22.01.2008 · Nach einer schweren Verletzung kehrte Silvia Mittermüller zurück auf den Snowboard-Parcour und feierte gleich einen dritten Platz. Doch noch immer bereitet die Bürokratie des Verbandes der 24 Jahre alten Münchnerin Magenschmerzen.
Von Michael Eder, LaaxAls Silvia Mittermüller den Parcours sah, der in Laax vom Crap San Gion hinunter in Richtung Flims führte, beschlich sie ein übles Gefühl. „Hoffentlich“, habe sie gedacht, „blamiere ich mich nicht.“ Der Slopestyle-Kurs der Burton European Open, auf dem auch die Männer-Konkurrenz stattfand, bestand aus einer abenteuerlichen Kette von Schanzen, Quarterpipes und sogenannten Rails, eisernen Stangen, auf denen die Snowboarder zu Tal rutschen.
Es ist nicht so, dass Silvia Mittermüller vor einer solchen Aufgabe grundsätzlich bange sein müsste, aber die besonderen Umstände sprachen diesmal doch dafür. Die 24 Jahre alte Münchnerin hatte im Sommer einen Kreuzbandriss im Knie erlitten, war Ende Juli operiert worden und fuhr erst Ende November wieder die ersten Kurven mit dem Snowboard. Den ersten Sprung, den ersten kleinen Hüpfer, wagte sie Mitte Dezember.
„Ich hatte gehofft, dass es so gut gehen würde“
Und nun, einen Monat später, stand sie auf dem Crap San Gion vor einem Kurs, der allerhöchste Ansprüche stellte und keinen Fehler verzeihen würde. Zwei Stunden später waren alle Zweifel und Ängste gewichen. Silvia Mittermüller hatte im Feld der weltbesten Fahrerinnen den dritten Platz belegt. Zwar hatte sie dort, wo zwei verschieden große Schanzen zur Wahl standen, jeweils die kleinere genommen, dabei aber die technisch anspruchsvollsten Sprünge gezeigt, unter anderem den einzigen „720“, eine doppelte Rotation.
„Ich hatte gehofft, dass es so gut gehen würde“, sagte sie. „erwartet hatte ich es nicht.“ Platz drei bei den European Open - einen ähnlich großen Erfolg hatte die Münchnerin erst einmal feiern können: 2005 war sie Zweite bei den X-Games geworden, dem Olympia des Actionsports in den Vereinigten Staaten. Ihr schnelles Comeback in der Weltspitze war auch für die einzige deutsche Freestyle-Snowboarderin von Format eine Überraschung - es hatte nämlich nicht viel gefehlt, dann wäre sie nach ihrer Verletzung gar nicht mehr in die Szene zurückgekehrt.
„Ich wollte meinen Sport nicht im Akja verlassen“
Nach ihrer Verletzung hatte sich die Einser-Abiturientin in München für ein Medizin-Studium eingeschrieben, die ersten Vorlesungen besucht - und sich dann doch umentschieden. „Ich wollte meinen Sport nicht im Akja verlassen.“ Silvia Mittermüller ist Snowboard-Unternehmerin in eigener Sache, seit sie sich nach Olympia 2006 vom Snowboardverband Deutschland (SVD) voller Verbitterung losgesagt hat.
Ihr Ziel war ein Startplatz im olympischen Halfpipe-Wettbewerb in Turin, doch wegen einer Fersenverletzung fehlte sie zunächst im Weltcup der vorolympischen Saison. Und bei den letzten beiden Qualifikationswettkämpfen reichten ihre Ergebnisse (Platz 17 und 19) nicht, um die Nominierungskriterien zu erfüllen. Dennoch, so ihre Einschätzung, hätte der Verband sich für sie im Hinblick auf Turin einsetzen können.
„Das ist eine nicht nachvollziehbare Wahrnehmung“
DSV-Geschäftsführer Timm Stade nennt dies „eine nicht nachvollziehbare Wahrnehmung.“ Der Verband habe keinen Spielraum gehabt; eine Härtefallregelung sei nicht möglich gewesen. Es kam zum Bruch: Silvia Mittermüller wandte sich enttäuscht „von der bürokratischen Instanz“ ab - und damit auch vom Snowboard-Weltcup des internationalen Skiverbandes Fis.
Die Zeit im Verband, in der Nationalmannschaft, sagt sie im Rückblick, habe sich nicht gelohnt. Sie habe sich nicht weiterentwickelt; der Druck, die Zeitpläne, die Bürokratie hätten ihr den Spaß am Snowboarden geraubt. Seither ist die Münchnerin ohne Sporthilfe und andere Annehmlichkeiten, die ein Nationalkader bietet, auf eigene Rechnung und mit Hilfe von Sponsoren unterwegs.
Silvia Mittermüller ist an einer Rückkehr interessiert
Viel Zeit verbringt sie in Colorado, wo sie trainiert und bei einer Freundin unterkommt. Filmaufnahmen, Großveranstaltungen wie die European Open, Fotosessions für Szenemagazine - es gibt viel zu tun für eine der besten Slopestylefahrerinnen der Welt. Und Olympia 2010? Die Spiele in Whistler in Kanada locken die besten Snowboarder- auch Silvia Mittermüller. Wenn der Verband auf sie zukäme, sagt sie, sei sie an einer Rückkehr interessiert.
Auch Timm Stade zeigt sich gesprächsbereit. Allerdings nur, wenn sich die Münchnerin ganz auf die Halfpipe konzentriere. Ob Silvia Mittermüller freilich bereit ist, ihre große Liebe Slopestyle zumindest vorübergehend aufzugeben, das ist die Frage. In der Halfpipe fahre sie nur, wenn sie Lust dazu habe, sagte sie in Laax.
wenn funsport olympisch wird
christian rohloff (elvisthe)
- 22.01.2008, 16:53 Uhr