26.10.2008 · Aufgeschoben ist nicht aufgehoben: Titelverteidiger Viswanathan Anand trennet sich in der neunten Partie der Schach-WM von Herausforderer Wladimir Kramnik remis und führt nun mit 6,0:3,0. Damit fehlt dem Inder nur noch ein halber Punkt zum Titel.
Titelverteidiger Viswanathan Anand hat seinen ersten Matchball bei der Schach-Weltmeisterschaft in Bonn vergeben. Der 38 Jahre alte Großmeister aus Indien erreichte am Sonntag in der neunten Partie gegen Herausforderer Wladimir Kramnik (Russland) nur ein Remis und verpasste den vorzeitigen Gesamtsieg in dem mit 1,5 Millionen Euro dotierten WM-Zweikampf. Bei einer 6:3-Führung benötigt Anand aber nur noch einen halben Punkt aus drei Begegnungen. Schon an diesem Montag kann er allerdings im zehnten Spiel den Titel perfekt machen.
Trotz des fast hoffnungslosen Rückstands entwickelte Kramnik in der neunten Runde großen Kampfgeist. Offensichtlich hatte ihm der Ruhetag gut getan. Der 33-Jährige spielte mit Schwarz und agierte sehr offensiv. Anand führte die weißen Figuren. Er eröffnete wie an den Vortagen mit dem Damenbauern. Es entwickelte sich ein Damen- Gambit mit der sogenannten Botwinnik-Variante. Kramnik erkämpfte sich leichte Vorteile und hatte im Turm-Endspiel sogar einen Bauern mehr. Dennoch reichte es nach 45 Zügen nicht zum ersten Sieg für den Russen, zumal Anand erneut fehlerlos agierte.
Anands Team besser und effektiver
Der klare Vorsprung des Inders bei der mit 1,5 Millionen Euro dotierten WM belegt nicht nur seine großartige Form, sondern deutet auch darauf hin, dass sein Team besser und effektiver arbeitet. Bis zum Beginn des Duells wurden die Namen der Helfer geheim gehalten. Der ungarische Großmeister Peter Leko ist bekanntester Sekundant des Herausforderers Wladimir Kramnik, Anands prominentester Helfer im WM-Vorfeld war Magnus Carlsen, der mit ihm beim Schach-Bundesligisten OSG Baden-Baden spielt. Der Jungstar aus Norwegen fehlt aber in Bonn, weil er derzeit andere Turnierverpflichtungen hat.
Die Arbeit des Kramnik-Teams hat sich bisher noch nicht hinreichend ausgezahlt. „Vielleicht hört der Chef nicht genügend auf seine Helfer“, mutmaßte WM-Kommentator Artur Jussupow. Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, Schirmherr der Schach-WM in Bonn, wollte die Sekundanten aber nicht als Sündenböcke abstempeln: „Kramniks Helfer haben keine Schuld an seinem Rückstand. Er muss noch variantenreicher spielen, um zu gewinnen.“
Um in den verbleibenden drei Partien noch seine Chance auf den WM-Titel zu wahren, müsste der Herausforderer aber über seinen Schatten springen und dreimal siegen. „Es macht Sinn, bei einem Rückstand etwas zu riskieren, aber es macht keinen Sinn, wie ein Idiot zu verlieren“, lehnte er jede Art von Harakiri-Schach ab.