25.10.2008 · Können ist gut, Analyse ist besser: Schon Monate vor der Schach-WM in Bonn haben Titelverteidiger Anand und Herausforderer Kramnik großartige Berater um sich geschart. Vor Überraschungen schützt das aber nicht.
Von Alexander Armbruster, BonnDer ehemalige und längst verstorbene Schachweltmeister Michael Botwinnik soll einmal auf die Frage, ob Schach eine Wissenschaft, eine Kunst oder ein Spiel sei, wie folgt geantwortet haben: Wenn er selbst es spiele, dann sei es eine Wissenschaft. Wenn Michael Tal - ein anderer ehemaliger Weltmeister - spiele, dann sei es eine Kunst. Und wenn der Journalist, der ihn auf diese Art frage, die Figuren führe, dann sei es nicht mehr als ein Spiel.
Einen so klaren Wettkampf hatte keiner gesehen
Wenn Viswanathan Anand und Wladimir Kramnik gegeneinander Schach spielen, dann ist jedes Element des Dreiklangs vorzufinden. Die beiden kämpfen gerade in Bonn darum, wer Schachweltmeister wird. Der Inder Anand führt und ist auf dem besten Weg, seinen im vergangenen Jahr errungenen Titel zu verteidigen. Ian Rogers, ein australischer Schachgroßmeister, der in Bonn den Wettstreit beobachtet, befand gar, wenn Kramnik noch einmal in das Match zurückkomme, dann sei dies die „größte Auferstehung seit Lazarus“. Dass der Wettkampf eine so klare Angelegenheit werden würde, hatte freilich niemand vorhergesehen.
Beide Spieler gelten als perfekt ausgebildet und in der Lage, jede Art der Figurenaufstellung auf hohem Niveau zu spielen. Außerdem treffen sie in Bonn nicht aus dem Stand aufeinander. Auf das Match haben sie sich monatelang vorbereitet. Anand begann im April, seinen Rivalen Kramnik zu analysieren. Kramnik habe sogar schon im Januar damit begonnen, einen Schlachtplan zu entwerfen. Dabei helfen gigantische Partiedatenbanken, rechenstarke Computerschachprogramme und jeweils ein Beraterstab, dem ausnahmslos Spieler der Weltklasse angehören.
Die Eröffnung kann alles entscheiden
Für Anand arbeitet etwa der ehemalige Weltmeister Rustam Kasimdzhanov. Kramnik hat den ungarischen Supergroßmeister Peter Leko in sein Team beordert, mit dem er sich noch im Jahr 2004 um die Schachkrone duellierte. Die Beraterstäbe untersuchten sämtliche Partien des Gegners auf Stärken und Schwächen und zimmerten aus allem, was ihnen dabei auffiel, ein Profil, das den Vergleich mit amerikanischen Psycho-Krimi-Serien nicht zu scheuen braucht. Was dabei zutage kam, haben sie dann mit den Stärken des eigenen Mannes verglichen und daraus eine Wettkampfstrategie gewonnen.
Konkret geht es um Eröffnungen, also die ersten Züge, die jeder Spieler macht. Sie entscheiden oft schon, wie die Partie ausgeht, zumindest aber, ob einer der beiden gute Chancen auf einen vollen Punkt hat. „Gute Karten hat derjenige, der seine vorbereiteten Überraschungen besser an den Mann bringen kann“, sagte der deutsche Schachgroßmeister Klaus Bischoff, der in Bonn die Partien für das Publikum kommentiert. Eine gute und vor allem neue Eröffnungsidee im Schach wirkt ungefähr wie ein verbesserter Motor in der Formel 1, weshalb der Gedanke, dem Stab des Siegers einen Konstrukteurstitel zu verleihen, so abwegig nicht ist.
Zu viel Bedenkzeit bei Kramnik
Wer erahnen will, was der Gegner vorbereitet hat, muss wissen, wer ihn berät. Die Beraterstäbe waren deshalb ein gut gehütetes Geheimnis, das die Kontrahenten erst unmittelbar vor Beginn des Bonner Zweikampfes lüfteten. Selbst während des Matches waren Kramniks Berater selten und die des Titelverteidigers bislang gar nicht am Spielort zu sehen. Der Inder antwortete diplomatisch auf die Frage, ob er seinem Stab explizit verboten habe, in die Bundeskunsthalle zu kommen: „Die haben noch nicht danach gefragt.“
Er jedenfalls kann mit seinen Leuten zufrieden sein. In fünf von sieben Partien überraschte Anand mit seinen Zügen den aus Russland stammenden Herausforderer und ließ ihn in tiefes Nachdenken verfallen. Das kostete Kramnik jedes Mal nicht nur viel Bedenkzeit, die nachher fehlte, sondern wirkte offenbar auch auf die Psyche. Der hünenhafte Russe, in seinem schwarzen Anzug strammen Schrittes viel eher wie ein Weltmeister daherkommend als der mehr schwebende Anand, dem der Titel tatsächlich gehört, wirkte vor allem nach seiner dritten Niederlage schwer getroffen: „In meiner Situation geht es einfach darum, besser zu spielen und vielleicht mal eine Partie zu gewinnen.“
Menschen machen Fehler
Auch Kramnik hält den Kopf mittlerweile wie der Inder leicht gesenkt, wenn er vom Brett aufsteht und sich die Beine vertritt. Ein wenig, so vermuten es einige Beobachter, hat auch die Konzentrationsfähigkeit Kramniks unter den vielen Neuerungen Anands gelitten. Die fünfte Partie, die über 15 Züge exakt der dritten glich, führen sie als Beispiel an. Der Herausforderer hatte sich in einer Zugkombination folgenschwer verrechnet und die Partie aufgeben müssen. „So ein Fehler darf auf diesem Niveau nicht einmal angesichts knapper Bedenkzeit passieren“, kommentierte der spanische Großmeister Miguel Illescas.
Für den Deutschen Klaus Bischoff belegt das wieder einmal, dass eben auch im Schach Menschen gegeneinander antreten. „Und die können, wie alle anderen Menschen auch, Fehler machen.“ Da ist Schach dann nicht mehr eine wissenschaftliche Auseinandersetzung um die besten Ideen und Konzepte, sondern ein Spiel, in dem Fehler passieren und Ergebnisse bisweilen von der Tagesform abhängen. Sogar dann, wenn zwei Supergroßmeister die Figuren führen.