16.02.2012 · Mit dänischen Hoftragödien, chinesischen Dorfepen, einer deutschen Familiengeschichte in Nordnorwegen und bestürzenden Bildern aus Ungarn geht der Wettbewerb der Berlinale seinem Ende zu.
Von Andreas Kilb, BerlinGnade. Darauf hoffen sie alle, der Arzt, der seinen Patienten, den König, betrogen und die Königin geschwängert hat, die Dorfältesten in der chinesischen Provinz, die sich mal auf die Seite der Kuomintang, mal auf die der Kommunisten schlagen, um ihre Haut zu retten, das deutsche Paar in Hammerfest, das ein junges Mädchen auf dem Gewissen hat. Aber Pardon wird nicht gegeben im Kino, hier gilt das Gesetz von Aktion und Reaktion, Druck und Gegendruck. Es sei denn, ein Wunder geschieht. Aber damit sind wir im Reich der Spekulation, des Märchenhaften und Numinosen, bei dem also, was das große Kino kann und das kleine nur behauptet.
Am 28. April 1772 wurde der deutsche Medicus Johann Friedrich Struensee in Kopenhagen wegen Hochverrats hingerichtet. Struensee hatte als Leibarzt des dänischen Monarchen Christian VII. versucht, aus Dänemark einen Staat nach den Prinzipien der Aufklärung zu machen. Sein Sturz wurde durch den Umstand beschleunigt, dass die junge Königin seine Geliebte war. Der dänische Regisseur Nikolaj Arcel hat aus diesem Stoff einen Kostümfilm gemacht, der den Stoff gerade dadurch verrät, dass er wie ein gewöhnlicher Kostümfilm daherkommt.
Man sieht Kutschen, Kerzen, Kommoden und Perücken, Umarmungen unter Baldachinen, schmutzige Straßen und sauberes Parkett. Was man nicht sieht, ist, dass es hier um ein Menschheitsexperiment geht, eine Operation am offenen Herzen des Absolutismus. Statt dessen versucht Arcel einen vage emanzipatorischen Akzent zu setzen, indem er die Geschichte aus der Perspektive der Königin (Alicia Vikander) erzählt. Aber mehr als zartbitterer Kitsch springt dabei nicht heraus. Mads Mikkelsen als Struensee blickt ständig wie vom Donner gerührt, und der Film tut es ihm gleich. Vor zwölf Jahren hat Per Olov Enquist mit „Der Besuch des Leibarztes“ einen grandiosen historischen Roman über Struensee geschrieben. Wer sich für den Fall interessiert, muss nach wie vor zum Buch greifen.
Am Ende eines Festivals, nach Tagen des Schlafmangels und der filmischen Überfütterung, mehren sich die kognitiven Ausfälle, Tagträume und Halluzinationen. War Wang Quan’ans Film „Bai Lu Yuan“ (White Deer Plain) wirklich nach drei Stunden zu Ende, oder wurde die Leinwand nur vor Erschöpfung schwarz? Dabei hatte der Film großartig begonnen, mit einem Dorf zwischen Weizenfeldern, das den Übergang vom Kaiserreich zur Republik erlebt, und zwei Jugendfreunden, die den Wandel vom traditionellen zum selbstbestimmten Leben erproben, mit einer Geschichte also, die für China und seinen Weg in die Moderne ebenso beispielhaft hätte stehen können wie Bertoluccis „Neunzehnhundert“ für Italien.
Aber dann verheddert sich Wangs Regie in den vielen Ereignissen und Lebensläufen, die sie gleichzeitig im Blick behalten will, und am Ende müssen die Japaner kommen, um durch ihr Zerstörungswerk jene Klarheit wiederherzustellen, die dem Film verlorengegangen ist. Eine Frau (Zhang Yuqi), die zwischen den beiden Freunden steht, hält die Fäden der Erzählung zusammen; als sie stirbt, zerfällt das epische Puzzle endgültig in seine Einzelteile. Man blickt dem Film nach, wie Lutz Reitemeiers Kamera einmal den Eisschollen auf einem Fluss nachschaut: Da schwimmt vieles, was man gern gesehen hat, aber ein Bild wird nicht daraus.
In „White Deer Plain“ ist die Landschaft der malerische Rahmen für die Leidensgeschichte ihrer Bewohner. In Matthias Glasners „Gnade“ ist sie eine perfekte Hölle. Niels und Maria, er Ingenieur, sie Krankenschwester, sind als Deutsche mit ihrem Sohn ins norwegische Hammerfest gezogen, um dort oben im Norden noch einmal neu anzufangen. In der Polarnacht zwischen Anfang Dezember und Ende Januar liegen bei allen die Nerven blank. Kurz vor der Rückkehr des Tageslichts hat Maria in der eisigen Ödnis einen Autounfall. Sie begeht Fahrerflucht; später erfährt sie, dass sie eine Schülerin getötet hat. Dennoch geht sie nicht zur Polizei. „Der Mensch, der das getan hat, bin ich nicht“, sagt sie zu ihrem Mann.
Davon, wer man ist oder nicht ist und wie man von dem, der man ist, erlöst werden könnte, handeln alle Filme Matthias Glasners. „Gnade“ sticht dadurch heraus, dass den Figuren die Erlösung, die er ihnen sonst verweigert (oder erst im Tod gewährt), tatsächlich zuteil wird, dass Niels und Maria aus der Gemeinschaft, die sie aufgenommen hat, nicht ausgestoßen werden. Dazu braucht es ein Wunder.
Und dazu braucht es Schauspieler, die dieses Wunder darstellen, Schauspieler wie Birgit Minichmayr und Jürgen Vogel, denen man in diesem Film alles glauben würde, also auch das, was am Ende geschieht. Außer den wunderbaren Darstellern und der traumhaften Landschaft hätte es aber auch noch eines begnadeten Drehbuchs bedurft, um aus „Gnade“ einen wirklich großen Film zu machen, und davon kann leider keine Rede sein. Die Bilder, die Glasners Kamera am Polarkreis einfängt, sind auch deshalb so groß, weil sie die Lücken der Geschichte stopfen, und die Handlungen der Figuren so unberechenbar, weil sie wahre Abgründe der Plausibilität überdecken müssen. Wie Hans-Christian Schmid, dessen „Was bleibt“ am Dienstag im Wettbewerb lief, ist Glasner ein Sturkopf und Einzelgänger im deutschen Kino, und dieser Eigensinn tut seinen Filmen nicht immer gut.
Wenn man sich vorstellt, dass der Regisseur Mike Leigh als Vorsitzender bei den Beratungen der Jury, die am heutigen Freitag über den Goldenen Bären entscheidet, den Ausschlag geben könnte, dann möchte man Benedek Fliegaufs „Csak a szél“ (Nur der Wind) eine gute Chance einräumen. Fliegauf erzählt von den Massakern an Romafamilien, die Ungarn vor vier Jahren erschüttert haben, aber er zeigt kein Gemetzel. Stattdessen skizziert er mit halbdokumentarischer Kamera den Alltag einer Romamutter und ihrer beiden Kinder, die sich an die Illusion klammern, ihnen werde schon nichts passieren. So wie wir. Als in den letzten Minuten dann die Schüsse fallen, treffen sie uns ebenso unvorbereitet wie ihre Opfer. Und natürlich gelten sie auch uns. Auch wenn wir am Ende aus dem Kino wieder ins Tageslicht stolpern, unverletzt, aber nicht erlöst.