13.11.2006 · Shaun White ist der beste Snowboarder der Welt. Der Halfpipe-Olympiasieger von Turin hat im vergangenen Winter alle Wettbewerbe gewonnen, an denen er teilgenommen hat. Der 20jährige gilt als Wunderkind - und als Popstar.
Shaun White aus San Diego ist der beste Snowboarder der Welt. Der Halfpipe-Olympiasieger von Turin hat im vergangenen Winter alle Wettbewerbe gewonnen, an denen er teilgenommen hat. White gilt als Wunderkind - und als Popstar. „Ich habe mir immer nur kleine Ziele gesetzt, eines nach dem anderen“, sagt der 20jährige.
Wenn Jake Burton das Snowboard nicht erfunden hätte und alle Welt Skifahren würde, was würdest Du heute tun?
Vielleicht würde ich Fußball spielen. Ich habe vier oder fünf Jahre gespielt, als ich klein war.
Warum hast Du damit aufgehört?
Weißt Du, was eine soccer-mum ist?
Eine ehrgeizige Mutter, die am Rande steht?
Ja, eine, die draußen steht und die Kinder anschreit, die eigenen und die anderer Leute, daran habe ich mich nicht gewöhnen können. Deshalb habe ich mit Fußball aufgehört. Dann bin ich mehr Skateboard gefahren und eben Snowboard.
Du stammst aus San Diego. Was ist mit Surfen?
Als ich zehn war oder so, also ziemlich klein, hat mich mein Vater mit hinaus aufs Meer genommen. Er war ein richtig guter Surfer, er hätte Profi werden sollen. Es hatte riesige Wellen an diesem Tag und er hat mich ganz weit rausgezogen. Er hat gesagt, Junge, das ist das beste, das es gibt, und die Wellen haben mich total verprügelt und durchgespült, ich war mitten in der Waschmaschine. Es war wirklich hart da draußen, und ich habe gesagt: Ich gehe nie wieder da raus, ich gehe nie wieder surfen. Und so habe ich wirklich ein paar Jahre Pause gemacht. Ich habe es gehaßt, und dann habe ich es wieder angefangen mit 13 Jahren oder so, und heute liebe ich es, das Surfen. Es ist großartig.
Du warst auf dem Cover des „Rolling Stone“, Bob Dylan und Bruce Springsteen tauchten ganz klein oben in der Dachzeile auf, Shaun White hatte die Titelgeschichte. Wie fühlt man sich als Popstar?
Als ich damals gesehen habe, Dylan oben in der Titelleiste, da habe ich gedacht: ziemlich cool das Ganze. Weißt du, damals bei Olympia in Turin, war das amerikanische Team nicht sehr erfolgreich, die Skifahrer, die Eisläufer und die anderen, und da war ich plötzlich der Junge, der es geschafft hatte, der Gold geholt hatte für das US-Team. Es war ziemlich verrückt, als ich dann nach Hause kam. Ich hatte noch nicht einmal ausgeschlafen, da haben sie mich schon abgeholt zum Fotoshooting für den „Rolling Stone“.
Hat Dir dein Erfolg die Zeit gestohlen? Im Film „First Decent“, der in diesen Tagen in die Kinos kommt und die Geschichte des Snowboardens erzählt, gibt es eine Stelle, an der Du sagst, daß Du deinen Terminkalender haßt.
Ich hasse ihn manchmal, wenn ich zuhause bin, das ist wahr. Dann heißt es: Wohin gehen wir die nächsten Wochen? Die Antwort: London, Colorado, Frankfurt, Lake Tahoe, München, Japan. Das ist hart, aber wenn ich unterwegs bin, wenn ich dort überall bin, ist es okay. Es ist interessant, vieles zu sehen.
Hast Du überhaupt noch genügend Zeit zum Training?
Ja, schon, ich war im Sommer in Neuseeland und habe neue Sachen trainiert. Und um die Wettkämpfe herum gibt es auch noch Zeit dafür.
Wie viele Halfpipes gibt es in den Staaten?
Richtig gute? So acht, würde ich sagen, acht bis zehn.
Wie viel, schätzt Du, gibt es in Deutschland?
Keine Ahnung. Wie viele?
Keine einzige.
Keine einzige? Wie kann das sein? Da werden wir mal rüberkommen und Euch eine bauen.
In Europa haben sie Dich den „Mozart des Snowboardens“ genannt, kennst du Mozart?
Ja klar, wer das sagt, macht mir ein schönes Kompliment.
Aber Deine Musik ist Mozart vermutlich nicht.
Nein, nicht wirklich. Ich höre viel Musik, das übliche, Rock, AC/DC und so was.
Du bist der mit Abstand beste Freestyle-Snowboarder der Welt, hast vergangene Saison jeden Wettkampf gewonnen, an dem Du teilgenommen hast. Wird es auf Dauer langweilig, unbesiegbar zu sein?
Die letzte Saison schien leicht, aber sie war sehr hart, das war viel Arbeit, alles drehte sich um Olympia. Erst die Qualifikation, dann Turin. Ich habe mir immer nur kleine Ziele gesetzt, eines nach dem anderen. Es gab zum Beispiel hier und dort Autos zu gewinnen, und ich habe mir gedacht, okay. Holst du dir ein Auto, dann waren es zwei, dann drei, und so ging es immer weiter, eben von Wettkampf zu Wettkampf.
Was kennst Du eigentlich von Deutschland außer dem Olympiastadion in München, wo das Air&Style-Springen stattfindet?
Ich war auf dem Oktoberfest. Unglaublich. Diese Frauen mit diesen Kleidern, diese Kellnerinnen in den Zelten, die sechs oder acht dieser riesigen Bierkrüge schleppen, die so groß sind, daß ich nur einen einzigen tragen könnte. Verrückt.
Wo liegt die Zukunft des Snowboardens? Wer wird gewinnen: die technische Schwierigkeit oder der Style?
Der Style. In Turin gab es Jungs, die haben 1260er gedreht, mehr als ich, aber wie sah das aus? Es geht um den Style. Weißt du, die schönsten Sprünge sind die weiten, die entspannten, die langsamen Drehungen, mit sauberen Grabs.
Welches sind die wichtigsten Veranstaltungen für Dich?
Die X-Games sind sehr wichtig. Sie sind wie Olympia – jedes Jahr. Gut, Olympia ist noch ein bißchen größer, aber die X-Games haben eine große Bedeutung für unseren Sport.
Was ist mit der Weltmeisterschaft?
Weltmeisterschaft?
Die Snowboard-WM der FIS, des Skiverbandes.
Wann ist die?
Im Januar in Arosa in der Schweiz.
Nein, das ist nichts für mich. Es gibt andere Termine. Weißt du, der FIS-Weltcup ist nur wichtig, wenn es um die Qualifikation für Olympia geht. Ich werde vielleicht im Januar zu den European Open nach Laax kommen, da muß ich noch sehen, ob sich das mit den X-Games überschneidet. Aber wenn ich im Januar nach Europa komme, dann nach Laax. Die FIS-WM ist nichts für mich.
Wie waren die Tage in Alaska? Welche Erfahrungen hast Du gemacht?
Die meisten sagen nur, phantastisch, wenn sie Alaska hören. Aber meine Gefühle waren anders. Ich wußte, das ist gefährlich, das ist wirklich gefährlich. Es ist alles so groß dort, wenn du aus dem Hubschrauber schaust, es ist unglaublich. Und du hast das Gefühl, nicht alles unter Kontrolle zu haben, wenn du auf dem Board stehst. Das war neu für mich.
Seventysixone heißt der eine Gipfel in Alaska, den Terje Haakonsen allein gefahren ist. Warum hast Du gesagt, das mache ich nicht?
Es war ein wahnsinniger Sturm, als uns der Hubschrauber oben abgesetzt hat. Man konnte kaum stehen dort oben, der Wind hat uns fast weggeblasen, da haben wir entschieden, es zu lassen, der Hubschrauber hat uns wieder abgeholt. Und als Terje dann ein paar Tage später gefahren ist, war ich nicht da. Ich hatte einen Termin in Los Angeles, und Terje ist allein gefahren.
Deine Mutter ist lange mit dir gereist und hat geschaut, daß Du nicht den bösen Buben in die Hände fällst. Was hat sie gesagt, als Du ihr von „First Decent“, von diesem Alaska-Projekt erzählt hast?
Es war ihr Albtraum. Sie hat mir meine Sachen gepackt und sie hat mir eine kleine Glocke mitgegeben, um mir die Bären vom Hals zu halten. Es war lustig. Weißt du, sie dachte, wenn mir ein Bär über den Weg läuft, sollte ich ihn mit der Glocke vertreiben. Vermutlich hätte er erst einmal gelacht – und mich dann erst gefressen.
Das Gespräch führte Michael Eder.