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Virus-Bekämpfung Lehren aus Holland

 ·  Wegen des Virus' H7N7 wurde vor drei Jahren ein Drittel des gesamten Hühnerbestands in den Niederlanden gekeult. Damals wurden dennoch Fehler bei der Bekämpfung gemacht, denn das Virus konnte sich zu lange weiter verbreiten.

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Am 22. Februar 2003 begann der verheerendste Seuchenzug der Geflügelpest der jüngsten Zeit in einem europäischen Land. In einem niederländischen Betrieb der dicht mit Hühnerfarmen besiedelten Region Gelderse Vallei verweigern die Legehennen ihr Futter und hören auf zu trinken. Als zwei Tage später die ersten Vögel tot in ihren Käfigen liegen, greift der Bauer nicht wie vorgesehen zum Telefon, um den Amtstierarzt zu rufen.

Erst sechs Tage später erfahren die Behörden von dem Vorfall. Als der Veterinär den Stall betritt, lebt nur noch ein Zehntel der ursprünglich 7.150 Legehennen. Er tippt auf einen aggressiven Influenzaerreger und löst Großalarm aus. Weil schon vier weitere Betriebe in der Nachbarschaft Verdachtsfälle ausweisen, fährt der Veterinär mit seinem Auto auch dort vor. Aufgeregte Bauern besuchen sich gegenseitig in ihren Ställen, Mischfutterfahrzeuge liefern weiter frische Ware an. Sie alle gemeinsam verteilen so den noch unbekannten Erreger über kotigen Staub in neue Ställe.

Bauern fürchten ums Geschäfts

Um eine internationale Verschleppung zu verhindern, stoppen die Niederlande am 1. März alle Lebendgeflügel- und Kükenexporte. Sie folgen damit formal den strengen EU-Regeln. Jede Bewegung von Geflügel in der betroffenen Sperrzone ist nun offiziell verboten. Doch die Legehennen haben Hunger, Eier müssen bebrütet und Mastküken ausgeliefert werden. Nur im Umkreis von einem Kilometer um jeden Hof mit Geflügelpest gilt das absolute Fahrverbot. Aber selbst das kommt zu spät. Schon am Sonntag, dem 2. März, tauchen weitere Verdachtsfälle auf zwölf Geflügelfarmen auf.

Einen weiteren Tag später gelingt es Virologen nach aufwendigen Tests erstmals, den Erreger vom Typ H7N7 nachzuweisen. Inzwischen wütet er bereits in 17 Ställen. Spätestens jetzt ist allen Experten der Ernst der Lage klar, wenn auch längst nicht allen Bauern. Die fürchten vor allem um ihr Geschäft, als die ersten Keulungskommandos anrücken. Im Umkreis von einem Kilometer um jeden Seuchenherd werden nun in jedem Betrieb rund 7.000 Stück Federvieh pro Stunde vergast.

Katastrophe im Emsland wird nur knapp verhindert

Der Erreger aber ist längst in die Region Gelderland entwischt, greift dort auch auf Truthahnfarmen über und befällt zunehmend Kleinbetriebe. In ihrer Not gehen die Behörden dazu über, auch im weiteren Umkreis der Verdachtsfälle alles Geflügel sofort zu keulen. Geflügel wird nun auch vorsorglich getötet, um Pufferzonen gegen die weitere Ausbreitung der Seuche zu schaffen.

Schon nach einer Woche sind zwar rund 750.000 Hühner auf 39 Farmen getötet. Da die Lastwagen die gekeulten Tiere aber sofort von den Höfen abtransportieren, verbreitet sich der Erreger fortan auch auf diesem Weg. Trotz drakonischer Quarantänemaßnahmen gelingt H7N7 sogar der Sprung in die 85 Kilometer entfernte Hühnerhochburg Limburg im Süden des Landes. Auch in Belgien taucht H7N7 auf, wird dort aber aufgehalten. Dann überschreitet die Geflügelpest die Grenze ins deutsche Emsland, wo eine Katastrophe nur knapp verhindert wird.

89 Personen erkranken an dem Virus

Zwei Monate nach dem Ausbruch sind alle kommerziellen sowie die gesamten Bestände der Hobbyzüchter sowohl in Gelderse Vallei als auch in Limburg gekeult; in der Spitze werden bis zu eine dreiviertel Million Vögel pro Tag getötet. Das Virus hat sich in 255 Ställe eingeschlichen. Als die Seuche in den Hühnerhochburgen endlich zum Stillstand kommt, liegt das vor allem daran, daß H7N7 in der ganzen Region schlicht kein Geflügel mehr vorfindet. Die Niederländer mußten dazu ein Drittel ihrer Geflügelbestände vernichten. Allein die Kosten für die Maßnahmen summieren sich auf 270 Millionen Euro, der Schaden der Landwirte wird später mit rund 500 Millionen Euro beziffert.

Das Virus hat sogar menschliche Opfer infiziert: Ein Veterinär der ersten Stunde stirbt, der Erreger wird nachweislich auf 89 Personen übertragen, die alle sehr engen Kontakt mit infiziertem Geflügel hatten. Zum Glück erweist sich H7N7 als für den Menschen nicht so gefährlich wie H5N1, der den Europäern nun näher rückt. Aus den bitteren Erfahrungen der Niederländer haben Tierseuchenexperten längst ihre Lektion gelernt. Zwar ist bis heute nicht ganz klar, wie H7N7 in den ersten Stall gelangte. Virologen aber fanden Anfang März jenes Jahres in einer wilden Stockente einen eng verwandten, für Legehennen aber nicht tödlichen H7N7-Verwandten. Der gelangte offenbar in den Hühnerstall und mutierte wohl erst dort - dank der Masse der genetisch uniformen Legehybriden - zu einem aggressiveren Virus.

Wie kam das Virus nach Nigeria?

Bei H5N1 liegt der Fall jetzt anders. Der bisher vor allem in Wildvögeln verbreitete Erreger kann Hühner schon heute effektiv töten. Sollte er künftig also in europäische Hühnerfarmen gelangen, dürfte es entscheidend sein, gleich zu Beginn eine totale Kontaktsperre aller betroffenen Ställe anzuordnen. Totes Geflügel sollte am besten gleich vor Ort kompostiert werden. Und es sollte sich nicht wiederholen, was offenbar 2003 noch geschehen konnte: Mitten aus dem Seuchenherd in Gelderse Vallei flogen damals 30.000 Bruteier Richtung Nigeria. Gewarnt von den Exporteuren, gab der dortige Halter den offenbar illegalen Import erst zu, verneinte ihn dann und erklärte zum Schluß, er habe alle Eier rechtzeitig vernichtet.

Einen Ausbruch hat Nigeria damals nicht gemeldet. Doch im Januar 2006 tauchte in Nigeria offenbar auf einer Farm erstmals die Vogelgrippe auf. Diesmal ähnelte das Virus H5N1 genetisch jenen Erregern, die in der Türkei und im Irak für Todesfälle auch beim Menschen gesorgt haben. Wie sich die nigerianischen Hühner den Erreger einfingen, hat niemand untersucht. Denkbar zumindest ist, daß die Seuche nicht mit Zugvögeln, sondern auch diesmal durch illegalen Handel infizierter Küken eingeschleppt wurde.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 12.03.2006, Nr. 10 / Seite 75
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