Der Vorspann meldet nichts vom Tod des Künstlers. Als lebte er noch und als stünden die fünfzig Londoner Konzerte unmittelbar bevor, werden wir schriftlich davon in Kenntnis gesetzt, welche Vision Michael Jackson demnächst umsetzen werde. Man muss nicht kleinlich sein und weiß ja, wie die Sache ausging; aber die fast dreist anmutende Unterschlagung des Lebensendes verdankt sich nicht der Pietät, sondern ergibt sich daraus, dass der Musiker eine Rückkehr auf die Bühne überhaupt erwogen und, wie man nun sieht, generalstabsmäßig vorbereitet hat. Dass es dazu nicht mehr kam, ist fast Nebensache und fügt sich ein in eine mythische Popgeschichtsschreibung, nach der die besten oder zumindest denkwürdigsten Konzerte die sind, die nie gegeben wurden.
Es ist der Michael-Jackson-Industrie mit dem Dokumentarfilm „This Is It“ jedenfalls gelungen, lebensverlängernd zu wirken, auch wenn man nach einem ganz regulären Kinobesuch - Pressevorführungen gab es nicht - den Eindruck hatte, dass die Resonanz schon am ersten Tag nachzulassen begann. Wie ein lächerlich spärliches Echo kam einem der eine Radiomann vor, der sich am Ausgang postiert hatte und nach der ohnehin schwach besuchten Frankfurter Nachmittagsvorführung noch auf Stimmenfang ging: „Darf ich fragen, wie Sie's fanden?“
Keine Überraschungen
Er durfte. Dieser Film bietet keine Überraschungen und ist, in dieser Länge (fast zwei Stunden), nur für Fans interessant - also für sehr viele. Wir sehen einen Musiker fast noch auf der Höhe seiner Kunst, dessen körperliche Konstitution man auf jeden Fall schwächer eingeschätzt hätte, auch wenn keine Blut- und Laktatwerte vorliegen. Kenny Ortega, dessen väterliche Kommandostimme man in der Halle, in der die Proben für die mutmaßlich greatest show on earth im vergangenen Frühjahr stattfanden, ständig hört, hat einen Werkstattbericht inszeniert und vor allem zusammengeschnitten, für den es durchaus Vorbilder gibt, etwa die Musicals/Filme „A Chorus Line“ oder „Fame“.
Solchen Mustern von teamwork ist ein gleichsam demokratischer Charakter noch schwach eingeschrieben; hier dagegen dreht sich alles, aber auch wirklich alles um das eine Kraftzentrum, das mit sanfter Stimme, aber unglaublicher Präzision und Entschlossenheit dem vielköpfigen Personal seine von altmodischer Werktreue und einem sympathisch-eskapistischen Entertainmentbegriff beherrschten Vorstellungen erklärt und entsprechende Anweisungen erteilt. Michael Jackson tut dies mit notorischer Liebenswürdigkeit und beendet seine knappen, aber nicht scheuen Ansprachen selten ohne ein „Ich liebe/Gott segne euch“ oder „Ich weiß, ihr meint es gut, aber . . .“ Umso irritierender dann die Regisseursbehauptung, die einen knapp fünfzig Kilogramm schweren Monarchenkörper in den Rang des Göttlich-Sakralen hievt: Michael Jacksons nach einem vermutlich wenig barmherzigen Verfahren ausgewählte Tänzer seien „Erweiterungen seiner selbst“.
In einem gewissen Sinne ist es sogar so. Auch wenn der Film, dessen Ehrlichkeit man auf sich beruhen lassen sollte, etwas zeigt, das noch gar nicht fertig war - es wäre sehr wahrscheinlich eine große Show geworden.
