25.06.2009 · Das iranische Regime geht massiv gegen die Internet-Öffentlichkeit vor. Telefonleitungen werden gekappt, und Twitterer berichten, dass die Regierung gefälschte E-Mails von den Adressen festgenommener Journalisten und Aktivisten versende.
Von Friederike Haupt und Nina BelzEs ist still geworden bei Twitter. Auffallend still. „Keine Tweets oder Retweets aus Iran? Stille...“, schreibt ein ratloser Nutzer des Mikrobloggingdienstes am Donnerstag unter dem Schlagwort „Iran-Wahl“.
Während in den vergangenen zwei Wochen täglich Zehntausende von Nachrichten über die Lage in Teheran bei Twitter verbreitet wurden, gibt es seit einigen Tagen kaum noch Informationen aus der iranischen Hauptstadt; stattdessen formulieren europäische und amerikanische Twitterer Durchhalteparolen.
Gekappte Telefonleitungen
Auf der Internetseite twitter.com veröffentlichen sie ihre Kurznachrichten unter Pseudonymen; die, die eigene Beobachtungen aus Teheran twittern, berichten von extrem erschwerten Bedingungen. Die Regierung wolle ihre Gegner ruhigstellen.
Den Augenzeugen wird es immer schwerer gemacht, bei Twitter Nachrichten zu verschicken. Auf das Handynetz verlassen sie sich schon lange nicht mehr: Am Mittwochnachmittag sei es in Teheran schon vor Beginn der Proteste unmöglich gewesen, SMS zu versenden, schreiben sie.
Doch auch das Internet funktioniert offenbar in vielen Teilen der Stadt nicht mehr: „Die Telefonleitung wurde gekappt, wir haben kein Internet mehr“, twittert persiankiwi am Mittwochnachmittag. Und ein paar Minuten später: „Es gibt Gerüchte, dass sie Telefonanschlüsse ausfindig machen, über die besonders viele Daten laufen, um Internetnutzer zu finden - wir müssen jetzt weg von hier.“
Verschärfte Kontrollen
Andere Twitterer berichten, dass die Regierung gefälschte E-Mails von den Adressen festgenommener Journalisten und Aktivisten versende. Auch wird vor Twitterern gewarnt, die im Minutentakt die Adressen von Internetseiten nennen, die angeblich über Hilfsorganisationen informieren. Tatsächlich werde über diese Seiten aber versucht, diejenigen, die darauf klicken, zu orten und festzunehmen.
Auch geben einige Twitterer an, anonyme Anrufe erhalten zu haben, in denen nach ihrer Adresse gefragt worden sei.
Fotos und Videos der Ausschreitungen vom Mittwoch findet man kaum noch im Internet. Während am Wochenende noch Hunderte von Aufnahmen hochgeladen worden waren, verweisen die Twitterer nun immer wieder auf die selben drei Filmschnipsel beim Videoportal Youtube.
„Versteckt eure Handys!“
Die Kontrollen seien verschärft worden, es sei kaum noch möglich, auf den Straßen Aufnahmen zu machen. „DRINGEND: Die Polizei kontrolliert Handys auf Videos und Fotos. Ladet die Dateien auf den Computer und löscht sie von euren Telefonen“, warnt iranbaan am Mittwoch.
„Wenn es so aussieht, als solltet ihr kontrolliert werden, versteckt eure Handys. Holt sie später wieder“, rät Oxfordgirl. Sie hat sich in vielen ihrer Twitter-Nachrichten der vergangenenen Tage auf Freunde in Iran berufen; doch einige von ihnen seien in der Nacht zu Mittwoch festgenommen worden, twittert sie.
Mehrere prominente Twitterer, die seit der Wahl täglich über die Lage in Teheran berichtet haben, sind in den letzten zwei Tagen verstummt. Einige von ihnen haben mehr als 30 000 Abonnenten, die sofort über neue Einträge informiert werden. So auch der Nutzer persiankiwi. Er gilt als einer derjenigen, die tatsächlich Augenzeugenberichte aus Teheran liefern und nicht nur Gerüchte wiederholen.
„Sie werden ihn foltern“
Am Mittwoch nachmittag schrieb er seine bislang letzten Nachrichten: „Wir müssen jetzt gehen - wir wissen nicht, wann wir wieder Internet haben - sie haben einen von uns, sie werden ihn foltern und unsere Namen erfahren - wir müssen jetzt schnell weg hier.“
In Blogs und bei Twitter diskutieren andere Nutzer besorgt darüber, was geschehen sein könnte. Vermutlich handele es sich um mehrere Teheraner, die sich abwechselnd als persiankiwi eingeloggt hätten und von denen nun einer verhaftet worden sei, glauben sie.
Die Nachrichten persiankiwis waren am Mittwoch zunehmend dramatischer geworden: „Sie ziehen die Toten in Lieferwagen - wie am Fließband - kein Mensch kann so etwas tun - wir flehen Allah an, uns zu beschützen“, twittert er, und kurz darauf: „Allah - du bist der Schöpfer von allem, und alles muss zu dir zurückkehren - Allahu Akbar“. Danach verstummt persiankiwi.
Brutale Angriffe auf Demonstranten
Ein anderer vielgelesener Twitterer, change-for-iran, meldet sich am Donnerstagmorgen nach viertägigem Schweigen. Er gibt an, von Basidschi schwer verletzt worden zu sein und sich jetzt außerhalb Teherans zu befinden.
Auf die iranischen Staatsmedien wollen sich die Twitterer trotz der schlechten Nachrichtenlage nicht verlassen: Oxfordgirl meldet, das Staatsfernsehen sende Bilder aus Teheran, die ruhige Straßen zeigten; die Aufnahmen seien jedoch im Frühling, nicht im Sommer gemacht. Andere berichten von Beiträgen, wonach die Demonstranten die Gewalttätigen seien.
Bei Twitter hingegen berichten die mutmaßlichen Augenzeugen am Mittwoch von brutalen Angriffen auf rund 5000 Demonstranten. „Sie schlagen die Menschen wie Tiere“, schreibt persiankiwi am Nachmittag, „ich sehe viele Menschen mit verletzten Armen/Beinen/Köpfen - Blut überall.“ Die Angst der Demonstranten wächst: „Bitte bleibt zu Hause, wo ihr sicher seid“, schreibt am Donnerstag ein Twitterer, „streikt stattdessen. Das ist effektiver.“