26.10.2008 · An diesem Sonntag könnte bei der Schach-WM schon alles zu Ende sein. Titelverteidiger Anand dominiert gegen Kramnik und viel spricht für seinen Sieg. Der Inder hat wohl seine Hausaufgaben vor dem Match besser gemacht.
Von Alexander Armbruster, BonnAn diesem Sonntag könnte schon alles zu Ende sein. Viswanathan Anand hat schon 5,5 Punkte ergattert und könnte durch einen Sieg in der neunten Runde vorzeitig Schachweltmeister bleiben. Dafür spricht, dass er in Topform ist und überdies die weißen Figuren kommandieren darf. Dagegen spricht, dass sein Herausforderer Wladimir Kramnik in den beiden vergangenen Spielen remisieren konnte und sich gefangen zu haben scheint.
In der am Freitag gespielten achten Runde hatte er sogar lange Vorteil, und es war Anand, der bis zum Schluss um das Unentschieden kämpfen musste. „Da stand ich zum ersten Mal in diesem Match wirklich besser“, sagte Kramnik. Wenn er an diesem Sonntag mit Schwarz ein Unentschieden halten kann oder gar gewinnen sollte, müssen die beiden am Montag noch mal ran.
In sieben von acht Spielen hat Anand bestimmt, wo es langgeht
Dass sie auch am Dienstag noch in der Bonner Bundeskunsthalle zu sehen sein werden, hält kaum einer für möglich. Dazu dominiert der aus Indien stammende Weltmeister den Zweikampf bisher zu deutlich. Mit drei Punkten Vorsprung ist er auf dem besten Weg, den Titel zu verteidigen.
Neben seiner bestechenden Konzentrationsstärke, die sich darin spiegelt, dass er auch lange Zugfolgen schnell und fehlerlos berechnet, ist vor allem maßgeblich, dass er seine Hausaufgaben vor dem Match offenbar gründlicher gemacht hat als der aus Russland stammende Kramnik. In sieben von acht Spielen hat Anand bestimmt, wo es langgeht.
„Die Sekundanten liefern nur die Munition für die Spieler“
Sprich: Er hat den ersten unerwarteten Zug gezogen, die besseren Ideen gehabt und seinen Gegner schon ins Grübeln gebracht, als dieser noch dachte, die Welt sei auch auf dem Schachbrett in bester Ordnung. Dafür darf Anand sich zum einen bei seinen Sekundanten bedanken, die zusammen mit ihm monatelang viele Tricks und Ideen ausbaldowert hatten und auch während des Bonner Wettstreits stets vor den Rechnern im Hotel die Strategie ihres Chefs überarbeiteten.
Aber, wie der deutsche Großmeister und Startrainer Artur Jussupow bemerkte: „Die Sekundanten liefern nur die Munition, schießen müssen die Spieler selbst.“ Anand hat geschossen und bisher dreimal getroffen, zweimal davon sogar mit Schwarz.
„Einfach besser spielen und vielleicht eine Partie gewinnen“
In den Runden drei und fünf entstanden jeweils hochkomplizierte Stellungen, in denen gutes Rechnen Gold wert war – wodurch Anand seine Stärke ausspielen konnte. Nach seinem zweiten Sieg mit Schwarz ließ er den ersten Weißsieg überhaupt folgen, als er einen kleinen Vorteil bis ins Endspiel sicherte und in einen vollen Punkt verwandelte.
Das setzte seinem Gegner zu. Und der hat sich mit der Niederlage offenbar arrangiert. „Ich möchte“, sagte Kramnik, „einfach besser spielen und vielleicht eine Partie gewinnen.“ Das sind bescheidene Ziele für einen, der eigentlich Weltmeister werden wollte.