10.03.2006 · Wie ist das H5N1-Virus in die Ostsee geraten? Während die Forscher zeitaufwendig nach einer Erklärung suchen, haben die Verschwörungstheoretiker das Wort. Und vermuten zum Beispiel ein Leck im Friedrich-Loeffler-Institut.
Von Christian SchwägerlNoch immer ist auch Wissenschaftlern unklar, wie das Vogelgrippevirus H5N1 aus Asien an die deutsche Ostseeküste und an andere Orte in Westeuropa gelangen konnte. Bislang hatten Vogelkundler und Virologen vermutet, infizierte Vögel könnten keine weiten Strecken mehr zurücklegen, eine Ausbreitung des Virus über Zugvögel sei also unmöglich. Wie aber dann?
Thomas Mettenleiter, Präsident des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit und derzeit der wohl gefragteste Virologe in Deutschland, wird laufend mit Gerüchten und Spekulationen von Hobbyforschern konfrontiert, die einen Blick auf die Landkarte werfen und sich fragen, ob nicht vielleicht die obersten Tierseuchenhüter der Nation das H5N1-Virus selbst freigesetzt haben könnten.
Friedrich Loeffler hatte ein Problem
Die Insel Riems, auf der das nach dem Virologen Friedrich Loeffler benannte Institut seinen Hauptsitz hat, befindet sich tatsächlich nur wenige Kilometer entfernt von jener Wittower Fähre auf Rügen, an der am 8.Februar zum ersten Mal tote Schwäne gefunden wurden, die sich als Träger des Vogelgrippevirus entpuppten. Da liegt es nahe, einmal bei den Forschern im Staatsdienst nachzufragen. In diversen Internetforen wird diskutiert, ob es auf Riems bei Versuchen mit H5N1 vielleicht einen Unfall gegeben habe und entweder das Virus oder ein infizierter Vogel in die freie Natur gelangt sei. Mettenleiter reagiert gelassen: „Mit Verdächtigungen dieser Art muß unser Institut seit seiner Gründung leben.“
Und das nicht ohne Grund. Der Namengeber Friedrich Loeffler entdeckte und beschrieb 1898 an seinem Arbeitsplatz an der Universität Greifswald als erster den Erreger der gefährlichen Maul- und Klauenseuche. Sein wissenschaftliches Verdienst wurde aber dadurch getrübt, daß das Virus aus seinem Labor mehrfach auf Bauernhöfe in der Umgebung gelangte und die Tierbestände dezimierte. Loeffler wurde aufgefordert, sich einen neuen, sichereren Standort zu suchen. Mit Hilfe der preußischen Regierung kam es 1910 zur Gründung des ersten hochspezialisierten Instituts für Tierviren auf der Insel Riems.
Überhitzung und Unterdruck
Knapp hundert Jahre später befindet sich auf der Insel eines der modernsten Virenlaboratorien Europas. Seit seiner Neugründung 1992 wurde das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) kontinuierlich ausgebaut und gilt nun als kompetenteste Forschungseinrichtung in Sachen Vogelgrippe. Mettenleiter weist darauf hin, daß vor allem an Investitionen in die Sicherheit der Labors und Ställe nicht gespart wurde. Arbeiten mit hochpathogenen Viren wie H5N1 und dem Erreger der Maul- und Klauenseuche würden unter den Bedingungen der extrem strengen Sicherheitsstufe 4 durchgeführt. Zu der gehört, daß alle Abwässer so stark erhitzt werden, daß Viren zerfallen, und die Abluft vor dem Entlassen in die Umwelt zweimal durch Hochleistungs-Schwebstoffilter gepreßt wird.
Das Gebäude steht außerdem unter ständigem kontrolliertem Unterdruck, der das Entweichen von Viren verhindern soll. Alle Mitarbeiter müssen sich vor dem Verlassen des Hochsicherheitsbereichs einer Zwangsdusche sowie einer siebentägigen Quarantäne unterziehen, während deren sie keinen Kontakt zu Zoo- und Nutztieren haben dürfen. Obwohl der Erreger der Maul- und Klauenseuche im Vergleich zu H5N1 deutlich stabiler und sogar noch infektiöser sei, habe es dank dieser Maßnahmen keine versehentliche Verbreitung mehr gegeben, wie sie noch dem Gründer und Namengeber unterlaufen ist.
Der Quinghai-Subtyp kam von außen
Doch wer einmal an der Zuverlässigkeit von Wissenschaftlern zweifelt, dem mag der Hinweis auf Sicherheitsvorkehrungen nicht genügen. Könnte das H5N1-Virus nicht doch durch einen Unfall in die Ostsee gelangt sein? Mettenleiter kann solchen Vermutungen den Gencode jener H5N1-Viren entgegensetzen, mit denen seine Wissenschaftler gearbeitet haben, bevor bei ihnen am 14.Februar die toten Schwäne von der Wittower Fähre abgeliefert wurden. Das FLI forsche seit längerem an H5N1, unter anderem an einem Impfstoff für Tiere, für dessen Entwicklung das Virusmaterial benötigt wird.
Doch die Virenproben, „Isolate“ genannt, die auf der Insel Riems vor dem 14.Februar verwendet wurden, stammen aus Vietnam und Indonesien. Sie unterscheiden sich genetisch deutlich von jenen H5N1-Typen, die in freier Wildbahn in den Schwänen und inzwischen auch in anderen Vogelarten sowie bei drei Katzen und einem Steinmarder gefunden wurden. Diese Wildtiere, sagt Mettenleiter, seien mit dem sogenannten Quinghai-Subtyp infiziert, der im Mai vergangenen Jahres erstmals an einem See im Nordwesten Chinas isoliert worden sei und vor dem Eintreffen der ersten toten Schwäne nicht zum Repertoire der Forscher am FLI gehört habe. „Die Viren, mit denen bei uns gearbeitet wurde, sind genetisch eindeutig von den Viren zu unterscheiden, die auf der Insel Rügen und an anderen Orten in Deutschland und Europa gefunden wurden“, sagt der Virologe.
Eine Frage der Zeit
Bleibt die Frage, wie das Virus in kurzer Zeit vom Quinghai-See nach Deutschland gelangen konnte. Wie ein Forscherteam, das nun in der Zeitschrift „Science“ erste Untersuchungsergebnisse veröffentlicht hat, hält auch Mettenleiter Wildvögel für die plausibelste Quelle. Gängigste Erklärung ist, daß Wildvögel Anfang 2006 wegen der lang anhaltenden Kälte aus Osteuropa Richtung Westen gezogen seien und H5N1 von dort mitgebracht hätten. Höckerschwäne gehörten zu den Arten, bei denen solche Winterfluchten bekannt seien. Als Hauptverdächtiger gilt aber der inzwischen bekannte beringte Singschwan aus Lettland. Singschwäne brüten in Nordrußland bis hin in den asiatischen Teil. „Hier könnte ein Kontakt zu infizierten Tieren aus China stattgefunden haben“, sagt Mettenleiter. Die weitere Verbreitung Richtung Westen könnte anschließend in Etappen erfolgt sein.
Möglich sei aber auch, daß das H5N1-Virus schon im Herbst nach Westeuropa gelangt sei, und zwar in Langstrecken-Zugvögeln wie der Tafelente. Wildenten könnten offenbar mit dem Virus infiziert sein, ohne zu erkranken. Vielleicht hätten solche Enten das Virus mitgebracht und die ständig auf Rügen lebenden Schwäne angesteckt. „Beide Möglichkeiten sind aber Hypothesen“, sagt Mettenleiter. Er gehe nicht davon aus, daß sich das Quinghai-Virus bereits deutlich länger in der Ostseeregion befunden habe: „Sonst wäre es bei dem intensiven Wildvogelmonitoring, das seit einigen Jahren in Deutschland durchgeführt wird, wohl aufgefallen.“
Fieberhaft arbeiten Wissenschaftler am FLI und anderswo in diesen Tagen daran, den Ursprung und die Ausbreitungswege des Vogelgrippevirus zu rekonstruieren, um Hinweise darauf zu erhalten, wo der Tierseuchenerreger als nächstes auftauchen könnte und wie er sich am besten bekämpfen läßt. „Genaue genetische Analysen der gefundenen Viren und entsprechende Vergleiche mit Funden in Europa und Asien ermöglichen Rückschlüsse auf den Ursprung des Virus“, sagt Mettenleiter. Dazu müsse man aber den kompletten genetischen Code der Viren von den verschiedensten Fundorten entschlüsseln und vergleichen, was eine Weile dauern werde. Auch wenn es ihm widerstrebt, kann der Virologe auf absehbare Zeit Verschwörungstheoretikern und Hobbyfachleuten nicht ganz den Boden entziehen: „Möglicherweise läßt sich der genaue Eintragsweg des Virus nach Deutschland nie vollständig nachvollziehen.“