Conrad Murray sah die Chance seines Lebens. Als Michael Jackson den texanischen Herzspezialisten bat, er möge ihn doch als Leibarzt zu den geplanten Comeback-Konzerten in London begleiten, schloss Murray seine Praxis in Las Vegas, um dem Popstar zu Diensten zu sein. Beglückt schrieb der Arzt seinen „lieben Patienten und Freunden“, eine „einmalige Gelegenheit“ habe ihn dazu bewogen, für unbestimmte Zeit Abschied zu nehmen. Das war Mitte Juni. Doch Murrays Traum, als Leibarzt des „King of Pop“ zu Glanz und Geld zu kommen, wurde zum Albtraum.
Seit Michael Jackson am 25. Juni aus bislang nicht geklärten Gründen in seiner Villa in Los Angeles einen Herzstillstand erlitt, ist der 56 Jahre alte Kardiologe Verdächtigungen ausgesetzt, am Tod des Popstars schuld zu sein. Murray war es, der den bewusstlosen Jackson fand, vergeblich zu reanimieren versuchte und schließlich den Notruf wählte. Doch bis der Arzt die Notrufzentrale benachrichtigte, verstrich eine halbe Stunde. Murray habe die exakte Adresse von Jacksons Anwesen nicht gewusst, begründeten seine Anwälte die Verzögerung.
Er kann sich Jacksons Tod nicht erklären
Schon durch die Pannen bei der vergeblichen Rettungsaktion - die Notfallzentrale belehrte den Kardiologen, dass der Patient für die Herz-Lungen-Wiederbelebung auf den Boden zu legen sei - geriet Murray in ein schlechtes Licht. Noch viel schwerer wiegt allerdings der Verdacht, Murray habe Jackson Stunden vor seinem Tod mit dem Narkosemittel Propofol zum Einschlafen verhelfen wollen. „Der Arzt gab ihm etwas, damit er zur Ruhe kam, und dann ist er nicht mehr aufgewacht. Da ist etwas faul“, sagte Familienoberhaupt Joseph Jackson. Haltlose Verdächtigungen, entgegnet Murrays Anwalt Ed Chernoff. Der Arzt könne sich nicht erklären, warum Jackson gestorben sei.
Murray gilt nicht als Verdächtiger - aber allem Anschein nach steht er im Zentrum der Ermittlungen wegen Totschlags, „übermäßigen Verschreibens von Medikamenten“ sowie „Verschreibungen an einen Süchtigen“, wie es in einem der Durchsuchungsbefehle gegen Murray heißt. Die Polizei durchsuchte Praxisräume in Las Vegas und Houston sowie vor kurzem auch das luxuriöse Haus des Kardiologen in Las Vegas. Medikamente, ärztliche Dokumente, Computerfestplatten und die Korrespondenz mit sechs anderen Ärzten wurden beschlagnahmt.
Was genau passierte, ist weiterhin ein Rätsel
Angeblich hat Murray gegenüber der Polizei zugegeben, Jackson in der Nacht vor dessen Tod Propofol zum Einschlafen injiziert zu haben. Das behaupten jedenfalls amerikanische Medien. Hilfsmittel für die gefährliche Prozedur - Sauerstoffflaschen und ein Infusionsständer - hätten in einem Nebenraum zum Schlafzimmer ihres Bruders gestanden, berichtete La Toya Jackson in einem Interview. Was genau in den Stunden vor Jacksons Tod passierte, darüber wird aber weiter gerätselt.
Es wird vermutet, der Popstar habe Murray gebeten, die Nacht in seiner Villa zu verbringen, wie das schon öfter geschehen war. Gewöhnlich kam der Leibarzt dann am nächsten Tag gegen 10 Uhr oder 10.30 Uhr in die Küche, wo er sich Säfte für den Sänger geben ließ. Doch am 25. Juni sah Kai Chase, die Köchin Jacksons, den Kardiologen erst um 12.10 Uhr die Treppe hinunterhasten. „Schnell! Holt Prince (Jacksons zwölf Jahre alten Sohn) und Wachleute“, habe Murray ihr zugerufen, berichtete die Köchin in einem Interview. Wenig später sei der Rettungswagen vorgefahren.
Alles nur ein Unfall?
Die „Sun“ meldete am Montag, dass nicht die Propofol-Injektion durch Murray den Tod verursacht habe, sondern die zusätzliche Gabe des Schmerzmittels Demerol durch einen Dritten. Demnach hat Jackson, als die Propofol-Wirkung morgens nachließ - Murray schlief angeblich noch -, nach einem Schmerzmittel verlangt. In Kombination mit dem zuvor verabreichten Medikament wirkte es tödlich.
Die Beziehung zwischen Jackson und Murray hatte scheinbar harmlos begonnen. Der Popstar war 2006 mit seinen Kindern nach Las Vegas gezogen. Als Jacksons Tochter Paris sich eine leichte Infektion zuzog, wurde auf Empfehlung eines Angestellten Conrad Murray gerufen. Bei Patienten, die sich das leisten konnten, machte der Arzt Hausbesuche, was sonst in Amerika ungewöhnlich ist. Murray war jedoch nicht nur Jetset-Doktor, den vermögende Patienten in New York und Washington einfliegen ließen. Er betrieb auch eine Praxis in einem Houstoner Stadtviertel, dessen Bewohner oft nicht in der Lage waren, ihre Arztrechnungen zu bezahlen. Dort wird der aus Grenada stammende Arzt, der in Trinidad und Tobago aufwuchs und als Versicherungsmakler und Lehrer jobbte, bevor er in den Vereinigten Staaten mit dem Medizinstudium begann, als Wohltäter gepriesen.
„Er war in erster Linie ein Freund“
Finanziell sieht es für Murray allerdings nicht gut aus. Nach Gerichtsunterlagen hat der Arzt mehr als 770.000 Dollar Schulden. Dazu gehören unbezahlte Rechnungen für seine Praxen, Kredite und Hypotheken, mit deren Bedienung er in Verzug ist, und Unterhaltszahlungen für Kinder, die der Kardiologe mit verschiedenen Frauen hat. Die finanziellen Nöte bewogen ihn denn auch, sich als Tournee-Arzt Michael Jacksons zu verpflichten. 150.000 Dollar im Monat sollte er dafür vom Konzertveranstalter AEG Live bekommen. Dass der Popstar Murray überhaupt als seinen Leibarzt wählte, hatte nach Angaben von Anwalt Chernoff persönliche Gründe: „Er war in erster Linie ein Freund.“
Murrays spiritueller, ganzheitlicher Ansatz soll Jackson stark beeindruckt haben. Die hässliche Version dagegen lautet, der Leibarzt habe sich Prominenten als „Concierge Doctor“ angedient, denen er schnell und diskret verschreibungspflichtige Medikamente besorgt habe. Auch der „Godfather of Soul“ James Brown, mit dem Jackson eng befreundet war, gehörte nach einem Bericht der „New York Post“ zu Murrays Patienten. Brown starb 2006 mit 73 Jahren an Herzversagen. Damals war er angeblich schwer süchtig nach Schmerzmitteln und anderen Medikamenten - ähnlich wie Michael Jackson.
Ich bin ein Spießer.
Andreas Schuster (anschus)
- 04.08.2009, 12:42 Uhr
Angeblich haben ja auch die meisten Amerikaner...
Alfons Crocusé (ALCR)
- 04.08.2009, 16:46 Uhr
