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„Heimtückischster“ Feind Britanniens Beförderung zum großen Satan

23.06.2009 ·  Die Spannungen zwischen Teheran und London nehmen zu: Großbritannien hat von Amerika die Rolle übernommen, Blitzableiter für die iranischen Reaktionen auf die Kritik des Auslands zu sein.

Von Rainer Hermann, Abu Dhabi
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Auf einmal ist der „kleine Satan“ der „große“. Großbritannien hat von den Vereinigten Staaten die Rolle übernommen, Blitzableiter für die Reaktionen Teherans auf die Kritik des Auslands zu sein. Den Auftakt dazu hatte Revolutionsführer Chamenei bei seiner Freitagspredigt gemacht, als er England den „heimtückischsten“ unter Irans Feinden nannte. Für einmal antworteten die Massen in der Reihenfolge „Tod England, Tod Israel“ und dann erst „Tod Amerika“. Seither nahmen die Spannungen zwischen Teheran und London in einem Maße zu, dass die britische Regierung als erste beschloss, die Angehörigen ihrer Diplomaten aus Teheran abzuziehen.

Nun weist Großbritannien zwei iranische Diplomaten aus. Das sei eine Reaktion auf die Ausweisung von zwei britischen Diplomaten aus Teheran, sagte der britische Premierminister Gordon Brown am Dienstag im Parlament in London. Die Anschuldigungen seien „ohne jede Grundlage“ gewesen.

Iran wiederum berief seinen Botschafter in Großbritannien zu Konsultationen nach Teheran zurück. Er solle über die Einmischung Großbritanniens in die inneren Angelegenheiten Irans Bericht erstatten, meldete das Staatsfernsehen. Zuvor hatte Außenminister Mottaki behauptet, London habe seit mehr als einem Jahr daran gearbeitet, die Wahlen von außen zu manipulieren. Parlamentssprecher Laridschani sprach von der Notwendigkeit, die diplomatischen Beziehungen zu Großbritannien aufgrund der „Einmischung in die Entwicklungen nach der Wahl“ zu überprüfen. Das Parlament ist in Iran jedoch nicht eine Institution, die Beschlüsse fasst, die auch verwirklicht würden. Diese Entscheidungen kommen von anderer Stelle - und die ordneten beispielsweise die Ausweisung des BBC-Korrespondenten John Leyne an.

„BBC ein „Lügen- und Propagandaapparat“

Noch mehr fürchtet Teheran aber den persischsprachigen Sender von BBC, der bei vielen Iranern zur wichtigsten Informationsquelle über die Vorgänge in ihrem Land geworden ist. Erst fünf Monate vor der Präsidentenwahl war er auf Sendung gegangen. Die Angst vor Repressionen hielten viele Iraner nicht davon ab, offen vor laufenden Kameras zu sprechen. Der Sender war der erste, der Amateurvideos von Kundgebungen ausstrahlte, die ihm übermittelt wurden.

Am Dienstag referierte im iranischen Staatsfernsehen ein „Fachmann“ darüber, der Sender sei ein „Lügen- und Propagandaapparat“, der vom „Weltzionismus“ gesteuert werde und ein „Komplott“ geplant habe. Vom Sender „Voice of America“ war nicht mehr die Rede.

Nicht genehmigt hat das Innenministerium allerdings eine Demonstration, die die „Islamischen Studentenverbände“ und die „Studentischen Basidsch“-Milizen für Dienstag vor der britischen Botschaft in Teheran angemeldet hatten. Der Studentenführer Esmail Tahmouressi hatte angekündigt, der Tag könne ein „neuer 4. November“ werden. Am 4. November 1979 hatte die Besetzung der amerikanischen Botschaft begonnen, die 444 Tage dauerte. Der Protest gelte der „perversen britischen Regierung“, da sie sich in die inneren Angelegenheiten Irans eingemischt und die Unruhen unterstützt habe, hatten die Studentenverbände mitgeteilt. Nun gaben sie bekannt, die Demonstration sei lediglich um einige Tage verschoben.

Kein Konsens über Obamas Dialogangebot

Dass Teheran bei aller ausländischen Kritik vor allem Großbritannien ins Visier nimmt, hat zwei Gründe. Zum einen fror die britische Regierung unter Berufung auf die Iran-Sanktionen ein Konto ein, auf dem mehr als eine Milliarde Euro liegen und das nicht etwa einem staatlichen iranischen Unternehmen, sondern einem Sohn Chameneis gehört. Zum anderen bestehen wohl in der iranischen Staatsführung weiter Meinungsverschiedenheiten, wie man auf Obamas Dialogangebot reagieren soll. Ein amerikanischer Präsident, der seine Hand ausstreckt, taugt nicht als „großer Satan“. So lange in Teheran aber kein Konsens besteht, wie man mit Obama umgehen will, muss sich der britische Premierminister Brown für seine Feststellung tadeln lassen, dass die Art, wie Iran auf die Kundgebungen der Opposition reagiert, über seine Beziehungen zur Welt entscheiden werde.

Ganz aus der Schusslinie sind die Amerikaner damit nicht. Die iranische Nachrichtenagentur Fars meldete am Dienstag, der Korrespondent der „Washington Times“ sei verhaftet worden. Auch wird der persischsprachige Nachrichtensender Voice of America, der wesentlich weiter vom Puls Irans entfernt produziert, inzwischen gestört. Ausländische Sender zu sehen, ist nahezu unmöglich geworden, und seit Dienstag sei auch das Internet in ganz Teheran so langsam, dass man es kaum mehr zu benützen könne, beschweren sich die Iraner. Daher müsse man nun ins Ausland anrufen, um zu erfahren, was in Iran los sei, klagt ein Informant. Denn das staatliche Fernsehen vermittelt, bis auf die Beschimpfungen von BBC, den Eindruck einer heilen iranischen Welt.

Durch die Verlangsamung des Internets neutralisiert das Regime ein weiteres Instrument der Opposition. Die hatte in den vergangenen Tagen begonnen, Fotos mit Adressen und Telefonnummern jener zu verbreiten, die bei der Niederschlagung der Proteste identifiziert werden konnten. Eingesetzt hat auch die Suche nach dem Mörder der jungen Philosophiestudentin Neda. Im Umlauf war zudem ein Foto eines Milizionärs, der mit der Waffe in der Hand auf einem Moped raste und von dem es hieß, er besäße drei Fabriken, schulde den Banken aber umgerechnet 175 Millionen Dollar, die er aufgrund politischer Protektion nicht zurückzahle.

Immer schwieriger wird es, Gerüchte von Nachrichten zu unterscheiden. Alles scheint möglich, nichts aber ist gewiss. So geistert die Geschichte herum, der Oppositionsführer Mussawi sei bei einer Kundgebung im Totenhemd gekleidet und auf das Martyrium vorbereitet erschienen. Unbestritten ist lediglich, dass er als Held gefeiert wird, weil er trotz aller Drohungen nicht in die Knie gegangen ist. Die Legendenbildung hat eingesetzt.

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Jahrgang 1956, Korrespondent für Wirtschaft und Politik in der arabischen Welt mit Sitz in Abu Dhabi.

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