28.03.2008 · Wäre die Austragung der Olympischen Spiele ganz von politischen Konjunkturen abhängig, hätten sie seit ihrer Wiederbegründung 1896 wohl selten stattgefunden. Die Vergangenheit zeigt, wie olympisches Wunschdenken an der Realität zerbricht.
Von Jörg HahnDie Vereinigten Staaten und deren Präsident George W. Bush haben dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in diesen Tagen als Schutzschild gedient, um Boykottforderungen gegen die Olympischen Spiele in Peking wegen chinesischer Menschenrechtsverletzungen abzuwehren: „Das IOC ist keine Weltregierung, das die Länder in Gut und Böse einteilt“, sagte Thomas Bach, der IOC-Vizepräsident aus Tauberbischofsheim. Wenn es heiße, so Bach polemisch, die Menschenrechte müssten erst erfüllt sein, bevor die Spiele an ein Land vergeben werden könnten, dann müsse er fragen: „Wie gehen sie dann mit einem Land um, das auf einem fremden Kontinent einen nicht von den Vereinten Nationen legitimierten Krieg führt, das die Todesstrafe verhängt und auf dessen Territorium aufgrund ausdrücklicher Intervention seines Präsidenten der Geheimdienst foltern darf?“
Die Karriere Bachs, des Fecht-Olympiasiegers von 1976, als Sportfunktionär nahm ihren Anfang mit den Diskussionen über Nutzen oder Schaden des Boykotts der Moskauer Spiele 1980. Das Fernbleiben der Bundesrepublik Deutschland sieht Bach bis heute als falsch und auch als persönliche Niederlage an. Seine Haltung zu Olympiaboykotten und zur Rolle des IOC hat sich nicht gewandelt: Sport habe politisch neutral zu sein - nicht zuletzt, um ihn vor dem Missbrauch durch Diktaturen und politische Eiferer zu schützen. Von diesem Standpunkt ist es nicht weit bis zum Vorwurf zumindest der Hilflosigkeit, zumal das IOC bei der Vergabe der Spiele an Peking vor sieben Jahren den Aspekt der Verbesserung der Menschrechtssituation ausdrücklich genannt hatte. Noch aber hat der oberste Olympier, IOC-Präsident Jacques Rogge, kein Wort der Abgrenzung von der chinesischen Politik gesagt.
Der Medaillenspiegel als Rangordnung der Nationen
Schon Pierre de Coubertin, der Begründer der modernen Olympischen Spiele, musste erfahren, dass deren politische Neutralität eine Utopie ist. Sehr früh erkannten Könige und Repräsentanten der gastgebenden Nationen, welche Möglichkeiten zur politischen Selbstdarstellung die Olympischen Spiele boten. Man nutzte das wachsende Interesse, denn neue Medien, zuerst der Film, dann das Fernsehen, machten die Spiele zu einer Weltbühne. Der Medaillenspiegel wurde zu einer Rangordnung der Nationen, die Zahl der errungenen Medaillen zum Zeichen für Größe und Stärke eines Volkes. Mit den Fahnen und Hymnen bei der Siegerehrung wurde der Nationalismus gefördert. Nur in seltenen Fällen - etwa nach dem Zusammenbruch der alten politischen Ordnung des Ostblocks sowie auf dem Balkan - fand das IOC den Ausweg aus dieser letztlich gefährlichen Symbolik und versammelte Sportler hinter seiner neutralen, weißen Flagge mit den fünf olympischen Ringen.
Im antiken Olympia wurde die Fackel auf ihren Weg um die Welt geschickt. Doch die Zeremonie stand im Schatten des Protests gegen China. Die offiziellen Kameras des IOC versuchten die Demonstranten zu ignorieren - doch das gelang nicht.
Die Olympischen Spiele hätten seit ihrer Wiederbegründung durch Coubertin im Jahr 1896 wohl selten stattgefunden, wenn sich das IOC nur an der jeweiligen politischen Weltsituation orientiert hätte. Wie politikfern also sind das IOC und die Spiele? „Das Ideal vom politisch neutralen, friedensstiftenden Olympia bleibt, wie die Geschichte gezeigt hat, eine Utopie. Im Spiegel der aktuellen politischen Strömungen und Ereignisse erweist sich olympische Moral oft als Doppelmoral“, sagt der Göttinger Sporthistoriker Arnd Krüger. Der frühere Diplomat der spanischen Franco-Diktatur Juan Antonio Samaranch hat in seiner 21 Jahre dauernden Amtszeit als IOC-Präsident (1980 bis 2001) das zuvor bettelarme Komitee zu einer Wirtschaftsmacht geformt, die mit ihrem Wanderzirkus Milliarden erwirtschaften und an den Weltsport verteilen kann. Dass daraus auch eine politische Verpflichtung erwachsen ist, lässt sich schwer leugnen.
Olympischer Friede - nur eine Worthülse
Die zurückliegenden 112 olympischen Jahre sind voller Beispiele dafür, wie olympisches Wunschdenken an der Realität zerbricht. Oft sind es nur Worthülsen, wenn das olympische Prinzip von der Gleichheit der Rassen, Religionen und Weltanschauungen, der sogenannte olympische Frieden und die Einheit der olympischen Bewegung bemüht werden. Nicht zuletzt Deutschland hat - in hervorstechender Weise mit den Berliner Spielen 1936, aber auch nach dem Zweiten Weltkrieg - Olympia auch als politisches Kampffeld betrachtet. Das politische Bonn sah in der Frage der Anerkennung der DDR im Sport die Hallstein-Doktrin unterlaufen und legte dem angeblich ja unabhängigen Sport immer wieder Steine in den Weg.
Die Geschichte der Olympiaboykotte begann nicht 1980 in Moskau (dem 1984 in Los Angeles der Gegenboykott des Ostblocks folgte), sondern Jahrzehnte früher. 1956 blieben Ägypten, Irak und der Libanon den Spielen von Melbourne fern, wegen der Rolle Israels in der Suez-Krise. Spanien, die Niederlande und die Schweiz verzichteten aus Protest gegen die Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes durch sowjetische Truppen. Nach dem Einmarsch der Sowjets und ihrer Verbündeten in die Tschechoslowakei wollten 1968 die Skandinavier nicht teilnehmen. Studentenrevolten mit vielen Toten kurz vor den Spielen in Mexiko-Stadt stellten die Ausrichtung der Spiele in Frage.
Der Apartheidstaat Südafrika wurde vom IOC von den Spielen in den sechziger Jahren ausgeschlossen. 1972 in München erzwang der Oberste Afrikanische Sportrat eine Abstimmung der IOC-Vollversammlung über den Ausschluss des damaligen Rhodesien, der Vorfall ging als „olympische Erpressung“ durch die Presse. Die IOC-Mitglieder überstimmten dabei ihren Präsidenten Avery Brundage (1936 im übrigen Gegner eines Boykotts der Hitler-Spiele), Rhodesien durfte nicht mitmachen. Kurz darauf erschütterte der palästinensische Terroranschlag auf das Olympische Dorf die Welt.
„The games must go on“
Bevor IOC-Präsident Brundage bei der Trauerfeier im Münchner Olympiastadion seine Formel „The games must go on“ sprach, sagte er: „Wir haben schon wieder eine Schlacht gegen die Politik verloren.“ Auch 1976 gab es einen Erpressungsversuch afrikanischer Länder, verlangt wurde der Ausschluss Neuseelands, das mit seiner Rugbymannschaft Sportbeziehungen zu Südafrika unterhielt. Das IOC erklärte sich anders als vier Jahre zuvor für nicht zuständig - schließlich boykottierten dreißig afrikanische Länder die Spiele von Montreal.
Die Winterspiele 2002 in Salt Lake City im Bundesstaat Utah fanden gerade fünf Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und im Zeichen des amerikanischen Feldzuges gegen den weltweiten Terrorismus statt. Jacques Rogge war seit gut einem halben Jahr IOC-Präsident. Der nach den Anschlägen von den Vereinigten Staaten und ihren Verbündeten in Afghanistan geführte Krieg war zur Zeit der Winterspiele noch in vollem Gange. 1980 war es der Einmarsch der Sowjetunion in Afghanistan Ende 1979, der zum Boykott der Spiele von Moskau unter anderem durch die Vereinigten Staaten und die Arabische Liga geführt hatte.
Eine 2001 vom IOC für die Zeit der Spiele von Salt Lake City ausgerufene Waffenruhe hatten die Amerikaner ausgeschlossen. Protest? Fehlanzeige. Die Eröffnungsfeier wurde bestimmt vom Gedenken an die Opfer der Anschläge, aber auch von der politischen Mission Bushs. „Stellvertretend für eine stolze, entschlossene und dankbare Nation erkläre ich die Spiele von Salt Lake City zur Feier der Winter-Olympiade für eröffnet“, rief Bush. Der Präsident hat mit seinem patriotischen Zusatz olympische Geschichte geschrieben: Als erstes Staatsoberhaupt änderte er die seit Coubertin gültige Eröffnungsformel ab.
Der Berufssportler kann als Gutmensch nicht überleben
Ein Sportler hätte sich mit einer solch offensichtlichen politischen Demonstration auf dem olympischen Hoheitsgebiet wohl eine Sanktion durch das IOC eingehandelt. Die Olympische Charta stellt die Verletzung des Verbots von politischen, religiösen oder rassistischen Demonstration unter Strafe. Was Artikel 51 vom Recht auf Meinungsfreiheit übriglässt, darüber wird derzeit heftig diskutiert. Selbst führende IOC-Mitglieder können oder wollen Detailfragen dazu nicht beantworten. Wie können Athleten in Peking deutlich machen, dass ihre Teilnahme an dem sportlichen Weltereignis nicht ihre Identifikation mit der Innen- oder Außenpolitik des Gastlandes bedeutet, ohne den Ausschluss oder gar die Aberkennung von Medaillen zu riskieren? Verliert ein Olympiasieger, der bei der Siegerehrung ein orangenes „Free Tibet“- T-Shirt trägt, sein Gold?
Der Frankfurter Walther Tröger, langjähriger Präsident des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland und seit fast zwei Jahrzehnten IOC-Mitglied, meint, eine Aberkennung von Medaillen sei nur bei einer Verletzung der Wettkampfregeln möglich - nicht aus anderen Gründen. Eine Garantie dafür gibt es (noch) nicht. Die IOC-Exekutive, die etwa auch über Dopingsünder urteilt, wird von Fall zu Fall entscheiden müssen. Dass es viele politisch aktive Sportler geben wird, ist allerdings eher unwahrscheinlich.
Schon in diesen Tagen machen potentielle Olympiastarter mit ihren Äußerungen klar, dass die Teilnahme in Peking für sie viel weniger eine Gewissensentscheidung ist als eine existenzielle Frage; der Berufssportler von heute kann als Gutmensch nicht überleben. Deshalb rechnen Fachleute in Peking kaum mit einem Eklat wie kürzlich bei den Schwimmeuropameisterschaften in Eindhoven: Dort wurde der Serbe Milorad Cavic ausgeschlossen, weil er ein T-Shirt „Kosovo ist Serbien“ trug.
Gegängelte Athleten
Vor vierzig Jahren, 1968 bei den Spielen in Mexiko-Stadt, schufen die amerikanischen Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos bei der Siegerehrung des 200-Meter-Sprints die Ikonographie des politisierten Athleten. Je eine Faust mit einem schwarzen Handschuh in den Himmel gereckt - Smith und Carlos teilten sich nämlich ein einziges paar Handschuhe -, die Füße in schwarzen Socken als Symbol der Armut, protestierten die dunkelhäutigen Sportler für Gleichberechtigung. Ihr Vorbild war nicht Malcolm X, sondern Martin Luther King. Die olympische Familie verstieß sie, ließ ihnen aber die Gold- und die Bronzemedaille. In den Vereinigten Staaten wurden Smith und Carlos erst Anfang der achtziger Jahre rehabilitiert, vor den Olympischen Spielen 1984 von Los Angeles. Ihr „Widerstand der Unterdrückten“ erfuhr späte Anerkennung.
Michael Vesper, Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und zugleich Chef de Mission der deutschen Olympiamannschaft, versichert seit Tagen: „Wir verteilen keine Maulkörbe. Unsere Athleten sind mündige Bürger, die sich eine Meinung bilden sollen und diese im Rahmen der Regeln auch ausdrücken können.“ Der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Günter Nooke, beklagt dagegen eine regelrechte Gängelung der Athleten: „Wenn das IOC die Spiele weiter an Länder wie China oder Russland vergeben will, dann muss es den Sportlern auch erlauben, sich politisch zu äußern, und darf ihnen nicht mehr mit Konsequenzen drohen.“ Wie sich das „politisch neutrale“ IOC positionieren, wie es die Athleten ermutigen oder bremsen wird, das ist die spannende Frage der kommenden vier Monate.