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Aufstand in Iran „Es gibt kein Zurück mehr“

22.06.2009 ·  „The revolution will be twittered“, heißt es bereits über die Kommunikationsformen der Protestbewegung in Iran. Markus Bickel sprach mit dem Iran-Forscher Nima Mina über die Bedeutung der neuen Social-Networking-Instrumente für die Bewegung.

Von Markus Bickel
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Nima Mina ist Iranist an der Londoner School of Oriental and African Studies. Dort unterrichtet und forscht der 1962 in Teheran geborene Iraner seit 2000 zu Internet-Kultur in Iran. Mit ihm sprach Markus Bickel.

„The revolution will be twittered“, heißt es bereits über die Kommunikationsformen der Protestbewegung in Iran. Hat Mund-zu-Mund-Propaganda ihre Bedeutung völlig verloren?

Die immer tiefer werdende Kluft zwischen der Führung der Oppositionsbewegung und der Basis zwingt die Aktivisten dazu, eigene Grass-Root-Methoden zu verwenden, um sich zu verständigen und zu organisieren. Die explosionsartige Entwicklung des Internet in Iran seit 2001 hat dazu entscheidend beigetragen, auch wenn die traditionellen Kommunikationsformen weiter eine Rolle spielen. Während die Spitze der Reformbewegung lediglich über eine Neuverteilung der Macht verhandeln will, ist die Basis längst dazu übergegangen, die Machtenthebung des religiösen Führers Chamenei zu fordern - und das System insgesamt infrage zu stellen.

In Iran spielen die neuen Medien bei den Protesten gegen das Ergebnis der Präsidentenwahl eine zentrale Rolle. Mit Hilfe von Diensten wie Twitter, Facebook oder YouTube kommunizieren die Demonstranten untereinander - und mit der Außenwelt, trotz der staatlichen Einschränkungen der Pressefreiheit.

Aber die Führung der Bewegung nutzt Facebook, Twitter, Youtube und Flickr doch auch.

Aber so wie im Rest der Welt werden diese Social-Networking-Instrumente weiterhin vor allem von jüngeren Iranern genutzt. Dass Mussawi und seine Frau oder der Wahlkampfleiter Karubis ihre eigenen Facebook-Seiten und Twitter-Accounts unterhalten, hat damit zu tun, dass sie mit der jungen Generation ins Gespräch kommen müssen. Sie wissen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung unter dreißig Jahre alt ist. Deshalb versuchen sie, sich zu verjüngen, was nur durch Übernahme der Methoden dieser dynamischen Mehrheit möglich ist.

Das heißt, die Basis zwingt die Führung der Opposition so auf ihre Seite?

Nicht unbedingt. Die Eigenschaft von Twitter, Facebook und Blogs ist es ja, dass sie eine Horizontale bilden, eine Art anarchische Kommunikationsgemeinschaft ohne Zentrale. So weit ich weiß, gibt es kein Hauptquartier, kein Zentralbüro, das sich hinter irgendeiner Facebook- oder Twitter-Adresse versteckt. Jeder denkt für sich und ist auf eine bestimmte Weise emanzipiert und nimmt trotzdem an einer Massenbewegung teil. Ich glaube, dadurch ist eine neue Qualitätsstufe erreicht worden.

Inwieweit ist es der Regierung überhaupt möglich, diese Kommunikationswege zu unterbinden?

Ich bin in Kontakt zu vielen Freunden in Iran, die mit ihren Blackberries unterwegs sind, und die finden immer irgendeine Möglichkeit, ihre Botschaften nach außen zu schicken. Aber natürlich versucht die Regierung alles, um Akteure, die Konzepte und eine Strategie entwickeln können, aus dem Verkehr zu ziehen. Jeder, der an der Spitze der Reformer sprechen, schreiben und mobilisieren kann, soll verhaftet werden.

Bislang erfährt man noch relativ viel aus Teheran, aus anderen Großstädten so gut wie nichts. Wissen Sie mehr - und woher?

Auch in Isfahan, Tabris und Schiras kam es zu Protesten - wenn auch nicht in dem Maße wie in Teheran. Die Informationen kommen aus dem Internet, eingespeist vor allem von Studenten. Die sind organisiert, können schreiben, und kennen sich mit der Technologie aus.

Lässt sich die Bewegung noch stoppen?

Es gibt kein Zurück mehr in die Zeit vor dem Wahltag, zumal sich der Ton der Konfrontation seit Chameneis Rede am Freitag entscheidend verändert hat: Jetzt ist er das Feindbild und von Ahmadineschad weder in Überschriften, Parolen und Plakaten noch etwas zu sehen.

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