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Berlinale 2012 Die Filme des Wettbewerbs

Siebzehn Filme konkurrieren um den Goldenen Bären und die anderen Preise, sechs weitere laufen im Wettbewerb außer Konkurrenz. Eine Übersicht, ergänzt um die Stimmen der Kinokritiker der F.A.Z.

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„Les adieux à la reine“ (Frankreich / Spanien) von Benoît Jacquot

So gefahrvoll-unsicher die Zeit der Französischen Revolution sonst auch war, eins ist sicher: Diane Kruger wird eine ganz andere Marie Antoinette spielen als Kirsten Dunst, und Benoït Jacquot wird die Figur in einen ganz anderen emotionalen und historischen Zusammenhang stellen als Sofia Copolla 2006. Premiere am 9. Februar.

„Die ersten Tage der französischen Revolution aus der Perspektive der Vorleserin von Marie Antoinette - das ist ein prächtiger Eröffnungsfilm, dessen Mängel - vor allem, dass er seine Grundidee nicht durchhält und immer wieder einmal in eine andere Erzählhaltung wechselt - nicht so sehr ins Gewicht fallen. Vor allem das Dreckniveau in Versailles ist beachtlich, vermutlich realistisch, und es gibt dem Film genügend Widerborstigkeit, um das bei Kostümfilmen immer lauernde Schwelgen in schönen Bildern abzuschwächen.“ (Verena Lueken)

„Das passt: ein Film über den Beginn der Französischen Revolution, der seinem Gegenstand, dem Hof in Versailles, auf Halshöhe begegnet. Der Adel fürchtet um seine Köpfe, und aus der Perspektive der Bediensteten tun sich ungewohnte historische Perspektiven auf. Inhaltlich ist das konventionell, aber Benoît Jacquot hat einen Augenschmeichler als Eröffnungsfilm mitgebracht, was vor allem der decolletierten Kamera zu verdanken ist.“ (Andreas Platthaus)

„Die Französische Revolution aus der Perspektive der Vorleserin von Marie Antoinette - daraus macht Benoit Jacquot eine aufregende Kino-Studie über die Macht der Gefühle und die Gefühlslage der Macht in den letzten Tagen des Absolutismus. Die subjektive Verengung des Blickwinkels tut dem Film gut: Man sieht den Dreck und die Sehnsüchte unter den Rokoko-Perücken dadurch besser und schärfer.“ (Andreas Kilb)

„Aujourd’hui“ (Frankreich / Senegal) von Alain Gomis

Saul Williams, einer der interessantesten HipHopper und Slam-Poeten, spielt in diesem belgisch-senegalesischen Film einen Senegalesen, der aus Amerika zurückgekehrt ist, um den letzten Tag seines Lebens in der Heimat zu verbringen - eine räumliche, zeitliche und schicksalhafte Entrückung. Premiere am 10. Februar.

„Alain Gomis’ Geschichte eines Todgeweihten an seinem letzten Tag ist eine aufregende Entdeckungsreise in die Realität Westafrikas.“
(Andreas Kilb)

„’Aujourd’hui’ von Alain Gomis, gedreht in einem Vorort von Dakar, ist die erste Überraschung im Wettbewerb - ein Film über einen Mann, der an diesem Tag, heute, sterben wird. Er wird verabschiedet, er läuft durch sein Viertel, erst dreht sich alles um ihn, dann alles ohne ihn. In der Hauptrolle Saul Williams, der Künstler und Musiker - eine starke Präsenz, ein toller Film“
(Verena Lueken)

„Eine Feier des Lebens leitet diesen Todestag ein: Wie ein Triumphator zieht Satché durch die senegalesische Stadt Dakar. Am Abend wird er sterben, und er weiß es. Der französische Regisseur Alain Gomis macht aus diesem Abschied einen Lebenslauf im Kleinen - mit viel Vitalität, Freunden, Feinden und auch mit langen ruhigen Passagen, die sich nur auf der großen Leinwand richtig entfalten können. Der erste ernsthafte Bärenkandidat.“
(Andreas Platthaus)

„Extremely loud and incredibly close“ (Vereinigte Staaten; außer Konkurrenz) von Stephen Daldry

Max von Sydow ist auf so viele Arten das Gegenteil von Tom Hanks, dass man sie gar nicht alle aufzählen kann. In dieser Verfilmung eines 9/11-Dresden-Bomben-Erinnerung-und-Familienromans von Jonathan Safran Foer wirken sie zusammen, vielleicht auch ein bisschen gegeneinander. Premiere am 10. Februar.

„À moi seule“ von Frédéric Videau

Filme über an Kindern begangene Verbrechen und das Trauma, das nicht nur die Opfer selbst, sondern auch ihnen Nahestehende ereilt, wandeln auf einem schmalen Grat zwischen Mut und Exploitation. Frédéric Videau erzählt eine solche Geschichte aus der Perspektive einer jungen Frau, die eine Entführung erleidet. Premiere am 10. Februar.

„Schon wieder ein Spielfilm über Männer, die Kinder in Kellern gefangenhalten. Aber diesmal ist der Entführer so reizend, dass langsam sein Opfer, das Mädchen Gaelle, im Haus die Hosen anhaben wird. Als sie nach acht Jahren entkommt, muss sie sich an die Freiheit gewöhnen und gerät wieder in Gefangenschaft - wenn auch nur metaphorisch. Das ist beinahe zynisch, auch wenn der französische Regisseur Frédéric Videau nur das Beste will.“
(Andreas Platthaus)

„Ersichtlich vom Fall Kampusch inspiriert, aber leider nicht inspiriert genug, um ihm außer der Grundkonstellation eine psychologisch oder visuell neue Seite abzugewinnen.“
(Andreas Kilb)

„Eine (noch eine) Geschichte von einem über viele Jahre gefangen gehaltenen Mädchen, eine völlig überflüssige, ausgedachte Geschichte, in der nichts klarer wird - die Figuren nicht und das Verbrechen auch nicht.“
(Verena Lueken)

„Cesare deve morire“ (Italien) von Paolo und Vittorio Taviani

Wenn Strafgefangene als Laienspielschar eine Shakespeare-Tragödie aufführen, in der es darum geht, dass auch Mächtige den von Machtverhältnissen geschaffenen Fakten nicht entkommen können und ein Film das beobachtet, was lernen dann Zuschauer daraus, die in Freiheit leben? Premiere am 11. Februar.

„Die Brüder Taviani filmen die Inszenierung von Shakespeares ’Julius Cäsar’ in einem italienischen Hochsicherheitsgefängnis - durch Häftlinge. Aber es ist kein Dokumentarfilm. Schwarweiß ist alles, was im Knast geprobt wird, farbig das, was bei der Premiere auf der Bühne passiert. Besser wäre gewesen, die fiktionalen Szenen optisch herauszuheben. So sind die Genres etwas zu stark verwischt. Aber diese Schwerverbrecher spielen mit Herz!“ (Andreas Platthaus)

Shakespeare im Gefängnis, das ist ein ziemlich alter Hut. Weil die Brüder Taviani es sich nicht verkneifen konnten, den Häftlingen, die mit immensem Engagement bei der Sache sind, auch noch die Dialoge vorzuschreiben, die sie außerhalb der Proben aufzusagen haben, wirkt das Ganze fast wie eine Parodie: auf den Gefängnisfilm einerseits, den Dokumentarfilm anderseits, und heraus kommt ein Stück Kunstkino der überflüssigsten Sorte. (Verena Lueken)
 

„Barbara“ (Deutschland) von Christian Petzold

Nina Hoss kommt nicht raus. Gegen den in konzentrierter Arbeit etablierten Status als Idealbesetzung für Frauen, die sich mit dem Vorgefundenen nicht abfinden wollen, muss sie ja auch nicht anspielen. Hier jedenfalls gibt sie eine Ärztin, die der Liebe wegen aus der DDR fortgehen will und dafür viel riskiert und erduldet. Premiere am 11. Februar.

„Christian Petzold rekonstruiert die DDR aus ihren Farben und Gerüchen und erzählt die Geschichte einer einsamen Entscheidung. Ein großer Film.“ (Andreas Kilb)

„Eine Frau 1980 in der DDR, die weg will - ein Film über Möglichkeiten und über den Krach, der in einem Land der Stille herrscht. Großes Kino, ein Favorit für den Goldenen Bären.“ (Verenal Lueken)
 

 

„Dictado“ (Spanien) von Antonio Chavarrías

Zwei Familien, die einmal beinahe durch Heirat zu einer geworden wären, zwei Männer, die also eigentlich Brüder sein sollten, einer bringt sich um, der andere nimmt dessen Tochter bei sich auf - um Verbundenheit durch Blut wie durch Konvention geht es in dem Film, der dennoch kein Beziehungsdrama, sondern ein Thriller ist. Premiere am 11. Februar.

„Ein zweitklassiges Horror-Genrestück wie dieses gehört nicht in den Wettbewerb der Berlinale.“
(Andreas Kilb)

„Sieht aus wie Fernsehen in einer dieser Nachtreihen „Gruselkram“, glatt poliert, spannungslos, merkwürdig unbestimmt und schnell vergessen.“ (Verena Lueken)
 

„Captive“ (Frankreich / Philippinen / Deutschland / Großbritannien) von Brillante Mendoza

Der Regisseur, dessen letzte Filme in Cannes liefen, kommt zurück nach Berlin. Nicht zum ersten Mal mit französischem Geld, aber zum ersten Mal mit einem französischen Star vom Kaliber einer Isabelle Huppert gedreht, erzählt er von einer Entführung. Der Schauplatz bleibt: die Philippinen. Premiere am 12. Februar.

„Brillante Mendoza ist ein großer Regisseur, aber bei seinem Entführungsdrama mit Isabelle Huppert konnte er sich nicht entscheiden, aus welcher Perspektive er erzählen wollte: Aus der der Geiseln? Ihrer Entführer? Oder mit dem Blick eines allwissenden Erzählers. So bleibt sein Film ein Bilderbogen ohne Zentrum. Schade.“
(Andreas Kilb)

Eine leise Enttäuschung, weil Brillante Mendoza schon so tolle Filme gedreht hat. Hier weiß man nicht so recht, wo seine Aufmerksamkeit liegt, und alles erscheint gleich wichtig, der Ameisenhaufen wie die Enthauptung eines Kämpfers oder Isabelle Huppert in ihrer Rolle einer Geisel. Großartig aber die immer bewegte Kamera, umschlungen wie der Menschentrupp vom Dschungel. (Verena Lueken)
 

„Metéora“ (Griechenland / Deutschland) von Spiros Stathoulopoulos 

Zur Leidenschaft gehört Askese so gut wie Schwelgerei, das große Liebesdrama braucht auch ein Moment von Entsagung. Was also könnte genregerechter sein als die Liebe zwischen einem Mönch und einer Nonne, die in isolierten Felsenklöstern leben? Premiere am 12. Februar.

„Was für Bilder! Klöster auf schwindelnd steilen Felsen, Ikonen mit pittoresk gesplittertem Goldgrund, Trickfilmelemente, Einstellungen voller Licht. Doch dann verliert Spiros Stathoulopoulos das Vertrauen in seine visuelle Imaginationskraft und macht die Liebesgeschichte zwischen einer Nonne und einem Mönch so sichtbar wie nur möglich. Schade.“ (Andreas Platthaus)

„Bilder einer einzigartigen Landschaft machen noch keinen gelungenen Film aus. Die realen Bilder der Liebesgeschichte zwischen einem Mönch und einer Nonne werden immer wieder durch Animationen unterbrochen, die von orthodoxen Bildnissen ihren Ausgang nehmen - das hätte gereicht, ein Comic Strip in sechs Bildern. Mehr hat der Film nicht zu sagen.“ (Verena Lueken)
 

„Shadow Dancer“ (Großbritannien / Irland; außer Konkurrenz) von James Marsh 

Dilemma in der IRA - ein aktives Mitglied wird Informant des britischen Geheimdiensts, um seinen Sohn zu schützen. Verrat steht gegen Vaterliebe, ein nicht ganz ungewöhnliches Motiv in diesem Themenkreis. Mit Clive Owen und Gillian Anderson. Premiere am 12. Februar.

„L’enfant d’en haut“ (Schweiz / Frankreich) von Ursula Meier

Ein kleinkriminelles Kind, um das sich niemand kümmert - Kacey Mottet Klein trifft als Waise, die sich in einem alpinen Touristenzentrum als Skidieb durchschlägt, auf Léa Seydoux, in der er Mutterinstinkte weckt. Was die beiden beieinander suchen, könnte heißen wie Ursula Meiers letzter Film: „Home“. Premiere am 13. Februar.

„Noch ein Film, der, wie „Barbara“, stark von den Geräuschen lebt, vom Knirschen des Schnees, dem Rattern der Seilbahn, dem Schlurfen in Skistiefeln über Betontreppen. Das Kind im Titel hat gelernt, dass alles käuflich ist, und das ist niederschmetternd groß und gleichzeitig minimalistisch erzählt. Noch ein Kandidat für Bären.“ (Verena Lueken)

„Wenn die Jury Mut hat, gibt sie den Darstellerpreis an einen Dreizehnjährigen. Kacey Mottet Klein spielt in Ursula Meiers „L’enfant d’en haut“ einen Jungen, der sich und seine junge Mutter mit systematischen Diebstählen auf der Bergstation eines Skigebiets über Wasser hält. Ach ja, auch Léa Seydoux hat eine großartige Rolle in diesem Film. Nach „Les Adieux à la Reine“ schon die zweite in diesem Wettbewerb. Wenn die Jury Mut hätte...“ (Andreas Platthaus)
 

„Jayne Mansfield’s Car“ (Russland / Vereinigte Staaten) von Billy Bob Thornton 

Der erste Film, bei dem der Schauspieler Regie geführt hat, bietet von John Hurt über Robert Duvall bis Kevin Bacon eine Menge verschiedene Männlichkeitsbilder aus verschiedenen Phasen der jüngeren Kinogeschichte. Dennoch spielt er nicht heute, sondern in den sechziger Jahren. Premiere am 13. Februar.

„Robert Duvall ist der unbestrittene Mittelpunkt dieser Familiengeschichte aus Alabama in den späten Sechzigern, die den Regisseur leider zu etwas zu viel Retrodesign verleiten. So reihen sich Szenen an Szenen, ohne dass ein rechter Erzählfluss zustande käme. Aber Robert Duvall zu sehen, ist die Sache unbedingt wert.“ (Verena Lueken)

„Der komischste Film des Wettbewerbs bisher. Und auch der traurigste. Billy Bob Thornton inszeniert die Begegnung einer amerikanischen Südstaaten- und einer britischen Familie, die zur Beerdigung einer Frau zusammenkommen, die mit beiden Patriarchen (Robert Duvall und John Hurt) verheiratet war. Der Kulturkonflikt ist komisch. Und die militärische Vergangenheit (und Zukunft) beider Familien ist tragisch. Das Ergebnis ist gut - als Film.“ (Andreas Platthaus)

„Alle Männer waren im Krieg, alle Frauen sehnen sich nach Liebe, und ab und zu fliegt auf der Landstraße ein Auto aus der Kurve: Billy Bob Thornton hat eine richtig zünftige Südstaaten-Wohlfühl-Plotte gedreht. Aber was macht dieser Film im Wettbewerb?“ (Andreas Kilb)
 

„Jin Líng Shi San Chai“ (China; außer Konkurrenz) von Zhang Yimou

Ein westlicher Star in einem chinesischen Film, der die Kriegsverbrechen der Japaner bei der Eroberung von Nanking 1937 anprangert - Christian Bale, Perfektionist, der er ist, wird sich Mühe geben, Chinas Partei so deutlich zu ergreifen wie Tom Cruise die japanische gegen den Westen 2003 in „The Last Samurai“. Premiere am 13. Februar.

„Was bleibt“ (Deutschland) von Hans-Christian Schmid

Was geschieht, wenn ein Mitglied der Familie sich entscheidet, die allen vertraute Rolle aufzugeben? Hans-Christian Schmid umkreist diese Frage in seinem Familienfilm mit Lars Eidinger und Corinna Harfouch nach einem Drehbuch von Bernd Lange, mit dem er seit einigen Jahren regelmäßig zusammenarbeitet. Premiere am 14. Februar.

„Hans-Christian Schmid zeigt eine deutsche Familie, die sich nicht belügt, sondern beschweigt. Doch die Fassade bricht, als die Mutter, großartig gespielt von Corinna Harfouch, einen höchst privaten Ausbruch wagt: Sie setzt die Medikamente gegen ihre Depression ab. Zwei Szenen sind unvergesslich: das gemeinsame Singen eines Aznavour-Chansons, dessen Inhalt alles sagt über diese Familie, und eine nächtliche Begegnung zwischen der Mutter und ihrem älteren Sohn (Lars Eindinger) im Wald. Welcher Film bietet schon zwei unvergessliche Momente?“ (Andreas Platthaus)

„Tabu“ (Portugal / Deutschland / Brasilien) von Miguel Gomes

Eine koloniale und postkoloniale Erinnerungsgeschichte, die auf das ästhetische und inhaltliche Gegenteil von „Jenseits von Afrika“ hinausläuft. Ein Liebesbrief wird gefunden und eine private Geschichte als Rückblende bis in die Zeit zurückverfolgt, als die „Dritte Welt“ wurde, was sie ist. Premiere am 14. Februar.

„Man hat schon schlechtere postkolonialistische Filme gesehen. Aber richtig gut ist diese schwarzweiße portugiesische Amour fou im Dschungel auch nicht. „I had a farm in Africa“: na ja.“ (Andreas Kilb)

„Kebun Binatang“ (Indonesien/Deutschland / Hongkong) von Edwin

Mit drei Jahren im Zoo ausgesetzt und von einem Giraffenwart erzogen zu werden ist zwar nicht so märchenhaft, wie in der Spielwarenabteilung aufzuwachsen, für die von Ladya Cheryl gespielte Heldin dieses Films aber immer noch ein Grund, die Außenwelt nicht kennenlernen zu wollen - bis die Liebe zuschlägt. Premiere am 15. Februar.

„Ein leiser, ruhiger, manchmal rührend schöner indonesischer Film in der Art des thailändischen Meisters Paichatpong Weerasethakul. Aber nur in der Art.“ (Andreas Kilb)

Wer regelmäßig Zoo-Soaps im Fernsehen sieht, der wird von Edwins Tieraufnahmen nicht überrascht werden. Dabei sind sie das Beste an diesem sehr manierierten Film, der von einem Waisenmädchen erzählt, das im Zoo von Jakarta aufwächst und dann Pflegerin wird, ehe sie in die wirkliche Welt geht, um dortzu erkennen, dass es im Tiergarten viel tröstlicher ist. Stimmt, ist aber auch banal.“ (Andreas Platthaus)

„Bai Lu Yuan“ (China) von Wang Quan’an

Das Familienepos als politische Form, der Realismus als ideologisches Vehikel, das Kostümdrama als Gelegenheit, die Kostüme auch mal auszuziehen - die Verfilmung eines wegen expliziter Erotik lange unterdrückten Romans von Chen Zhongshi über die chinesische Zeitenwende zum Sozialismus wagt viel. Premiere am 15. Februar.

„Der Tiefpunkt des Wettbewerbs, und daß Wang Quan’an einmal den Goldenen Bären gewonnen hat, mag man nicht glauben. Das einzige Gute an diesem Historienschinken aus China ist, dass er fünfzehn Minuten kürzer war, als angekündigt. Aber was heißt das bei immer noch fast drei Stunden schon?“ (Andreas Platthaus)

„Csak a szél“ (Ungarn / Deutschland / Frankreich) von Bence Fliegauf 

Mitten in die aktuellen politischen Turbulenzen um autokratische Regierungsformen, kulturelle Faschisierung und rassistische Exzesse in Ungarn setzt der Regisseur Fliegauf die Geschichte einer Mordserie an Roma, die auch in Deutschland ihre Parallelen hat. Premiere am 16. Februar.

„Gnade“ (Deutschland / Norwegen) von Matthias Glasner

Bis nach Hammerfest ist Matthias Glasner gereist, um mit Jürgen Vogel und Birgit Minichmayr eine Geschichte zu drehen, in der eine Familie einen Neuanfang für ihr Leben in frostiger Gegend versucht und durch einen Unfall auf eine ganz andere Spur gebracht wird. Premiere am 16. Februar.

„En kongelig affære“ (Dänemark / Tschechische Republik / Deutschland / Schweden) von Nikolaj Arcel

Ein Regisseur, der bislang unter anderem als Verantwortlicher für „Island of Lost Souls“, der nordeuropäischen Sparvariante von „Harry Potter“, aufgefallen ist, stürzt sich mit Mads Mikkelsen in ein Historiendrama aus der Zeit der Aufklärung. Premiere am 16. Februar.

„Fast zum Schluss noch einmal ein Kostümdrama und fast in derselben Zeit angesiedelt wie der Eröffnungsfilm. Die exilierte dänische Königin erzählt in Nikolaj Arcels Film ihren abwesenden Kindern die traurige Geschichte, wie sie und der deutsche Arzt Struensee die Aufklärung im Königreich einführen wollten, sich verliebten und deshalb alles scheiterte. Mit Mads Mikelsen hat der Film einen großen Star, doch die schönen Bilder vom Hof werden immer langatmiger, je gewisser der Film auf sein trauriges Finale zusteuert.“ (Andreas Platthaus)

„Rebelle“ (Kanada) von Kim Nguyen

Eine Kindersoldatinnengeschichte aus Kongo, gedreht nicht als kulissenbestücktes „Re-Enactment“ mit Profischauspielern, sondern als Kriegsverarbeitungserfahrung an Originalschauplätzen mit Laiendarstellern. Der Film begnügt sich nicht mit Realismus, sondern verfolgt sein Thema bis in Träume. Premiere am 17. Februar.

Und noch einmal erzählt eine Mutter ihrem Kind ihr Schicksal. Diesmal ist es die afrikanische Kindersoldatin Komona, und zwar berichtet sie als Off-Kommentar ihrem neugeborenen Sohn, der das Resultat einer Vergewaltigung ist. Entsetzlich geht es zu in Kim Nguyens kanadischem Film, der mit chinesischem Geld gedreht wurde, doch das Grauen wird gemildert durch eine Verankerung im Spiritualismus, durch den tatsächlich so etwas wie eine afrikanische Erzählweise erreicht wird.“ (Andreas Platthaus)

„Bel Ami“ (Großbitannen / Frankreich / Italien; außer Konkurrenz) von Declan Donnellan und Nick Ormerod 

Literaturverfilmungen haben Konjunktur, vom Theaterstoff bis zur Romanvorlage. Wer nach Rechtfertigung fragt, warum man Guy de Maupassants Klassiker noch einmal ins Kino holt, wird die Antwort hier unter anderem von Robert Pattinson und Uma Thurman erhalten. Premiere am 17. Februar.

„Flying Swords of Dragon Gate“ (Hongkong / China; außer Konkurrenz) von Tsui Hark

Kunst ist Sport, und Sport ist Krieg. Kein Strawinsky-Tanzabend kann die Körper von Akteuren wie Publikum, die Muskeln, den Puls, die Nerven ärger fordern als der asiatische Kampfsportfilm. Die Kulisse hat sich dessen Großmeister Tsui Hark diesmal aus der Ming-Dynastie abgeholt. Premiere am 17. Februar.

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