23.11.2009 · Ein herausfordernder Blick, ein tiefer Ausschnitt: Die Sexualität ist das Werkzeug der Jugend in Iran, um mit alten Tabus zu brechen und um aufzubegehren gegen das, was der Staat ihnen untersagt. Der Protest, der in der Politik brutal unterdrückt wird, wird im Privaten gelebt.
Von Christiane Hoffmann, TeheranDie Spannung liegt über der Stadt wie eine silbrige Knisterfolie. Sie macht nervös und aggressiv wie ein peinigender Summton und bringt die Menschen dazu, sich in den Nächten schlaflos hin und her zu wälzen. Seit Jahren hält die Spannung die iranische Hauptstadt im Griff, eine Stadt voller schöner, junger Menschen. Neugierig und ahnungsvoll, schüchtern und begierig, brennen sie auf das, was ihnen verweigert wird, untersagt vom islamischen Staat und von ihren Vätern. Teheran ist eine Stadt voller heimlicher Sehnsüchte, voller handgreiflicher Anmache und anzüglicher Blicke. Überall quillt es hervor, das Verbotene, das Unbekannte: Den ganzen Tag über bis tief in die Nacht sind die Straßen, die Einkaufspassagen und Parks voller junger Leute auf der Suche nach Gelegenheiten, nach einem Blick, einer Berührung, einer Telefonnummer, die auf einem Zettel zugesteckt wird. Eine Spannung liegt über Teheran tagaus, tagein, unerträglich anschwellend zum Wochenende hin, und nur etwas nachlassend in den großen Neujahrsferien im Frühjahr, wenn alle nach Norden ans Kaspische Meer fahren.
Drei junge Frauen hängen im Café einer Einkaufspassage herum: die Haare toupiert, das Make-up üppig und düster, die Lippen dunkelrotglänzend, die Nägel schwarzgrün lackiert, die Schuhe mit Absätzen, als seien sie dafür gemacht, etwas zu zertreten. In ihren Blicken eine Mischung aus Langeweile, Trotz und Aufschrei: Seht uns an! Es gab eine Zeit, da wischten Sittenwächterinnen den Frauen mit der Faust das Rot von den Lippen, irgendwo gibt es das auch heute noch, aber es nützt wenig, seit die Frauen aus ihren Häusern gekommen sind und das, was sie ihr „Recht auf Sexualität“ nennen, demonstrativ nach außen tragen. Sie zeigen es mit ihrer aufreizenden Kleidung, den engen Mäntelchen, mit ihren herausfordernden Blicken, dem lasziven Gang, sie zeigen es in der Art, wie sie die Beine übereinanderschlagen und ihre Zigaretten halten. Alles an ihnen widerspricht dem Diktat der Unscheinbarkeit, die die Islamische Republik mit ihren Sittengesetzen verordnet hatte. Der Koran hat nicht unrecht, die Anziehungskraft der Frauen zu fürchten. Diese sind gefährlich: so aggressiv verführerisch, so wütend und verzweifelt.
„Ich bin ein freies Mädchen“
Mina hat eine gute Viertelstunde zugehört, bevor sie ihrem Freund ins Wort fällt, eine gute Viertelstunde, in der es um Politik und Protest und Mäßigung und Reformen ging. Dann fährt sie dazwischen: „Das ist Männergelaber“, sagt sie. „Als Frau will ich, dass sich grundsätzlich etwas ändert.“ Dann kommt ihre Viertelstunde. Das Kopftuch muss weg, arbeiten will sie - „nicht zu Hause sitzen und malen“. Sie will ausgehen und Männer kennenlernen und Spaß haben. Sie ist 25, und eigentlich tut sie all das, tut sie alles, was sie will, seit Jahren. Aber sie will mehr: Sie will es offen tun und nicht im Verborgenen. „Wir haben ein Recht“, sagt sie. Und: „Ich will kämpfen.“
Seit fast zehn Jahren ist Mina mit Männern zusammen, „mit traditionellen, mit normalen, mit freien - ich bin ein freies Mädchen.“ Sie wohnt noch zu Hause, aber ihre Eltern - eine Familie der oberen Mittelschicht aus der Provinzhauptstadt Schiras - brauchen nichts zu wissen - „ruhig sein und sich amüsieren“ ist ihre Devise. Anfangs waren die Freundinnen entsetzt - „Niemand wird dich heiraten!“, jetzt machen sie es alle so.
„Enghelabe-dschensi“ - sexuelle Revolution nennen die jungen Leute das, was seit einigen Jahren in Iran passiert. Sie setzen der offiziellen Revolutionspropaganda, hohl und repressiv, ihre eigene private Revolution entgegen. Der Protest, der in der Politik brutal unterdrückt wird, wird im Privaten gelebt. Überall da, wo das islamische System ins Leben hineinherrscht, regt sich Widerstand: am Körper, in der Kleidung, in der Liebe. Ständig, täglich verstoßen sie gegen das Verbot von außerehelichen Beziehungen und leben damit ihre Wut. Sex wird zum Protest. „Wir wollen damit zeigen, dass wir nicht zum System gehören, dass wir da nicht mitmachen“, sagt Mina.
Auf Gefühle wird keine Rücksicht genommen
Im Sommer, bei den Demonstrationen um die Präsidentenwahlen, kam diese sexuelle Revolution hinaus auf die Straße. Die Begeisterung und Erregung, die der blässliche Reformkandidat Mir-Hussein Mussawi in seiner kurzen Wahlkampagne auf sich zog, war nicht nur politisch. Protest wurde zur Lust. Und die islamische Staatsmacht schlug genau dort zurück: Die Knüppeleien der Basitschi, der Volksmilizen, waren von groben sexuellen Beschimpfungen begleitet. Verhaftete in den Gefängnissen wurden vergewaltigt. „Du wolltest deine Stimme zurück? Hier hast du sie!“, hätten ihre Peiniger dabei zu ihr gesagt, berichtet eine junge Frau in ihrem Blog. Auch das ist Teil der Revolution: dass zum ersten Mal offen über die Vergewaltigungen gesprochen wird, dass einige Opfer die Scham überwunden und es gewagt haben, ihre Verletzungen öffentlich zu machen, dass Oppositionsführer Mehdi Karrubi Aufklärung verlangt hat und es einen Untersuchungsausschuss im Parlament gibt.
Die Sexualität ist zum Schlachtfeld geworden, aber die Liebe blieb auf der Strecke. Das traditionelle Tabu wird mit so viel Gewalt gebrochen, dass auf Gefühle keine Rücksicht genommen werden kann. Noch immer ist die Sexualität von großer Dunkelheit umgeben, weiß kaum einer der jungen Leute wirklich etwas darüber. „Wegen der Tradition sind wir alle wild auf etwas, von dem wir nicht wissen, was es ist“, sagt Mina.
Trotzdem brennen die Frauen darauf zu sprechen, auch solche, die traditioneller leben als Mina: Roja und Lili zum Beispiel, beide unberührt, beide 23, die ihren Eltern irgendeine Lüge aufgetischt haben, damit man sie aus dem Haus ließ. „Sie sperren uns ein, wir langweilen uns zu Tode.“ Ihre Väter versuchen, ihnen Angst zu machen, damit sie nicht aus dem Haus gehen: Auf der Straße ist es gefährlich, wenn du rausgehst, wirst du sterben. Die Väter können den Töchtern nicht mehr vertrauen.
Sie ahmen nach, was sie in Pornofilmen sehen
Roja und Lili wollen nur eins: unabhängig sein, arbeiten, um unabhängig zu sein, unabhängig von der Familie, unabhängig von einem Mann. Sie haben das Leben ihrer Mütter gesehen, die verschlossenen Türen, die Schläge. Sie sind hin- und hergerissen zwischen der Moral, die sie noch achten, und ihrem Aufbegehren gegen die ständige Gängelung. Wenn sie sich vor der Ehe mit einem Mann einlassen, wird es nicht aus Liebe geschehen, sondern aus Trotz. Niemand hat mit ihnen je über Sexualität gesprochen, nicht in der Schule und nicht zu Hause, auch ihre Mütter nicht, die erste Menstruation traf sie unvorbereitet. „Wir müssen uns alles zusammenreimen.“ Sie suchen im Internet, immer mehr junge Leute auch in Pornofilmen, ahmen dann das, was sie dort sehen, nach und halten es für Liebe.
Irgendwie finden Roja und Lili es richtig, als Jungfrau in die Ehe zu gehen, aber auch ihre Lippen sind zu rot, als dass es nicht um Werbung ginge. Von den Männern erwarten sie nichts Gutes: „Sie denken nur an Sex, und wenn das Mädchen nicht gleich will, verlieren sie das Interesse. Sie wollen mit möglichst vielen ins Bett, aber wenn sie heiraten, soll es eine Jungfrau sein.“ Die jungen Frauen in Iran haben schmerzliche, verzweifelte Auswege gefunden, um mit diesem Widerspruch zu leben: ein chirurgischer Eingriff im Intimbereich vor der Hochzeitsnacht oder Sex, der das Jungfernhäutchen erst gar nicht verletzt.
Mädchen sollen Jungfrau sein, aber trotzdem gut im Bett
„Der Übergang von der Tradition zur Moderne ist voller Scham und Schmerzen“, sagt der Doktor, einer der wenigen, der sich mit Sexualität beschäftigt. In Iran will niemand drucken, was er zu sagen hat. Dabei ist auch er begierig zu sprechen, mindestens drei Stunden, verlangt er, soll das Interview dauern. In Iran - wie in vielen anderen Ländern auch - sei Sex traditionell eine Möglichkeit für Frauen, sich materiell abzusichern. In einer nicht veröffentlichten Studie gaben 52 Prozent der Frauen an, dass sie Sex benutzen, um an Geld zu kommen. Auch die Ehe ist ein Handel, auch für die Frau, denn vor der Hochzeit wird ihr Preis festgelegt mit der „mehrije“, dem Geld, das der Mann zahlen muss, wenn er sich scheiden lassen will. Das ist eine Sicherheit für die Frau, und zugleich eine Bürde, ein Quell des Unfriedens zwischen den Familien und der Verletzungen zwischen den Eheleuten. Die Jungfräulichkeit der Töchter ist dabei nicht nur ein moralisches Gut, sondern auch eine Ware. Ist sie verloren, sinkt der Preis.
Die schöne Psychologin hält ein Seminar für Führungskräfte. Sie sitzt vor ihnen auf einem Barhocker. Die Männer hängen an ihren rosaroten Lippen. Sie formt die Laute mit großem Nachdruck und einem sehr bestimmenden Unterton. Ihre Nase hat sie verkleinern lassen - der in Iran beliebte „nose job“. Sie hat die Beine mit der engen Jeans übereinandergeschlagen und wippt leicht mit dem Fuß in High Heels: eine zierliche Domina und Anhängerin von C. G. Jung, die auch Therapiesitzungen für junge Leute macht, „damit sie ihr wirkliches Selbst im Leben finden“. Denn die junge Generation hat sich selbst verloren in diesem brutalen, politisierten Coming-out, in den alltäglichen Lügen zu Hause, in der Schule und auf der Uni, in ihrer vorgeblichen Freizügigkeit, dem zwanghaften Amüsement. Sie sollen alles sein: brave Tochter und coole Freundin, Jungfrau und gut im Bett. Die meisten Frauen, sagt die Psychologin, erlebten nie einen Höhepunkt, und die Männer merkten nicht einmal, dass sie ihnen etwas vormachen. Es sei ihnen auch egal. „Wir ziehen alle die ganze Zeit eine Show ab.“
Christiane Hoffmann Jahrgang 1967, politische Korrespondentin der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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