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Im Gespräch: Schach-Weltmeister Anand „Am Brett fragt man sich, ob man sich richtig erinnert“

13.10.2008 ·  Am Dienstag beginnt in Bonn der drei Wochen dauernde Kampf um die Schach-WM. Vor dem Duell mit dem Russen Wladimir Kramnik redet der Inder Viswanathan Anand im FAZ.NET-Gespräch über Betriebsgeheimnisse und den menschlichen Faktor beim Spiel mit Dame und König.

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Am Dienstag beginnt in Bonn der Kampf um die Schach-Weltmeisterschaft. Bios zu drei Wochen lang werden sich der Russe Wladimir Kramnik und der Inder Viswanathan Anand dann jeden zweiten Tag am Brett gegenübersitzen. FAZ.NET wird den Kampf um die Schachkrone intensiv mit einer eingehenden Analyse am Folgetag jeder Partie auf der FAZ.NET-Sonderseite Schach verfolgen.

Im FAZ.NET-Gespräch verrät Anand vor dem ersten Zug mit Bauer oder Pferd seine Betriebsgeheimnisse und den menschlichen Faktor beim Spiel mit Dame und König.

Herr Anand, momentan redet jeder von der Finanzkrise. Beschäftigt die Sie auch?

Ja. Der Markt in Indien ist um über 40 Prozent abgestürzt, davon bin ich auch persönlich betroffen.

Auch der logisch denkende Schach-Weltmeister ist davon überrascht worden, wie schnell plötzlich Banken zusammengebrochen sind?

Auf jeden Fall. Wenn Sie mich vor drei Monaten gefragt hätten, ob das passiert, hätte ich gesagt: Beruhigen Sie sich erst mal.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Schwer zu sagen. Das letzte Mal haben während der Großen Depression Menschen Banken gestürmt, um ihr Geld in Sicherheit zu bringen. Niemand hätte gedacht, dass es so etwas noch mal geben könnte . . .

. . . und doch ist das zuletzt passiert.

Das Beängstigende daran ist für mich, dass wir ständig und viel dazulernen, dass das aber offenbar nichts nutzt.

Wie meinen Sie das?

Wir machen die gleichen Fehler, immer und immer wieder. Wir sind heute genauso wie die Menschen, die im 17. Jahrhundert Tulpen gekauft haben. Der Unterschied ist allein der, dass wir Dinge, die wir gut verstanden haben, erst nach zwanzig Jahren wieder falsch machen, und Dinge, die wir kaum erklären können, eben schon nach zehn Jahren.

Eine pessimistische Perspektive. Werden auch in Ihrem Sport, dem Schach, heute noch Fehler gemacht, die schon vor Jahrzehnten gemacht wurden?

Natürlich. Schachpartien werden immer noch entschieden, weil Menschen Zugmöglichkeiten übersehen oder ungenau spielen . . .

. . . also fußballerisch gesprochen zum Beispiel einen Elfmeter verschießen oder einen gegnerischen Stürmer ungedeckt lassen.

Genau.

Und das trotz der mittlerweile starken Computerprogramme und Datenbanken, die sogar Partien aus dem vorletzten Jahrhundert enthalten?

Die Verbesserung der Computer war für das Schach sicher eine Revolution und Bereicherung. Man kann viel tiefer und weiter analysieren als früher und Partien besser vorbereiten.

Wieso bleibt dann der „menschliche Faktor“ so bedeutend? Müssten nicht eigentlich beide Spieler die bestmöglichen und auswendig gelernten Züge ziehen bis zum Schluss?

Der Unterschied zwischen der Computeranalyse daheim und der Wettkampfsituation ist die Unsicherheit. Am Brett fragt man sich immer wieder, ob man sich richtig erinnert hat. Dazu kommt, dass die Konzentration meist ebenfalls nicht konstant bleibt über mehrere Stunden. Durch all das können Fehler entstehen, und auch die kleinsten Ungenauigkeiten können schon eine Partie entscheiden.

Vor allem dann, wenn ein Spieler wie der Russe Wladimir Kramnik gegenübersitzt, gegen den Sie vom nächsten Dienstag an Ihren Weltmeistertitel verteidigen wollen.

Das stimmt. Wenn man eine Facette herausgreifen wollte, durch die er sich von anderen Spielern unterscheidet, dann die, dass Kramnik eher ein positioneller Spieler ist.

Was ist damit gemeint?

Das bedeutet, dass er jemand ist, der oftmals einen kleinen, aber sicheren Vorteil erkämpft und diesen dann in einen Sieg umzuwandeln versucht.

Der also, um Schach noch einmal mit Fußball zu vergleichen, gerne 1:0 in Führung geht und dann versucht, das Ergebnis zu halten?

So könnte man das sagen.

Wie haben Sie sich auf diesen Wettkampf, der über 12 Partien und zweieinhalb Wochen geht, vorbereitet?

Seit April arbeite ich intensiv für das Match, oft bis zu 10 Stunden am Tag. In Teilen allein, die meiste Zeit aber mit meinen Sekundanten. Wir analysieren vor allem viele Eröffnungen.

Wieso sind die so wichtig?

Weil sich in der Eröffnungsphase schon viel entscheidet. Hier kann man Vorteile rausholen oder Fehler machen, die letzten Endes schon den ganzen Partieverlauf festlegen und das Ergebnis bestimmen.

Werden Sie in den Weltmeisterschaftspartien denn auch Ihre Lieblingseröffnungen spielen oder gerade deswegen andere Züge wählen, um Kramnik auf dem falschen Fuß zu erwischen?

Das ist Betriebsgeheimnis. Zu einzelnen Eröffnungsvarianten kann ich vor dem Match nichts sagen.

Ist es eigentlich schwierig, gegen jemanden zu spielen, den Sie schon so lange und gut kennen und mit dem Sie sich im Verlauf dieser Zeit vielleicht auch angefreundet haben?

Normalerweise verstehen wir uns gut. In diesem Jahr haben wir allerdings, bedingt durch die anstehende Weltmeisterschaft, noch kein Wort miteinander gesprochen. Was danach ist, wird sich zeigen.

Was haben Sie während Ihrer Vorbereitung noch angeschaut außer den Eröffnungen Ihres Gegners?

Wir haben im Grunde seinen kompletten Spielstil analysiert und ein Profil erstellt, das möglichst genau seinen Charakter abbildet. Mehr möchte ich auch dazu nicht verraten.

Sie sind in Indien geboren worden und aufgewachsen und errangen 1987 als erster Inder den Titel eines internationalen Schachgroßmeisters. Seit Sie im Jahr 2000 zum ersten Mal Weltmeister wurden, sind Sie ein Nationalheld. Wie fühlt sich das an, wenn eine Milliarde Menschen zu einem aufschauen?

Ich freue mich natürlich darüber, wenn ich auf der Straße erkannt werde. Bedrängt oder besonders verpflichtet fühle ich mich dagegen nicht, was sehr angenehm ist. Ich habe dort aber auch genügend Rückzugsmöglichkeiten.

Und wenn Sie von Indien einmal genug haben, fliegen Sie mit Ihrer Frau Aruna nach Spanien, wo Sie ein Haus haben und rund fünf Monate im Jahr wohnen?

Nein, ich bin gern in Indien. Dass wir so lange in Spanien sind, liegt einfach daran, dass die meisten und wichtigsten Schachturniere in Europa stattfinden und ich nicht jedes Mal diesen langen Flug hin und zurück machen möchte. Aber in Spanien bin ich ebenfalls gern.

Und in Deutschland auch. Jedes Jahr wohnen Sie für zwei Monate in Bad Soden. Außerdem spielen Sie für den Bundesligaverein OSG Baden-Baden am Spitzenbrett. An Brett zwei, direkt neben Ihnen, sitzt das norwegische Nachwuchstalent Magnus Carlsen. Der gehört jetzt schon zur Weltspitze und ist erst 17 Jahre alt. Ein absoluter Ausnahmespieler, oder?

Ja, das finde ich auch. Wenn er sich so weiterentwickelt wie bisher, ist das sicherlich nur eine Frage der Zeit, dass er einmal Weltmeister wird.

Ist Carlsen nach Ihnen selbst eigentlich ein weiteres Beispiel dafür, dass Russland nicht mehr unangefochten die erste Adresse ist, aus der Schachweltmeister kommen „müssen“?

Russland wird auch in Zukunft das wichtigste Land mit dem erst einmal größten Schachpotential sein. Aber sicher ist auch, dass andere Länder aufschließen. Das liegt übrigens wiederum an der Computerisierung und dem breiten Zugang, den man von überall auf der Welt auf Partiedatenbanken haben kann.

Sie sind jetzt 38 Jahre alt und spielen seit bald 15 Jahren in der Weltspitze. Solange kann man in kaum einer anderen Sportart ganz oben mitspielen. Wann gehen Schachspieler denn üblicherweise in den „Ruhestand“?

Das ist sehr unterschiedlich. Der ehemalige Weltmeisterschaftsfinalist Viktor Kortschnoi ist 77 Jahre alt und immer noch sehr aktiv.

Der ehemalige Weltmeister Garri Kasparow hat aber schon mit 42 Jahren aufgehört. Seitdem macht er in Russland Politik. Würde Sie das auch interessieren?

Nein, aktiv Politik machen würde ich nicht. Ich beobachte natürlich politische Entwicklungen. Selbst für irgendein Amt kandidieren würde ich aber sicher nicht.

Und wie wäre es stattdessen mit Pokern? Immerhin spielen das heute viele Ihrer Schachspielerkollegen, sogar Großmeister, und verdienen damit oftmals eine Menge Geld.

Oh nein, ich pokere nicht. Ich kenne ja nicht mal die Regeln. Aber wer weiß, ausschließen möchte ich das auch nicht generell. Und wenn ich mir die gegenwärtige Finanzkrise und all die Turbulenzen an den Märkten anschaue, die niemand erwartet hätte, dann könnte Pokern im Vergleich dazu schon eine sehr sichere Sache sein.

Das Gespräch führte Alexander Armbruster.

Quelle: F.A.S.
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