14.02.2012 · Mit „Was bleibt“ hat Hans-Christian Schmid ein akribisches Stück über familiäres Schweigen geschaffen. Das Ergebnis der Titelgleichung lautet ganz einfach: Einsamkeit.
Von Andreas KilbDie Deutschen, hört man gelegentlich auf dem Festival, seien diesmal besonders stark. Oder die Franzosen. Die Finnen. Die Chinesen. Bei diesem Gerede denkt man unwillkürlich an Goscinnys „Asterix und der Kupferkessel“, wo Asterix und Obelix beim Wagenrennen so lange frenetisch „Die Blauen! Die Roten! Die Blauen!“ rufen, bis sie erkennen, dass sie auch auf diese Weise ihren Kessel nicht füllen können. Am Ende wird die Nationenwertung im Kino in diesem Jahr wieder nicht funktionieren. Bei der Berlinale gewinnt jeder für sich allein.
So ist auch Hans-Christian Schmids Wettbewerbsbeitrag „Was bleibt“ ganz auf sich gestellt, ohne den Schutz eines Kollektivs. Das passt zu einem Film, der vom Zerfall jener Schicksalsgemeinschaft handelt, die man verallgemeinernd „Familie“ nennt, obwohl sie im Einzelfall alles Mögliche sein kann, eine Raubtierzucht, ein Kloster, ein Gefängnis, ein Kabinett der Einsamkeiten. Bei Schmid ist sie vor allgem eine Schule des Verschweigens. Der Schriftsteller Marko (Lars Eidinger) beispielsweise verschweigt vor seinen Eltern, die er in ihrem Haus am Waldrand besucht, dass er dabei ist, sich von seiner Frau zu trennen. Jakob (Sebastian Zimmer), sein Bruder, verschweigt, dass die Arztpraxis, die er mit dem Geld des Vaters aufgebaut hat, praktisch pleite ist. Günter (Ernst Stötzner), der Vater, verschweigt seiner Frau, dass er eine Geliebte hat. Und alle zusammen verschweigen voreinander und vor sich selbst, dass sie Todesangst um Gitte (Corinna Harfouch) haben, die Mutter, die seit Jahrzehnten depressiv ist und am Tropf diverser Medikamente hängt. Als sie ihren Lieben beim Abendessen eröffnet, dass sie die Präparate abgesetzt hat, geht der Deckel über diesem Verdrängungs-Potpourri hoch.
Dass jede Familie auf ihre eigene Art unglücklich ist, wissen wir seit Tolstoi, aber Filme wie „Was bleibt“ setzen dennoch mit einigem Recht darauf, dass wir uns in ihren Konstellationen wiedererkennen, auch wenn uns die bildungsbürgerliche westdeutsche Szenerie - der Vater ist Verleger in Frankfurt -, das komfortable Ambiente, die durch Wohlstand gedämpften Umgangsformen der Figuren vielleicht fremd sind. Im Kino kommt es darauf an, dass diese äußeren Hüllen zerbrechen, damit eine tiefere, von Einkommensklassen unabhängige Wahrheit darunter zum Vorschein kommt. Und da hat Hans-Christian Schmids Film ein Problem.
Denn Schmid, der schon immer einer der präzisesten Regisseure im deutschen Kino war, rekonstruiert auch diesmal die Lebenswelt seiner Helden so akribisch, dass er darüber lange Zeit das Erzählen vergisst. Sein Film tastet sich vor, erkundet die Räume, lässt die Figuren reden, und seine großartigen Schauspieler helfen ihm dabei, den Zuschauer über die Tatsache hinwegzutrösten, dass er einen überaus gründlichen Anlauf zu einem relativ kurzen dramatischen Salto nimmt.
Als dann doch etwas geschieht, als die Mutter verschwindet und der Rest der Familie nach ihr sucht, kommt es zu einer kleinen Traumszene, die zu den schönsten Momenten dieses Festivals gehört, weil so viel heillos Deutsches in ihr mitschwingt, der Wald, die Märchen, die Kindheit, die Sehnsucht nach der Unschuld, die in der großen Stadt verlorenging. Aber man muss sich schon sehr tief auf die Geschichte einlassen, um in ihren makellosen Bildern die Temperaturunterschiede zu spüren, das Kochen und die Eiseskälte der Emotionen, die Schmid diesmal noch perfekter als sonst versteckt.
Ein Film über Einsamkeiten; ein einsamer Film. „Was bleibt“ gehört zu den Kinoerlebnissen, die auf Festivals - und gerade in Berlin - leicht im Getöse untergehen. Auch die sogenannten leisen Werke brüllen ja, nur eben nach innen. Dieser Film aber spricht ganz ruhig vor sich hin. Das ist vielleicht das Unheimlichste an ihm.