31.07.2009 · Eigentlich wollte wollte Mainz 05 ein Wiedersehen mit seiner eigenen Vergangenheit feiern. Die Generalprobe gegen den ehemaligen Trainer Klopp fiel wegen der Verletzungsmisere aus. Und Trainer Jörn Andersen hat auch große Probleme. Teil 11 des Bundesliga-Countdowns.
Von Daniel Meuren, MainzDieser Tage sorgt Mainz 05 nur mit Meldungen aus dem Lazarett für Schlagzeilen. 14 von 28 Spielern standen zu Beginn dieser letzten Trainingswoche vor dem ersten Pflichtspiel im DFB-Pokal am Freitagabend in Lübeck (20.30 Uhr/ FAZ.NET-DFB-Pokal-Liveticker und Mainz 05 vor dem Pokalspiel: Kleiner Kader, große Ziele) nicht zur Verfügung. Die Malaisen reichten vom soliden Mittelfußbruch (Chadli Amri) über Nachwehen einer notwendig gewordenen Hauttransplantation am großen Zeh (Eugen Polanski) und einer zunächst übersehenen Meniskusverletzung (Filip Trojan) über vorbereitungstypische Beschwerden an Muskeln und Sehnen bis hin zur exotischsten Variante einer - mittlerweile als vergleichbar glimpflich eingestuften - Malariaerkrankung beim afrikanischen Torjäger Aristide Bancé.
Die Liste der angeschlagenen Spieler veranlasste den Klub sogar dazu, den für den vergangenen Dienstag geplanten letzten Test gegen Borussia Dortmund abzusagen, obwohl dieses Spiel den emotionalen Kick für die bevorstehende Spielzeit liefern sollte. Jürgen Klopp wäre erstmals seit seinem tränenreichen Abschied vom Bruchweg mit seiner Dortmunder Borussia als Fußballlehrer nach Mainz zurückgekehrt, der Bundesligaaufsteiger wollte mit diesem Spiel nicht nur schnellverdiente rund 300.000 Euro in die eigene Kasse spülen, sondern vor allem auch die Brücke aus der Vergangenheit in die Zukunft schlagen.
Härte, die vielleicht weh tut
Dieser Versuch ist misslungen und er könnte in ein paar Wochen womöglich als Symbol für den Beginn einer misslungenen Rückkehr in die Bundesliga stehen: Denn wo Strahlemann Klopp meist alles Glück der Welt für sich vereinnahmt hatte, hat Nachfolger Andersen auch ein Jahr nach dem Abschied Klopps noch immer mit dem Image seines Vorgängers zu kämpfen. Weniger, weil der Verein es seinem seit Jahren mit deutschem Pass ausgestatteten norwegischen Trainer besonders schwer machen würde, aus dem Schatten seines großen Vorgängers zu treten, der Mainz 05 in elf Jahren als Spieler und vor allem in den sieben Jahren als Trainer so stark prägte. Mittlerweile gewinnt der Beobachter eher den Eindruck, dass sich Andersen selbst im Weg steht.
In der Saisonvorbereitung wiederholte er immer wieder sein Credo, dass er mit seinen Kickern die härteste Vorbereitung aller Zeiten absolvieren wolle. Schnell kursierten im Umfeld die Vergleiche, dass Andersen „den Magath macht“. Tatsächlich packte der Bundesligatorschützenkönig von 1990 in der Vorbereitung die Medizinbälle aus, zudem wohnten die Mainzer während ihres Trainingslagers im österreichischen Flachau - angeblich aus purem Zufall - im selben Hotel wie Magaths spätere Meister vor der vergangenen Spielzeit. Doch möglicherweise hat der Meistertrainer-Nachahmer etwas überdreht und übersehen, dass der „Quälix“ auch schon lange nicht mehr seine Spieler kaputt trainiert. Rund um das Aufstiegsteam kursieren Gerüchte, dass Andersen bewusst trotz Warnungen aus der wegen besorgniserregender Blutwerte alarmierten medizinischen Abteilung hart trainiert habe, um die Willensstärke seiner Spieler zu testen. Das Ergebnis könnte nun die auffällige Häufung an Muskel- und Sehnenverletzungen sein, die den Klub in die Nähe eines Personalnotstands bringen.
Zweideutige Äußerungen über Klopp
Doch nicht nur auf dem Trainingsplatz sorgt Andersens harte Gangart für Unmut. Auch außerhalb des Platzes legt der Trainer ungewöhnlich raue Methoden an den Tag. Die Spieler dürfen auf Anweisung des Trainers nicht in ihren Fußballschuhen die Kabine betreten, vor dieser Spielzeit soll Andersen den Spielern gar verboten haben, Fotos von Kindern oder Erinnerungen an große Momente ihrer Laufbahn an ihre Spinde zu kleben. Andersen begründet solche Maßnahmen mit seiner Überzeugung, dass „ein Spieler nur Leistung bringt, wenn er Ordnung hält.“ Befremdet nehmen seine Spieler indes zur Kenntnis, dass sich der Trainer selbst ein großes Bild von der Aufstiegsfeier gerahmt auf seinen Schreibtisch gestellt hat. Und ebenso erstaunt nahmen die Verantwortlichen bei Mainz 05 zur Kenntnis, dass Andersen im Trainingslager eine Einladung des Bürgermeisters der Gemeinde Flachau zum Abendessen erst mit halbstündiger Verspätung wahrnahm.
Ähnlich irritiert dürften sie auch zur Kenntnis nehmen, dass sich Andersen neuerdings etwas zweideutig über den Mainzer Heroen Klopp äußert. In einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ sagte Andersen: „Ich bin anders als Jürgen Klopp, ich packe die Spieler härter an. Bisher bin ich damit sehr gut gefahren.“
Diese Woche hat Andersen noch weitere Baustellen im Team eröffnet: So verzichtete er darauf, wenigstens im Tor, dem einzigen Mannschaftsteil ohne Verletzungssorgen, seinem Stammtorhüter Dimo Wache den Rücken zu stärken. Statt eines klaren Bekenntnisses zur Nummer eins deutete Andersen die Möglichkeit von Wechselspielen im Tor an. Zudem ließ er weiter die Frage nach einem Kapitän für die anstehende Spielzeit offen. Und selbst die Bestimmung des Mannschaftsrats misslang: auf Drängen von Mannschaft und wohl auch auf Druck von Manager Christian Heidel hin rückte der altgediente, aber vom Trainer offenkundig nicht allzu sehr geschätzte Linksverteidiger Marco Rose in das Gremium nach.
Routine statt Spaßfußball
Auch wegen dieser Merkwürdigkeiten ist Mainz 05 derzeit weit entfernt davon, mit einer vergleichbaren Euphorie in die neue Spielzeit zu starten wie beim ersten Aufstieg 2004. Damals schlüpften die „netten Mainzer“ direkt in die Rolle des Farbtupfers der Liga, mit ihrem Zaubermeister Klopp an der Spitze standen sie für Spaßfußball und gute Laune auf den Rängen. Gespeist wurde das kleine Mainzer Fußballwunder von der Begeisterung einer Schar bis dato völlig unbekannter Spieler. Als die Mainzer zu ihrem ersten Bundesligaspiel antraten, blickte der gesamte Kader gerade mal auf 248 Bundesligaspiele zurück. Fünf Jahre später weist die Statistik sogar mehr Länderspiele auf. Insgesamt versammelt der Kader die Erfahrung aus 306 Einsätzen für die jeweiligen Nationalmannschaften, die Zahl der Bundesligaspiele addiert sich auf 756.
Entsprechend muss Mainz 05 die fast schon jugendliche Leichtigkeit von einst mit Routine, die Spielfreude von damals mit der spielerischen Reife von heute wettmachen. Wenn alle Leistungsträger gesund sind, könnte das zum Klassenerhalt reichen. Vor allem der in der vergangenen Woche von Panathinaikos Athen verpflichtete österreichische Spielmacher Andreas Ivanschitz (siehe: FSV Mainz 05: Werbekampagne in Österreich ) weckt dabei die Hoffnungen der Rheinland-Pfälzer auf neue spielerische Klasse, die derzeit noch verletzten Mittelfeldspieler Eugen Polanski und Filip Trojan sollen nach ihrer Genesung mehr Dynamik in das zu Zweitligazeiten oft statische Mainzer Spiel bringen. Doch bis der komplette Kader zur Verfügung steht, muss Mainz 05 erst einmal improvisieren. Vielleicht entsteht ja in dieser Zeit eine Notgemeinschaft aus Mannschaft und Trainer, die die Differenzen vergessen lässt. (siehe auch: Mainz 05: Spiele, Hintergründe und Geschichten)