung: Hundertfünfzig Geiseln, lässt er durch den deutschen Botschafter in Paris mitteilen, seien sofort zu erschießen. Stülpnagel gibt eine Liste von fünfzig Todgeweihten in Auftrag, die in Nantes und dem Lager an der Küste zusammengetrieben werden sollen. Einer von ihnen ist der Junge am Zaun, der siebzehnjährige Guy Môquet.

In Frankreich ist Guy Môquet eine nationale Legende. 2007 ernannte der frisch gewählte Staatspräsident Sarkozy den Abschiedsbrief, den der Junge kurz vor seiner Erschießung an seine Eltern und seinen Bruder schrieb, zum Schulstoff: Jedes Jahr am 22. Oktober solle Môquets letzter Gruß im Unterricht gelesen werden. Diese pädagogische Praxis hat sich inzwischen gelockert, die Verehrung für Môquet aber ist geblieben. Für die Franzosen ist er das Sinnnbild der gemordeten Unschuld. Mit seinem Tod beginnt die zweite, mörderische Phase der deutschen Okkupation. Seit 1946 trägt eine Station der Métro seinen Namen; zu Môquets fünfundsiebzigsten Geburtstag erschien eine Briefmarke mit seinem Porträt.

Der Durchschlag wird zum Buch

Der Clou der Geschichte und der eigentliche Auslöser von Schlöndorffs Film besteht nun darin, dass die erste deutsche Übersetzung von Guy Môquets Abschiedsbrief ausgerechnet vom Autor der „Strahlungen“ stammt, jenem Pariser Kriegstagebuch Jüngers, dem nicht nur deutsche Historiker menschenverachtende Kälte und Ästhetizismus vorgeworfen haben. Der Brief ist Teil eines Konvoluts, in dem Jünger nach dem Attentat von Nantes die letzten Mitteilungen der hingerichteten Geiseln sammelte - für den Anhang seiner für Stülpnagel verfassten Schrift „Zur Geiselfrage“.

Im Film gibt Stülpnagel Jünger den Auftrag, „etwas Literarisches“ in der Art von Stendhals Tagebuch über die Feldzüge Napoleons zu verfassen. Damals, im Oktober 1941, dürften die Motive des Generals, der sich nach dem Krieg in französischer Haft das Leben nahm, profanerer Natur gewesen sein: Die Schrift sollte ihm als Rechtfertigung im Fall einer deutschen Niederlage dienen. Ernst Jünger verbrannte sein Manuskript in der Nacht nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944, doch ein Durchschlag blieb im Keller seines Hauses in Kirchhorst erhalten. Vor neun Jahren wurde die Studie dann erstmals ediert, im vergangenen Jahr erschien sie schließlich in Buchform, mit einem Vorwort von Volker Schlöndorff.

Er habe „in dieser Richtung ein Penchant“, sagt Schlöndorff, wenn er über Ernst Jünger spricht. „Aber ich habe den Jünger in mir bekämpft.“ Um so genauer hat er die Pariser Tagebücher des Schriftstellers studiert, um aus ihnen das Material für seine Filmdialoge zu gewinnen. In „Das Meer am Morgen“ spricht Jünger einmal mit einer Französin - Schlöndorff hat mehrere Frauen aus den Pariser Besatzerjahren zu dieser Figur verschmolzen - über seine Beobachterrolle im Drama des Vernichtungskriegs. Ob er Zuschauer sei oder Voyeur, will seine Bekannte wissen. Er sei „ein Mann der Tat“, antwortet Jünger, doch er fühle sich nicht berufen, „ins Räderwerk des Weltgeschehens einzugreifen“. Nicht anders hat es der Hauptmann im Generalstab der Heeresgruppe B in seinen privaten Aufzeichnungen notiert.

Am ersten Tag zum Erschießungskommando

Im Film kann man Ereignisse und Personen zusammenbringen, die sich in Wirklichkeit nie begegnet sind. Dennoch hat Schlöndorff darauf verzichtet, Ernst Jünger und Guy Môquet einander direkt gegenüberzustellen. Er bleibe ein unverbesserlicher Realist, erklärt der Regisseur, auch wenn die Computeranimation heute selbst das Unwahrscheinlichste glaubhaft aussehen lasse. Die frivole Phantasie eines Quentin Tarantino, der in „Inglourious Basterds“ ein geglücktes Attentat auf Hitler in einem Pariser Kino zelebriert, ist Schlöndorff fremd. Statt dessen betrachtet er mit der Kamera geduldig jedes menschliche Rädchen in der Maschinerie, die durch die Rachsucht des Diktators in Gang gesetzt wird: den deutschen Offizier, der den Erschießungsbefehl weitergibt; den französischen Bürovorsteher, der die Todeslisten verwaltet; den Kollaborateur, der seine einstigen Rotfront-Kameraden ans Messer liefert; den Lagerleiter, der für den Abtransport der Gefangenen sorgen muss.

Aus einer frühen Erzählung Heinrich Bölls hat sich Schlöndorff zudem die Figur eines deutschen Soldaten ausgeborgt, der als Neuling am Atlantikwall eintrifft und gleich am ersten Tag zum Erschießungskommando eingeteilt wird. Im Angesicht der Exekutionspfähle bricht er zusammen; als Guy Môquet an ihm vorbeigeführt wird, trifft sich sein Blick mit dem des Franzosen. Es ist der einzige längere Blickwechsel, der in „Das Meer am Morgen“ gezeigt wird.

„Mit diesem Film bin ich nach Frankreich heimgekehrt.“ Schlöndorff, der seit seiner Proust-Verfilmung „Eine Liebe von Swann“ nicht mehr jenseits des Rheins gedreht hat, begleicht mit der Geschichte von der Erschießung des Schuljungen Guy Môquet auch eine alte Dankesschuld: „Ich habe damals in Frankreich Karriere gemacht, nicht obwohl, sondern weil ich ein Deutscher war. Dieses Schicksal teile ich mit Ernst Jünger.“ Das letzte Wort des Films ist ein Bild: das Meer am Morgen. Ein Bild des Todes. Und des Friedens.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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