Home
http://www.faz.net/-hc4-6xsjo
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Kein Aufbruchssignal bei Berlinale Nur ein Silberner Bär für „Barbara“

 ·  Mit dem Goldenen Bären an Paolo und Vittorio Tavianis Gefängnisdrama „Cesare deve morire“ setzt die Berlinale kein Aufbruchssignal. Für Christian Petzold, dessen Film „Barbara“ mit Nina Hoss sich viele als Sieger gewünscht hatten, blieb da nur der Regiepreis übrig.

Artikel Bilder (15) Lesermeinungen (1)
© dpa Silber und Gold: Die Regisseure Vittorio Taviani (r.) und Christian Petzold mit ihren Bären

Am Ende war es dann doch wieder wie immer: Die Jury der 62. Berlinale zeichnete einen Film mit dem Goldenen Bären aus, dessen Sieg die Kritiker eher befürchtet als erhofft hatten: „Cesare deve morire“ von Paolo und Vittorio Taviani, eine Geschichte über Häftlinge des berüchtigten römischen Gefängnisses Rebibbia, die Shakespeares „Julius Caesar“ proben und die Dialogzeilen auch noch in ihren Zellen sprechen. Dass die besseren Zeiten der 1929 beziehungsweise 1931 geborenen italienischen Brüder schon etwas länger zurückliegen; dass ihr Film eher an Strafvollzugsexperimente der siebziger oder achtziger Jahre erinnert; dass dieses Votum sich beim besten Willen nicht als Aufbruchssignal deuten lässt – all das hat die Jury unter ihrem Präsidenten Mike Leigh offenbar gar nicht gekümmert.

Für Christian Petzold, dessen Film „Barbara“ mit Nina Hoss in der Titelrolle sich nicht nur viele Kritiker, sondern auch zahlreiche andere Festivalbesucher als Sieger gewünscht hatten, blieb da nur der Regiepreis übrig. Dafür wurde die Geschichte einer Ärztin, die im Jahr 1980 in die Provinz strafversetzt wird und aus der DDR fliehen will, mittlerweile in ein Dutzend Länder verkauft, was sicher auch mit dem Schlüsselreiz „DDR“ zu tun hat.

Nur schwer zu verstehen war, warum die Jury ausgerechnet einen der großen Langweiler im Wettbewerb, Nikolaj Arcels „Die Königin und der Leibarzt“, gleich mit zwei Preisen bedachte. Mikkel Boe Folsgaard erhielt einen silbernen Bären für seine Darstellung des dänischen Königs Christian VII., der am Ende seinen Leibarzt Struensee hinrichten lässt, und das Drehbuch des behäbigen Kostümfilms wurde auch noch ausgezeichnet. Plausibler dagegen schon der Preis für die beste Darstellerin: Er ging an Rachel Mwanza in dem Film „Rebelle“, der Geschichte eines afrikanischen Mädchens, das als Kindersoldatin zwangsrekrutiert und vom Kommandanten der Rebellen geschwängert wird.

Ansonsten regierte wieder das festivalübliche Gießkannenprinzip, nachdem im Vorjahr der iranische Film „Nader und Simin“ von Asghar Farhadi die Bären für den besten Film und die besten schauspielerischen Leistungen erhalten hatte, weil er in exemplarischer Weise politische und ästhetische Ansprüche an einen Siegerfilm zusammenführte. Die politische Geste in diesem Jahr galt Bence Fliegaufs „Just the Wind“, dem Drama um eine Roma-Familie in Ungarn, der den Großen Preis der Jury in Empfang nehmen durfte; wogegen „Tabu“, Miguel Gomes’ mitunter sehr charmante, aber auch arg selbstgenügsame Hommage an das Kino, wohl den Sinn der Jury für Ästhetik dokumentieren sollte und mit dem Alfred-Bauer-Preis bedacht wurde, dessen voller Titel lautet: „für einen Film, der neue Perspektiven der Filmkunst eröffnet“.

Mit der Preisverleihung im Berlinale-Palast am Potsdamer Platz gingen die 62. Internationalen Filmfestspiele gestern Abend zu Ende. Nach der massiven Kritik am Programm, die sich Festivalchef Dieter Kosslick in den letzten beiden Jahren anhören musste, war in diesem Jahrgang eine deutliche Erholung erkennbar. Es gab mehr konkurrenzfähige Filme im Wettbewerb und praktisch keinen, bei dem man sich ernsthaft hätte fragen müssen, wie er es überhaupt in die Auswahl geschafft hat. Auch die drei deutschen Beiträge im Wettbewerbsprogramm – neben Christian Petzolds „Barbara“ Hans-Christian Schmids „Was bleibt“ und Matthias Glasners „Gnade“ - enttäuschten nicht.

Die Preisträger der 62. Berlinale

Goldener Bär: „Cesare deve morire“ von Paolo & Vittorio Taviani

Silberner Bär für die beste Darstellerin: Rachel Mwanza in „Rebelle“

für den besten Darsteller: Mikkel Boe Folsgaard in „Die Königin und der Leibarzt“

für die beste Regie: Christian Petzold für „Barbara“

für eine herausragende künstlerische Leistung: die Kameraarbeit von Lutz Reitemeier in „White Deer Plain“

für das beste Drehbuch: Nikolaj Arcel und Rasmus Heisterberg für „Die Königin und der Leibarzt“

Großer Preis der Jury: „Just the Wind“ von Bence Fliegauf

Bester Erstlingsfilm: „Kauwboy“ von Boudewijn Koole (in der Sektion Generation Kplus)

Alfred-Bauer-Preis: „Tabu“ von Miguel Gomes

Goldener Bär für den besten Kurzfilm: „Rafa“ von Joao Salaviza

Silberner Bär: „Gurehto Rabitto“ von Atsushi Wada

Und eine lobende Erwähnung der Jury für: „L‘enfant d‘en haut“ von Ursula Meier

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Jahrgang 1958, Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

Jüngste Beiträge