15.02.2006 · Das Auftreten des Virus H5N1 in Europa überrascht die Forscher. Es verbreitet sich viel schneller und großflächiger als erwartet. Die Vorbereitungen für eine Pandemie laufen auf Hochtouren.
Von Christian Schwägerl, BerlinDas gefürchtete Vogelgrippevirus H5N1 zeigt den Wissenschaftlern, die es verstehen und bekämpfen wollen, eine unbekannte und äußerst beunruhigende Seite: Es taucht unerwartet an immer neuen Orten auf.
Nachdem es fast zehn Jahre lang auf Asien beschränkt gewesen war, vergrößert sich das Verbreitungsgebiet des Virus seit Herbst 2005 um ganze Kontinente. Glaubte man bisher, daß vor allem illegaler Handel mit Geflügel zur Ausbreitung beiträgt, deutet nun alles auf ein Phänomen hin, dem auch die besten Grenzkontrollen nichts entgegensetzen können, den Vogelzug.
Risiko galt als mäßig
Wie sehr das Virus auch deutsche Forscher zu überraschen vermag, zeigte sich am Dienstag. Nach dem Fund H5N1-infizierter Schwäne in Italien hatte das Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit das Risiko einer Einschleppung durch Zugvögel nach Deutschland von „gering“ auf „mäßig“ hochgestuft, doch zugleich als schlimmsten denkbaren Fall, als „Worst-case-Szenario“ relativiert.
Noch am Abend desselben Tages bestätigten die Forscher um Institutsleiter Thomas Mettenleitner dann das Eintreten des schlimmsten Falles, nachdem das Rostocker Landesamt für Landwirtschaft um eine Eiluntersuchung toter Schwäne von der Insel Rügen gebeten hatte.
Das Auftreten von H5N1 in Deutschland löst nun Beschwichtigungen aus, es handle sich bei der Vogelgrippe noch immer um eine Tierseuche, die Menschen nur bei engstem Kontakt mit infizierten Tieren gefährlich werden könnte. Doch zugleich sehen sich Mahner wie Reinhard Kurth, der Präsident des bundeseigenen biomedizinischen Robert-Koch-Instituts, bestätigt.
Impfstoffe sind stark umstritten
Er fordert seit langem von Bund und Ländern entschiedenere Vorbereitungen für den Fall, daß aus der Vogelseuche doch die gefürchtete Pandemie wird, eine globale Grippewelle mit einem besonders aggressiven und ausbreitungswütigen Erreger. Je größer das Verbreitungsgebiet des Erregers ist, desto größer ist nach Ansicht von Virenforschern die Wahrscheinlichkeit, daß sich das Erbgut von H5N1 dem Menschen anpaßt und gefährlich wird.
Die neue Lage in Deutschland ist eine Herausforderung für Fachleute verschiedenster Disziplinen. Thomas Mettenleitner vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit sieht als erste Ornithologen gefragt, die seit jeher den alljährlichen Frühjahrszug beobachten und gut wissen, wie die verschiedenen Tierarten ziehen. Schwäne seien womöglich empfindlicher gegen das Vogelgrippevirus als andere Vogelarten und deshalb als „Indikatorarten“ geeignet, sagt Mettenleitner.
Gefordert sind nun vor allem die staatlichen Vogelwarten, wo die besten Kenner des Wildvogelzugs arbeiten. Das Bundesforschungsinstitut selbst ist mit prekären wissenschaftlichen Fragen konfrontiert, die weit über Analysen von Verdachtsfällen im nationalen Referenzlabor hinausgehen. So wurde an Mettenleitners Forschungsinstitut ein Impfstoff für Geflügel gegen das H5N1-Virus entwickelt, dessen Einsatz aber stark umstritten ist.
Intensive Vorbereitung für Pandemie beim Menschen
Bisher ist es in Deutschland gesetzlich verboten, Geflügel gegen die Vogelgrippe zu impfen, weil die Sorge besteht, daß geimpfte Tiere Viren unerkannt bergen, verbreiten und eine gefährliche Veränderungen ihres Erbguts begünstigen könnten.
Das Auftreten von H5N1 in Deutschland wirft nun aber akut die Frage auf, ob der gentechnisch optimierte Geflügelimpfstoff nicht doch zum Einsatz kommen soll, um im Konzert mit der allgemeinen Stallpflicht für Geflügel einer Ausbreitung des H5N1-Virus vorzubeugen.
Während Bundeslandwirtschaftsminister Seehofer (CSU) und Gesundheitsministerin Schmidt (SPD) hervorheben, daß es sich um eine Tierseuche handelt, werden die Vorbereitungen für den Fall einer Pandemie beim Menschen nun wohl intensiviert.
Klinische Impfstoff-Studie startet im März
Die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen sieht sich in ihrer Entscheidung bestätigt, weit mehr virenhemmende Influenzamedikamente einzukaufen als andere Bundesländer. Für dreißig Prozent der Bevölkerung stehen Virenhemmer zur Verfügung. Die anderen Länder liegen mit durchschnittlich zehn Prozent Schutzgrad um die Hälfte unter der Empfehlung des Robert-Koch-Instituts.
Effektiven Schutz vor einem neuen, gefährlichen Influenzavirus könnte im Ernstfall aber nur ein maßgeschneiderter Impfstoff bieten. Die Hersteller von Influenzaimpfstoffen haben schon mit eigenen Vorkehrungen begonnen.
So unternimmt der Pharmakonzern Glaxo von März an in Deutschland und Belgien klinische Studien mit einem neuen H5N1-Impfstoff, die 2007 beendet sein sollen. Die Studien sollen es ermöglichen, im Fall einer Pandemie Impfstoffe schneller für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Auf die angekündigte Unterstützung durch die Bundesregierung wartet die Pharmaindustrie aber nach Auskunft eines Sprechers von Glaxo bisher vergeblich.