03.12.2007 · Der Amerikaner Kevin Pearce gewinnt das Snowboard-Spektakel Air & Style in München. Die Herzen der Fans aber eroberte der erst 17 Jahre alte Norweger Mikkel Bang mit seinen waghalsigen Sprüngen.
Von Michael Wittershagen, MünchenIm Moment der Niederlage lächelte Travis Rice und zeigte auf jenen Mann, der ihn, den Vorjahressieger des Air & Style im Münchener Olympiastadion, aus dem Wettbewerb gedrängt hatte. Wahrscheinlich ahnte er da bereits, dass Mikkel Bang an diesem Tag beinahe alles gelingen sollte. Der Snowboarder aus Norwegen aber zuckte nur mit den Schultern, hob beinahe entschuldigend die Hände und lächelte schüchtern in die Kameras.
Offenbar konnte er das, was er gemacht hatte, selbst gar nicht begreifen, und vielleicht war es ihm sogar ein wenig unangenehm. Es war der Abend des 17 Jahre alten Mikkel Bang am Samstag vor 28.000 Zuschauern in München. Und daran konnte auch der Sieg von Kevin Pearce aus den Vereinigten Staaten nichts ändern.
Ein „wahnsinniger Typ“
Knapp zwei Stunden nach seinem letzten Sprung, der Mikkel Bang noch auf den zweiten Platz nach vorn gebracht hatte, saß er auf einem Podium, trank Energiedrinks - und lächelte noch immer. Vor einem Jahr hockte er schon einmal auf diesem Platz, weil er die Rookie Challenge beim Air & Style gewonnen hatte und sich so überhaupt erst für das Hauptfeld in diesem Jahr qualifizierte. Dass er es nun gleich ins Finale schaffte, grenzt an eine Sensation. "Ich werde das hier nie vergessen", sagte er. Wie Bang sich im Finale in mehr als vierzig Meter Höhe aus dem Starthäuschen katapultierte, mit ungefähr siebzig Kilometern in der Stunde über den Schanzentisch jagte, sich mit drei schnellen Schrauben in der Luft drehte und das Board danach mit einer Selbstverständlichkeit in den Kunstschnee setzte, als habe es all das zuvor in der Luft gar nicht gegeben.
"Switch Backside 1080" sagen die Snowboarder in ihrer ganz eigenen Sprache zu so einem Trick, und es klingt dabei immer wieder wie ein kleines Abenteuer. Letztlich war es nur die Winzigkeit von fünf Punkten, die der spätere Sieger Kevin Pearce mehr erhielt von den Juroren für seinen "Cab 1260 and Crail", wobei er rückwärts anfuhr und sich in der Luft sogar dreieinhalb Mal um die eigene Längsachse drehte. Auch er sprach später voller Anerkennung von Mikkel Bang, nannte ihn einen "wahnsinnigen Typen" und haute ihm immer wieder auf die Schulter.
Rückwärtssalti mit Motorschlitten
Das Air & Style ist einer der renommiertesten und wichtigsten Wettbewerbe der Snowboarder im Verlauf einer Saison. Aber immer wieder ist es auch eine große Party. In den Wettkampfpausen sangen "The Hives" und Sean Paul. Auf der Tribüne saßen junge Männer und Frauen, die Sonnenbrillen, Stiefel und Skijacken trugen. Sie jubelten ihren Helden auf der Schanze zu, brüllten ihre Namen und tranken dabei Glühwein und aßen riesengroße Bratwürste. Vor dem Stadion gab es karierte Schuhe für 25 Euro, gestreifte Mützen für zehn Euro und in der "Moon Bar" einen Drink namens Air & Style, bestehend aus Rum, Orangensaft und Grenadine für sechs Euro.
Vor allem die Anhänger traditioneller Sportarten werfen den Snowboardern auch wegen des ausschweifenden Rahmenprogramms immer wieder vor, das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren. Andrew Hourmunt, der das Air & Style vor fünfzehn Jahren gegründet hat, sagt: "Wer die Jungs einmal gesehen hat, der wird nicht an ihren beeindruckenden Leistungen zweifeln." Zum dritten Mal wurde die Veranstaltung in diesem Jahr in München ausgetragen. Inzwischen kommen immer mehr Zuschauer, auch weil in diesem Jahr erstmals die Freestyle-Snowmobile-Fahrer (FSX) dabei waren. Waghalsige Typen, die mit ihren 200 Kilogramm schweren Motorschlitten Rückwärtssalti und vieles mehr zeigten. Den FSX-Wettbewerb gewann Daniel Bodin aus Schweden.
„Viele Tricks im Kopf“
Zwischen den vielen Höhepunkten an diesem Abend wäre die Demonstration des Finnen Heikki Sorsa beinahe untergegangen. Während der Olympischen Spiele 2002 in Salt Lake City war der Snowboarder zu einiger Berühmtheit gelangt, weil er sich einen Irokesen-Schnitt hatte rasieren lassen. In der Szene aber ist der Fünfundzwanzigjährige vor allem wegen seiner hohen Sprünge bekannt. Einen Tag vor dem Wettkampf saß Sorsa in einem Konferenzraum des Olympiastadions, eine Sonnenbrille mit lilafarbenen Gläsern vor den Augen. Draußen regnete es. Sorsa machte einen ziemlich unbeteiligten Eindruck, er sprach über das Surfen und seine Freundin in den Vereinigten Staaten. Was er sich vorgenommen habe für den Wettbewerb? "Ich habe viele Tricks im Kopf." Er wollte nicht zu früh verraten, was er sich da ausgedacht hatte.
Am Samstag konnten es alle sehen. Heikki Sorsa stand oben auf der Schanze, ging in die Knie und löste einen Schuh aus der Bindung. Trotzdem flog er mit unbekümmerter Leichtigkeit durch die Luft, drehte sich wie in Zeitlupe ein Mal um die eigene Längsachse und setzte danach butterweich auf. "Das ist der absolute Wahnsinn", sagte er danach. Niemand zuvor hatte einen solchen Sprung sicher zu Boden gebracht. Trotzdem schied Sorsa im K.-o.-Duell gegen David Benedek aus München in der zweiten Runde aus, was viel über die Qualität des Wettbewerbs sagt.
Benedek wurde wie schon im Vorjahr Vierter. Im Finale hatte schließlich der Norweger Horgmo bis zum letzten Lauf in Führung gelegen. Dabei war es schon eine Überraschung, dass der Zwanzigjährige überhaupt hatte antreten können. Bei den European Open im Februar hatte er sich schwer am Rücken verletzt. Dennoch wollte er unbedingt beim Air & Style an den Start gehen. Seit diesem Montag ist Horgmo Weltranglistenerster der Ticket-to-Ride-Tour. Und auch Mikkel Bang, den Jüngsten im Feld, hatten die Zuschauer schnell in ihre Herzen geschlossen. "Mir ist nie etwas Besseres passiert in meinem Leben", sagte der Zweitplazierte, bevor er das Olympiastadion verließ. Es war kurz vor Mitternacht, als er die Flasche Schampus unter den Arm klemmte, zur Tür hinausging und sprach: "Ich werde mich jetzt erst mal richtig betrinken müssen."