22.07.2009 · Vergangene Spielzeit überraschte Hertha BSC mit Ausflügen an die Spitze. Im Jahr eins nach Dieter Hoeneß droht die Ernüchterung. Wegen Sparzwangs könnten die Berliner wieder zur grauen Maus werden. Teil 2 des Bundesliga-Countdowns.
Von Michael Horeni, BerlinAnfang des Monats konnte der neue Hertha-Manager Michael Preetz endlich den ersten Prominenten im Hertha-Trikot präsentieren – und Tausende jubelten. Es handelte sich allerdings nicht um einen begehrten Fußballprofi, der die Anhänger in Berlin begeisterte. Es war Campino, der Sänger der „Toten Hosen“, der während eines Konzerts in der Hauptstadt bei seinem ätzenden Song über den FC Bayern München das Hertha-Trikot überstreifte. Fußballfan Campino beglich damit eine Wettschuld. Der Musiker, schon lange mit Preetz befreundet, hatte in einem Fußballquiz gegen den Manager verloren.
Außer Campino hat sich bisher noch kein bekanntes Gesicht im Hertha-Trikot vorstellen können. Das wird sich wohl auch bis zum Saisonauftakt kaum mehr ändern. Denn die Hertha muss so eisern wie kein anderer Spitzenklub der Bundesliga sparen. Im Fußball aber, das wissen Manager Preetz und Trainer Lucien Favre sehr genau, lässt sich mit dem Hauptstadtmotto „arm, aber sexy“ nicht viel gewinnen. Die Fans beschleicht das Gefühl, dass Hertha doch nicht zu einem Fußballriesen wird, sondern wieder zu einer grauen Maus.
Die Führung des zweiten Überraschungsklubs der vergangenen Saison, der bis zwei Spieltage vor Schluss die Hauptstadt von der Meisterschaft träumen ließ, geht vorsorglich schon in die Defensive. „Die Fans haben hohe Erwartungen und Wünsche, was ich verstehe. Aber wir müssen realistisch sein. Ich denke, es ist unmöglich, eine solche Saison wie zuletzt sofort zu wiederholen“, sagte Trainer Lucien Favre während des Trainingslagers in einem Interview mit der „Berliner Zeitung“ erstmals ganz offen.
Alleine Wichniarek und Janker kamen bisher nach Berlin
Die Führung bereitet die Fans schon darauf vor, dass der vierte Platz und die Qualifikation für die Europa League, die nach dem Höhenflug bis kurz vor Schluss bei der Hertha schon als Enttäuschung erlebt wurde, womöglich nur noch als schöne Erinnerung taugen – und nicht als Startzeichen in eine erfolgreiche Zukunft. „Wir können unsere Abgänge bisher nicht vollständig kompensieren. Es macht mehr Sinn, das jetzt zu sagen, als falsche Erwartungen zu wecken“, sagt auch Manager Preetz, der nach fast dreizehn Jahren ein schweres Erbe von seinem Vorgänger Dieter Hoeneß übernommen hat.
Während der Tabellendritte VfB Stuttgart grübelt, wie er seine 35 Millionen Euro aus dem Verkauf von Mario Gomez anlegt, hat die Hertha mit einem Etat zu kämpfen, der eine Fortsetzung der erfolgreichen Entwicklung nahezu unmöglich erscheinen lässt. Die Hertha drücken Schulden von 33,5 Millionen Euro. Der Personaletat soll von 33,6 auf 28 Millionen gesenkt werden. Fünf Millionen Euro Transferüberschuss muss der Manager erwirtschaften.
Dafür hat Preetz schon einiges getan. Mit dem Verkauf von Josip Simunic, in der Vorsaison der wohl stärkste Innenverteidiger der Liga, nach Hoffenheim für sieben Millionen Euro entspannte sich die wirtschaftliche Situation – aber damit ging auch die dritte und vielleicht wichtigste Stütze des Aufschwungs in Berlin dahin, nach dem Abschied der beiden Stürmer Andrej Woronin und Marko Pantelic. Nach Angaben von Hertha-Präsident Werner Gegenbauer stehen dem Klub trotzdem nur zwei bis 2,5 Millionen Euro für Transfers zur Verfügung. Bisher wurden allein Stürmer und Rückkehrer Artur Wichniarek von Arminia Bielefeld und Christoph Janker aus Hoffenheim verpflichtet.
„Was sich aber ändert, ist die Form der Zusammenarbeit“
Der Blick der Verantwortlichen geht daher schon jetzt weit über die Saison hinaus. Die Hertha will die Zusammenarbeit mit Favre, dessen Vertrag erst in diesem Jahr bis 2011 verlängert wurde, betont langfristig ausrichten. Wie es heißt, soll der Kontrakt noch vor dem Saisonstart bis zum Sommer 2013 ausgedehnt werden. Die besondere Bedeutung Favres für die Entwicklung der Hertha wird auch beim Blick auf den Kader von vor zwei Jahren deutlich. Von seinem ersten Team sind nur noch fünf Spieler in der kommenden Saison dabei: Kapitän Arne Friedrich, Torhüter Jaroslaw Drobny, U-21-Nationalspieler Patrick Ebert, Mittelfeldspieler Pal Dardai sowie Ersatzspieler Lukas Piszczek.
Favres Einfluss ist seit dem Abschied von Hoeneß noch einmal erheblich gewachsen, auch wenn sich seine Rolle formal nicht geändert hat. Die Aufgaben und Pflichten des Trainers seien dieselben geblieben, sagt Preetz. Der Schweizer will auch nicht wie Felix Magath bei Schalke und Armin Veh in Wolfsburg in die Geschäftsführung aufrücken. „Was sich aber ändert, ist die Form der Zusammenarbeit“, sagt Preetz. Mit anderen Worten: Statt Geld für neue Spieler, wie in den beiden Vorjahren unter Hoeneß, stellt die Hertha dem Trainer nur noch kostenloses Kapital bereit: Vertrauen.