Den Aufbau von „Notkapazitäten“ für die Produktion von Pandemie-Imfstoffen hat die Welt-gesundheitsorganisation (WHO) in Genf angemahnt. Sie will damit sicherstellen, daß auch die Entwicklungsländer möglichst schnell Zugang zu den Impfstoffen haben. Gleichzeitig stellt die Pharmaindustrie politische Forderungen, die vor der Verteilung einer möglichen Vakzine von den Regierungen der Länder zu erfüllen seien.
Bis jetzt gibt es zwar noch immer keine geprüfte und zugelassene Vakzine, die sich zumindest für eine Vorimpfung nutzen läßt, und der endgültige Impfstoff, der gegen den mutmaßlichen H5N1-Influenza-Virus gerichtet ist, kann auch erst nach Ausbruch der globalen Epidemie produziert werden. Aber selbst wenn ein solcher Impfstoff zur Verfügung stünde, würden Milliarden Menschen in den Entwicklungsländer leer ausgehen.
Neue Anlagen in drei bis fünf Jahren
„Die derzeitigen Produktionskapazitäten von maximal 500 Millionen Dosen reichen bei weitem nicht“, sagte Marie-Paule Kieny von der WHO, „und neue Anlagen werden frühestens in drei bis fünf Jahren fertiggestellt sein.“ Diese werden sich dann zudem in den Industrieländern konzentrieren, wo man wie in Deutschland, feste Verträge mit den „eigenen“ Impfstoffherstellern ausgehandelt hat. Zu Kanada und den Vereinigten Staaten, die selbst fast ein halbes Dutzend Impfstofffabriken geplant haben und jetzt zehn Millionen Dollar für den Aufbau von Produktionskapazitäten in Entwicklungsländern zugesagt haben, sollten sich nach dem Willen der WHO weitere Industrieländer für die armen Länder engagieren. Der Aufbau von Impfstoffkapazitäten für die gesamte Weltbevölkerung beläuft sich nach WHO-Schätzungen auf mindestens zwölf Milliarden Dollar.
Industrie verlangt Haftungsübernahme
Im Wiener Palais Ferstl, wo sich bis zum Wochenende die Spitzen der internationalen Impfstoffforschung trafen, war man wie bei der WHO insgesamt optimistisch, daß die Produktionskapazitäten für Grippeimpfstoffe und damit auch für mögliche Pandemie-Vakzinen bis in drei Jahren zumindest verdoppelt werden könnten. Allerdings stellte die „Influenza Vaccine Supply International Task Force“ (IFPMA), in der sich vor drei Jahren die großen Impfstofffirmen der Welt zusammengeschlossen haben, den Staaten eine Art Ultimatum. Bevor die Impfstoffe ausgeliefert werden könnten, so der Sprecher der Organisation, Bram Palache, müßten einige Forderungen der Industrie erfüllt werden. „Diese Fragen liegen jenseits der Verantwortungen der Industrie und müssen von der Politik und den Regierungen geklärt werden.“
Insbesondere die Haftungsübernahme wird von den Ländern gefordert. Wenn die Hersteller im Pandemiefall einen schneller als üblich erzeugten und nach weniger rigiden Kriterien geprüften Impfstoff produzieren, müsse sichergestellt sein, daß an die Industrie keine Regreßforderungen bei möglichen Impfschäden gerichtet würden. „Zuerst werden die Länder bedient, die die Haftungsfrage geklärt haben“, sagte Palache in Wien.
Wer soll den Impfstoff zuerst bekommen?
Vorher geklärt werden müsse auch die Zuteilung des Impfstoffes: Welche Bevölkerungsgruppe, ob medizinisches Personal, alte Menschen, Geflügelzüchter oder andere, die nötigen zwei Impfdosen erhalten, müsse vorher in einer „Private-Public-Partnership“ – in öffentlich-privaten Partnerschaften – geregelt werden.
Auch die im Falle einer Pandemie zu erwartende Umstellung der Impfproduktion von der Vakzine gegen die gewöhnliche, saisonale Influenza auf den dann hergestellten Pandemie-Impfstoff müsse von den Politikern festgelegt werden, weil die gewöhnliche Grippe dann unter Umständen deutlich mehr Opfer fordern wird als üblich. Zudem ist nach Auffassung der Industriegruppe bisher selbst für den Fall, daß eine Pandemie-Vakzine zur Verfügung steht, eine planmäßige Impfung vielerorts nicht gesichert, weil es nicht genügend Nadeln und Spritzen gibt.
