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Snowboard Das bewältigte Schleudertrauma der Lindsay Jacobellis

15.01.2007 ·  Bei den Olympischen Spielen verlor sich Gold aus Überheblichkeit. Doch die amerikanische Snowboarderin Lindsay Jacobellis hat aus ihrem Fehler gelernt und raste bei der WM solide zum Snowboardcross-Titel.

Von Michael Eder, Arosa
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Es schien längst alles entschieden damals am 17. Februar 2006 in Bardonecchia, man hätte bedenkenlos sein ganzes Vermögen auf Lindsay Jacobellis setzen können. Wie einige Leute, die es sehr genau nehmen, nachmaßen, betrug der Vorsprung der Amerikanerin auf ihre nächste Verfolgerin genau 43 Meter. Lindsay Jacobellis, keine Frage, fuhr im Snowboardcross einer olympischen Goldmedaille entgegen, einigem Ruhm und noch mehr Geld. Der vorletzte Sprunghügel, ein leichter, nicht mehr als eine kleine Welle auf dem Weg ins Glück. Lindsay Jacobellis raste darauf zu und entschloss sich im Fluge zu einer kleinen Showeinlage.

Sie griff mit der Hand zum Brett - einen "backside method grab" nennen das die Snowboarder -, drehte dabei ihren fliegenden Untersatz um ein paar Grad, so wie Kunstflugpiloten mit den Tragflächen ihrer Maschinen wackeln, um das staunende Publikum am Boden ganz lässig zu grüßen. Doch der Gruß geriet für das Mädchen aus Stratton Mountain zum Desaster, Lindsay Jacobellis verlor das Gleichgewicht, stürzte bei der Landung, und als sie sich auf dem Boden gedreht hatte wie ein Brummkreisel, war die baff erstaunte Schweizerin Tanja Frieden an ihr vorbeigerast und hatte im Ziel Gold gewonnen. Nie war eine Silbermedaille so blechern wie jene, die Lindsay Jacobellis wenig später umgehängt bekam.

Missgeschick aus Überheblichkeit

Die 20 Jahre alte Amerikanerin versuchte seinerzeit, das Schleudertrauma mit sonnigen Formulierungen zu therapieren. Sie sei trotz allem glücklich über Platz zwei, sagte sie. Und an das Brett habe sie nur gegriffen, um bei der hohen Geschwindigkeit die Fluglage zu stabilisieren. Dies war so offensichtlicher Unsinn, dass man ihn aus Gründen des Mitgefühls nicht weiter kommentieren wollte.

In den Vereinigten Staaten machte man sich stattdessen auf, ähnliche Missgeschicke, ausgelöst durch schiere Überheblichkeit, ausfindig zu machen. Und siehe da, im reichen Fundus der amerikanischen Sportgeschichte fanden sich zwei vergleichbare Ereignisse. Zum ersten Leon Letts verschenkter Touchdown für die Dallas Cowboys beim Super Bowl der Footballer 1993, zum zweiten der Fauxpas des legendären Jockeys Bill Shoemaker, der sich 1997 beim Kentucky Derby im Gefühl des sicheren Sieges im Sattel stehend vor der Ziellinie feiern ließ - und noch überholt wurde.

Spektakuläres Vierer-Verfolgungsfahren

Wer blechernes Silber umgehängt bekommt, braucht für den Spott nicht zu sorgen, und das musste auch Lindsay Jacobellis nicht. "Miss Method" ist zu ihrem Spitznamen geworden, aber sie wäre kein amerikanisches Sunnygirl, würde sie das tierisch ernst nehmen. Dass sie, wie kolportiert wurde, die Panne von Bardonecchia mindestens eine Million Dollar an Werbegeldern gekostet habe, wollte sie bei der Weltmeisterschaft, die dieser Tage in Arosa in der Schweiz stattfindet, nicht bestätigen. "Eigentlich hat mir der Sturz sogar etwas gebracht", sagt sie. "Ich habe mehr Publicity bekommen, als wenn ich gewonnen hätte." Dass die Einlage von damals unnötig gewesen sei, räumt sie mittlerweile lächelnd ein, "aber Albträume hatte ich deswegen nie". Das Turiner Gold ist weg für alle Zeit, und die nächsten Olympischen Spiele sind weit.

Die Möglichkeit, die Dinge ein wenig zurechtzurücken, hatte Lindsay Jacobellis bei der vom internationalen Skiverband Fis ausgerichteten Snowboard-Weltmeisterschaft in Arosa. Neben der Amerikanerin war auch Tanja Frieden am Start. Die Grundschullehrerin aus dem Berner Oberland war durch die geschenkte Goldmedaille und die Geschichte, die zu ihrem Sieg führte, in der Heimat zu einem Star aufgestiegen und zur Schweizer "Sportlerin des Jahres" gewählt worden. Im Halbfinale der WM traf sie am Sonntag in Arosa wieder auf die Konkurrentin aus den Vereinigten Staaten, die ungeachtet ihres olympischen Missgeschicks als weltbeste Snowboardcross-Fahrerin gilt. Und diesmal hatte die Schweizerin im spektakulären Vierer-Verfolgungsfahren Pech. Jacobellis kam ihr in die Quere, die Bretter berührten sich, und wie ein Formel-1-Bolide drehte sich Tanja Frieden von der Rennstrecke, während die Amerikanerin das Finale erreichte.

Vorsichtiger Griff ans Brett

Dort erinnerte einiges an Bardonecchia, wieder fuhr Lindsay Jacobellis weit voraus, und auf einen kleinen Gruß wollte sie beim letzten Sprung auch nicht verzichten. Vorsichtig, ganz vorsichtig griff sie ans Brett, dann sauste sie durchs Ziel - und war Weltmeisterin. Für einen besseren, riskanteren Trick, sagte sie, habe sie am Ende keine Kraft mehr gehabt. Die verständliche Wahrheit war wohl: nicht mehr die Nerven.

Die deutschen Starter übrigens enttäuschten auf der ganzen Linie. Michael Layer und David Speiser schieden bereits in der ersten Runde des Männerwettbewerbs aus, den der Franzose Xavier Delerue gewann, deutsche Frauen waren erst gar nicht am Start. Ihre Hoffnungen ruhen auf der Silbermedaillengewinnerin von Turin, Amelie Kober, die am Dienstag auf einen Sieg im Parallel-Riesenslalom hofft.

Quelle: F.A.Z., 15.01.2007, Nr. 12 / Seite 26
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Jahrgang 1957, Sportredakteur.

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