Damals rächte sich Michael mit einem Schuh. Als Vater Jackson bei den Proben einen seiner gefürchteten Wutanfälle bekam und seinem Sohn eins drübergab, warf dieser einen Schuh. Was dann passierte, hätte der junge Rebell sich denken können. „Joseph“ (die Anrede „Dad“ oder gar „Daddy“ hatte der Vater verboten) rastete aus. „Junge, du hast gerade dein Todesurteil unterschrieben“, soll er gebrüllt haben. Zum Äußersten ist es dann nicht gekommen. Aber eine gewaltige Tracht Prügel habe Michael schon bekommen, berichtet der Jackson-Biograph J. Randy Taraborrelli. Nun, da Michael Jackson wirklich tot ist, hat er sich für die Schläge und Demütigungen seines Vaters gerächt. Indem er den cholerischen Alten einfach ignorierte, als er 2002 sein Testament machte. Angeblich hat Jackson bestimmt, dass nur seine Kinder, seine Mutter Katherine und Wohltätigkeitsorganisationen vom Treuhandfonds „Michael Jackson Family Trust“ profitieren sollen. Der Zuchtmeister, der seine Sprösslinge erbarmungslos zum Erfolg im Musikgeschäft prügelte, geht offenbar leer aus.
Vorwürfe, dass er mitschuldig sei an der innerlichen wie äußerlichen Deformation seines verstorbenen Sohns, hat der Patriarch stets zurückgewiesen. Legendär ist, wie Jackson senior seinen Erziehungsstil 2003 in einem Interview mit der BBC verteidigte. „Ich habe ihn nie geschlagen“, behauptete er. „Für Schläge benutzt man einen Stock. Ich habe ihn (Michael) mit einer Gerte und einem Gürtel gepeitscht.“ Noch schlimmer waren offenbar die psychischen Wunden, die er seinem Sohn zufügte. Als „Big Nose“, Breitnase, hat er ihn verhöhnt. Am Ende war Jacksons Nase durch die vielen Operationen so schmal geworden, dass sie zusammenzufallen drohte. Vater Jackson dagegen markiert trotz seiner achtzig Jahre weiter den starken Mann. Er übernehme gemeinsam mit seiner Frau Katherine die Kinder und die Vertretung von Michaels Interessen, verkündete er bald nach Bekanntgabe der Todesnachricht. „Wir werden den Kindern die Erziehung geben, die sie haben sollten“, fügte er hinzu. Das klingt bedrohlich, wenn man an Michael Jacksons kaputte Jugend denkt. Auch hatte der Patriarch keine Skrupel, bei einer Gedenkfeier Werbung für seine neue Plattenfirma zu machen.
Seine Eltern waren zahlungsunfähig
Im Umgang mit Geld allerdings hat der ehemalige Kranfahrer, Boxer, Musiker und Manager der „Jackson Five“ nicht viel Geschick bewiesen. 1999 erklärten sich die Eltern Jackson für zahlungsunfähig. 24 Millionen Dollar Schulden hatte das Ehepaar damals angehäuft. Das Insolvenzverfahren wurde zwar vor zwei Jahren abgeschlossen. Aber die jahrelangen finanziellen Probleme könnten - ebenso wie die Gewalt damals im Hause Jackson - noch eine Rolle in den heraufziehenden juristischen Streitigkeiten spielen. Kaum war bekannt, dass Jackson den Anwalt John Branca und den Musikmanager John McClain als Testamentsvollstrecker benannt hatte, kam es schon zu Konfrontationen. Der Jackson-Clan habe voreilig versucht, Kontrolle über das Vermögen des Verstorbenen zu bekommen, kritisierten Branca und McClain.
Jetzt fehlt nur noch, dass Jacksons Ex-Frau Debbie Rowe in den Ring steigt. Als sie in einem Fernsehinterview sagte: „Ich will meine Kinder haben“, klang das so, als wolle sie mit Katherine Jackson den Kampf um das Sorgerecht aufnehmen. Aber ein Anwalt von Rowe sagte wenig später, es sei noch nichts endgültig entschieden. Die ehemalige Sprechstundenhilfe, die Jackson 1996 ein knappes Jahr nach dessen Scheidung von Lisa Maria Presley heiratete, gebar dem „King of Pop“ den ersehnten Nachwuchs: seinen ältesten Sohn, den mittlerweile zwölf Jahre alten Prince Michael, und die elf Jahre alte Paris Michael Katherine. Jacksons Jüngster, der sieben Jahre alte Prince Michael II, genannt Blanket, wurde von einer Leihmutter ausgetragen. So fühlte sich offenbar auch Debbie Rowe. „Ich tat es für Michael, damit er Vater wird, nicht für mich, um Mutter zu werden“, sagte sie später vor Gericht aus. Für den Verzicht auf das Sorgerecht hat Jackson ihr Millionen Dollar gezahlt. 2006 allerdings entschied ein Berufungsgericht auf Betreiben von Rowe, dass ein Vertrag über die vollständige Aufgabe ihrer Elternrechte unwirksam sei. Um die bizarre Beziehung der früheren Arzthelferin und des „King of Pop“ ranken sich seit jeher abenteuerliche Gerüchte. Die jüngste Version: Weder Rowe noch Jackson sind die leiblichen Eltern von Prince Michael und seiner Schwester. Debbie Rowe sei tatsächlich nur Leihmutter gewesen. Die Eizellen kämen von einer unbekannten Spenderin, und den Samen habe Rowes damaliger Chef Arnold Klein zur Verfügung gestellt.
Keine heiße Spur bei den Ermittlungen
Klein ist einer der zahlreichen Ärzte, die mit dem mysteriösen Tod Jacksons Zielscheibe von Vorwürfen und Verdächtigungen geworden sind. Jahrzehntelang gehörte der Popstar zu den Prominenten, die sich von dem Dermatologen in Beverly Hills therapieren und verschönern lassen. Als die ersten Gerüchte auftauchten, dass Jackson seine Haut bleichen lasse, teilte Klein mit, dass der Sänger an der Hautkrankheit Vitiligo leide und von ihm wegen Pigmentstörungen behandelt werde. In den Wochen vor seinem Tod hat Jackson die Praxis seines Freundes „Arnie“ angeblich häufig besucht. Die Polizei, so heißt es, habe deswegen Kontakt zu Klein aufgenommen, ebenso wie zu zahlreichen anderen Ärzten, die Jackson behandelt haben. Von einer „heißen Spur“ bei den Ermittlungen, ob der Popstar an Medikamentenmissbrauch starb, ist allerdings noch nichts bekannt.
Doch selbst wenn die Storys über Jacksons Medikamentenkonsum nur halbwegs stimmen, scheint es so gewesen zu sein, dass er sich in Stresszeiten mit Schmerz- und Schlafmitteln sowie Antidepressiva vollgepumpt hat. Davon wollen aber ausgerechnet jene, die sich nun mit ihrer innigen Beziehung zu Michael brüsten, nichts gewusst haben. Wenn sich die Gerüchte über Medikamentensucht bestätigten, würde ihn das „verletzen“, jammerte Jermaine Jackson, der nach eigenem Bekunden das „Rückgrat“ seines geliebten Bruders war. Schauplatz des tränenreichen Interviews war „Neverland“, Michael Jacksons bizarres Refugium, das zur Wallfahrtsstätte für trauernde Fans geworden ist.
Der Kindheitstraum geriet zum Albtraum
15 Jahre hat der Sänger auf der Ranch residiert, die er nach dem „Nimmerland“ seines Märchenhelden Peter Pan benannte. Doch der Kindheitstraum, den er sich mit dem privaten Märchenreich erfüllen wollte, geriet zum Albtraum, als die Staatsanwaltschaft in seinen prunkvollen Gemächern nach Beweisen für den sexuellen Missbrauch kleiner Jungen suchte. Zwar wurde Jackson 2005 freigesprochen, aber an Peter-Pan-Phantasien hatte er keine Freude mehr. Jackson verließ „Neverland“, und das Baumhaus, in dem er sich in die Rolle des ewigen Kindes hineinträumte, verwitterte.
Zu Glanzzeiten hatte der „King of Pop“ rund 150 Angestellte in seinem Reich beschäftigt. Mit mehr als 1000 Hektar Fläche ist „Neverland“ etwa fünfmal so groß ist wie das Fürstentum Monaco. Zwei Züge brachten Jacksons zahlreiche Besucher zu den verschiedenen Attraktionen: zur Spielhalle, zum Kino, zur Feuerwehrstation und zum Reptilienhaus. Zehn Millionen Dollar im Jahr verschlang die Unterhaltung von „Neverland“. Als Jackson dann vor den bösen Erinnerungen an den Missbrauchsprozess ins Ausland floh, verschwanden auch die Tiger und Schimpansen aus seinem Privatzoo. Das Riesenrad in dem Vergnügungspark stand still. Schließlich drohte sogar die Zwangsversteigerung, weil der Popstar die Hypothekendarlehen nicht mehr bedienen konnte.
Der Nachbar als Retter aus höchster Not
Als Retter in höchster Not erwies sich Nachbar Thomas Barrack. Der Milliardär besitzt ein Anwesen mit Weingärten, Weiden und Ställen für sechzig Pferde unweit der „Neverland“-Ranch. Barracks Investmentgesellschaft „Colony Capital“ half Jackson mit knapp 24 Millionen Dollar aus der Klemme und gründete ein Joint Venture mit dem Popstar. „Ein wirklich kluger Deal“, klopfte sich Barrack damals selbst auf die Schulter. Mit der Ranch, für die Jackson 1987 knapp 20 Millionen Dollar gezahlt hatte, lasse sich viel Geld verdienen, spekulierte der Milliardär. Siebzig bis neunzig Millionen Dollar könne der Verkauf bringen. Doch Barrack sah nicht nur in dem verwitternden Märchenreich ein lukratives Investitionsobjekt. Der Investor, der schon mit saudischen Prinzen, texanischen Ölmännern und karibischen Diktatoren erfolgreich Geschäfte machte, fand Gefallen an der Idee, den einstigen „King of Pop“ wieder zurück auf die Bühne zu bringen.
Barrack war es, der den Unternehmer und Investor Philip Anschutz überzeugte, Michael Jackson unter Vertrag zu nehmen. So kam es, dass der weltweit zweitgrößte Konzertveranstalter „AEG Live“, der zu Anschutz' Unternehmenskonglomerat gehört, die Londoner Konzerte mit Jackson plante. „Der Mann könnte 500 Millionen Dollar im Jahr verdienen, wenn er sich nur zusammenreißen würde“, sagte Barrack über seinen schwierigen Schützling. Nun ist der Milliardär „tieftraurig“ - und steckt in einer verzwickten Lage. Würde er „Neverland“ in eine Michael-Jackson-Gedenkstätte verwandeln, wären ihm Dank und Dollar von Millionen Jackson-Fans sicher. Aber die Reichen und Berühmten im Santa-Ynez-Tal gehen bereits auf die Barrikaden. Nicht auszudenken, wenn Busladungen in Billie-Jean-Jacken und Michael-Jackson-T-Shirts die bukolische Idylle stören würden.
Bo Derek will ihre Ruhe
Prominente Bewohner wie die Siebziger-Jahre-Traumfrau Bo Derek, der frühere Tennisstar Jimmy Connors und „Pferdeflüsterer“ Monty Roberts wollen ihre Ruhe haben. Das meint jedenfalls der Vorsitzende der Vereinigung „Santa Ynez Valley Association“. „Offen gestanden, wir wollen und wir brauchen die Jobs nicht, die das (Touristikvorhaben Neverland) bringen würde.“ Barrack reagierte ausweichend. Man werde sich „zu gegebener Zeit über die Zukunft Neverlands äußern“, schrieb der Milliardär in einem offenen Brief an die Bürger im Bezirk Santa Barbara.
Aber die Verkitschung und Verklärung des „King of Pop“ und seiner fadenscheinigen Märchenwelt ist schon in vollem Gange. Für Jermaine Jackson ist „Neverland“ erfüllt von der Aura seines Bruders. „Ich liebe es hier, denn ich kann ihn fühlen.“ Am Dienstag sollen dann Tausende von Fans bei einer Trauerfeier im „Staples Center“ in Los Angeles Fühlung mit ihrem verstorbenen Idol aufnehmen dürfen. Ein Schuhwerfer, der dem posthumen Spektakel im Gedenken an den jungen Rebellen Michael Jackson ein schnelles und würdiges Ende bereitet, ist nicht in Sicht.
