12.09.2006 · Die Gefahr einer neuen Vogelgrippewelle wächst. Durch den Vogelzug können infizierte Tiere die Seuche wieder ausbreiten. Im Interview mit der F.A.Z. spricht Thomas Mettenleiter, Präsident des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, über die Gefahren.
Im Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (FLI) auf der Insel Riems wird auch die Vogelgrippe erforscht. Gerade hat der Vogelzug begonnen. Damit wächst die Gefahr, daß die Seuche in Deutschland abermals ausbricht. Auf dem Riems wurden seit Februar 344 Wildvögel, drei Katzen und ein Steinmarder positiv auf das Virus H5N1 getestet. Hinzu kam ein Putenbestand aus Sachsen. Zuletzt wurde am 3. August bei einem Trauerschwan aus dem Dresdner Tierpark das Virus nachgewiesen. Mit Thomas Mettenleiter, dem Präsidenten des Bundesforschungsinstituts, sprach Frank Pergande.
Die ersten Zugvögel sind unterwegs. Steigt damit die Gefahr, daß es abermals zu einem Vogelgrippe-Ausbruch kommt?
Wir wissen, daß der Erreger der Geflügelpest - in der Öffentlichkeit Vogelgrippe genannt - nicht einfach verschwunden ist. Er ist noch da. Erst Anfang August haben wir einen Trauerschwan aus Dresden positiv auf das Virus H5N1 getestet. Dieser Erreger hat sich seit 2003 von Asien aus nach Europa und Afrika ausgebreitet. Wir müssen also von einer Pandemie unter Wildvögeln sprechen. Wenn nun beim Vogelzug eine große Zahl empfänglicher Wildvögel auf engem Raum auftritt, kann der Erreger - egal, ob er von den Zugvögeln neu eingeschleppt wird oder in der einheimischen Wildpopulation noch vorhanden ist - auch leichter überspringen. Hinzu kommt, daß es kälter wird - und bei Kälte hält sich der Erreger länger.
Wie kann der Gefahr begegnet werden?
Hauptziel muß es weiterhin sein, die Nutztierbestände von Geflügelpest freizuhalten. Dazu dient auch das Aufstallungsgebot in Risikogebieten, die nahe an Rast- und Sammelplätzen von Wildvögeln oder in Gebieten mit viel Geflügel liegen. Wo ein Risikogebiet ist, das entscheiden die Bundesländer. Die Bundesverordnung, die dies vorschreibt, gilt seit Februar. Deutlich weniger als zehn Prozent des Bundesgebietes sind bisher als Risikozonen ausgewiesen. Hier müssen die Bundesländer überprüfen, ob die Einschätzung im Herbst noch zutrifft. In Mecklenburg-Vorpommern sind seit kurzem keine Ausnahmen vom Aufstallungsgebot mehr erlaubt. Es wäre überlegenswert, ob in einigen Risikogebieten, die nahe an Gewässern oder an bekannten Vogelrastplätzen liegen, überhaupt noch Freilandhaltung betrieben werden sollte. Das FLI hat soeben eine neue Risikobewertung herausgegeben. Auch das Wildmonitoring wird weitergeführt. Seit 2001 werden Wildvögel verschiedener Arten und aus verschiedenen Gegenden Deutschlands bei uns auf Grippeviren untersucht. Durch dieses Monitoring ist ja auch im Februar sehr schnell der Infektionsherd an der Wittower Fähre auf Rügen entdeckt worden.
Wird es bald einen Impfstoff geben?
Impfstoffe gibt es. Sie haben den Nachteil, daß infizierte von geimpften Tieren bislang nicht unterschieden werden können. Wir arbeiten an einem Impfstoff, der eine Unterscheidung erlaubt. Wir sind hoffnungsvoll, im nächsten Jahr mit den Feldversuchen beginnen zu können. Bis zu einem im Handel erhältlichen Impfstoff ist es freilich noch ein weiter Weg.
Muß der Mensch sich wirklich vor dem Geflügelpest-Virus fürchten?
Lange meinte man, die Geflügelpest sei nicht auf den Menschen übertragbar. Aber schon Mitte der neunziger Jahre wurden leichte Symptome bei Menschen nach Kontakt mit infiziertem Geflügel beschrieben. Die ersten Todesfälle durch H5N1 gab es 1997 in Hongkong. Inzwischen sind es fast 150, bislang alle in Asien. Allerdings ist 2003 auch ein niederländischer Kollege gestorben, der sich an Geflügel mit dem Virustyp H7N7 angesteckt hatte. Übrigens gibt es Hinweise darauf, daß der Erreger der Spanischen Grippe von 1918/19, bei der es mehr als 20 Millionen Tote gab, direkt vom Geflügel auf den Menschen überging. Grippeviren ändern schnell ihre Eigenschaften. Aus einem zunächst nur gering pathogenen Virus kann rasch ein hochpathogenes werden, wie bei H5N1 geschehen.
Seit 2002 gibt es auf dem Riems einen Großversuch zum Rinderwahnsinn. Was haben Sie über BSE herausgefunden?
Der Versuch begann vor mehr als drei Jahren mit 56 Rindern. Zwölf davon leben noch. Regelmäßig werden Tiere geschlachtet, um zu sehen, wie die Erreger durch das kontaminierte Futter vom Darm in das Rückenmark und das Gehirn gelangen. Einige der Tiere zeigten auch die klassischen BSE-Symptome. Die Erreger - Prionen genannt - sind falsch gefaltete Eiweiße, die in einer Kettenreaktion bestimmte körpereigene Eiweiße dazu bringen, sich ebenfalls umzufalten oder zu verklumpen. Es geht also hier nicht um Viren wie bei der Geflügelpest, sondern um neuartige Erreger, über die noch wenig bekannt ist. Auch verbreitet sich die Krankheit nicht von Tier zu Tier. Durch unseren Versuch wissen wir ziemlich genau, wie nach der Infektion über das Futter der Erreger den Weg vom Darm ins Gehirn findet und wie lange das dauert.
Gibt es BSE noch in Deutschland?
Im vergangenen Jahr hatten wir 32 Fälle. Seit Jahresbeginn sind es zwölf. Bis auf zwei Tiere wurden alle bisher positiv getesteten Rinder vor dem Verfütterungsverbot von Tiermehl und tierischen Fetten geboren. Das deutet darauf hin, daß durch das Verfütterungsverbot neue Infektionen verhindert wurden.
Nun hören wir zum ersten Mal von der Blauzungenkrankheit. Was ist das?
Bluetongue, wie sie im Englischen heißt, hat es in der Tat bei uns bisher nicht gegeben. Sie trifft Schafe, Rinder, Ziegen und Wildwiederkäuer, also Rehe, Hirsche und Muffelwild. In Deutschland sind bislang mehr als 40 Bestände betroffen, vor allem Rinder. Der erste Fall trat in Holland bei Schafen auf. Auch in Belgien und Frankreich wurden Infektionen nachgewiesen. In Deutschland traten bisher die meisten Infektionen im Raum Aachen und Düren auf. Die Krankheit zeigt sich an krankhaften Veränderungen an den Schleimhäuten, an den Zitzen und im Maul. Letzteres führt bei Schafen manchmal zu dem klinischen Bild der blauen Zunge. Übertragen wird die Krankheit durch Mücken der Gattung Culicoides.
Woher kam die Krankheit?
Ursprünglich wohl aus dem südlichen Afrika jenseits der Sahara. Zwar wurden in den vergangenen Jahren auch Infektionen in den europäischen Mittelmeerländern beobachtet. Allerdings ist der Typ BTV-8, der jetzt bei uns aufgetreten ist, in Europa noch nie vorgekommen. Wie der Sprung nach Norden in unsere Breiten gelang, wissen wir nicht.
Was kann man gegen die Blauzungenkrankheit tun?
Wir müssen erst einmal sehen, wo Bluetongue überall aufgetreten ist und wie weit das Virus sich bei uns ausgebreitet hat. In den betroffenen Gebieten sollten die Tiere zu jenen Zeiten in den Stall, da die Mücken fliegen, also in der Morgen- und Abenddämmerung. Wenn es wieder kälter wird, sinkt die Gefahr, weil es dann weniger Mücken gibt und sich das Virus in den Mücken nicht mehr so leicht vermehrt. Notwendig ist ein zwischen den betroffenen Ländern abgestimmtes Vorgehen. Mücken halten sich nicht an Ländergrenzen!
Könnte Bluetongue für den Menschen gefährlich werden?
Nein, die Krankheit ist nicht auf Menschen übertragbar.
Wie viele Tierkrankheiten werden auf dem Riems untersucht?
Das Friedrich-Loeffler-Institut ist nationales Referenzlabor für mehr als 40 infektiöse Tierkrankheiten. Aber damit ist wenig gesagt, denn die Krankheiten verändern sich genau wie die Ökologie der Erreger. Wir beobachten, daß Infektionskrankheiten zu uns kommen, die bisher noch nie in diesen Breiten aufgetreten sind. Das hängt möglicherweise mit der globalen Erwärmung zusammen. Bei der Blauzungenkrankheit speziell könnte der heiße Sommer eine Rolle gespielt haben, aber auch der Reiseverkehr.
Ein wenig erinnert Ihre Arbeit an ein Saisongeschäft. Mal BSE, mal Blauzungenkrankheit, mal Geflügelpest...
Es ist die Natur von Infektionskrankheiten, plötzlich und mit teilweise schwerwiegenden Folgen aufzutreten. Wir müssen uns darauf einstellen.
Das Institut auf dem Riems
Das älteste Institut der Welt für die Erforschung von Viruskrankheiten entstand 1910 auf der Insel Riems im Greifswalder Bodden. Das heutige Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit ist nach Friedrich Loeffler (1852 bis 1915) benannt. Er beschrieb 1898 zum ersten Mal den Erreger der Maul- und Klauenseuche (MKS). Loeffler war Professor an der Greifswalder Universität und ist auch in Greifswald begraben. Er baute das Institut auf der Insel Riems auf. 1920 gelang der Nachweis, daß das MKS-Virus auf Meerschweinchen übertragbar ist, was die Forschung erleichterte. Noch heute gibt es deshalb vor einem der früheren Institutsgebäude das vermutlich einzige Denkmal der Welt für Meerschweinchen. 1950 wurde von der damaligen Forschungsanstalt für Tierseuchen die MKS-Massenschutzimpfung angeregt. Die DDR war das erste Land, das solche Impfungen einführte. Heute sind sie weitgehend verboten. Nach dem Ende der DDR wurde das Institut Teil der Bundesforschungsanstalt für Viruskrankheiten der Tiere, seit 1996 geleitet von Thomas Mettenleiter. 2004 wurde aus der Bundesforschungsanstalt das Bundesinstitut für Tiergesundheit. 2007 soll der Grundstein für ein neues großes Gebäude gelegt werden. Es soll 2010 eröffnet werden, im hundertsten Jahr des Instituts. (F.P.)
Warnung vor Flugzugkühen und Wandermücken
Martin Soeder (falke5)
- 12.09.2006, 06:52 Uhr