27.10.2008 · In der zehnten Runde hat Kramnik doch noch eine Partie gewonnen im Zweikampf um die Schachkrone. Titelverteidiger Anand verbrauchte von Beginn an viel Zeit, geriet erst in eine schlechte Stellung und musste schließlich aufgeben. Jetzt führt er noch mit 6:4.
Von Stefan Löffler, Bonn„Es sah aus, als hätte ich nichts Besonderes getan, und auf einmal stand ich auf Gewinn“, resümierte Wladimir Kramnik die gerade beendete zehnte Partie. Nach seinem ersten Sieg in diesem Titelkampf gab der 33 Jahre alte Russe gelöst Auskunft. Anands Führung ist auf zwei Punkte geschrumpft, doch weiterhin trennt den Inder nur ein halber Punkt von der erfolgreichen Titelverteidigung. Immer noch müsste Kramnik die zwei ausstehenden Partien gewinnen, um auch nur einen Stichkampf zu erzwingen. „Es ist besser, nicht so genau über meine Chancen nachzudenken. Sie sind sicher besser als vorher. Ich bin froh, dass ich noch eine Partie spielen kann.“
Anand vertraute anders als in seinen ersten drei Schwarzpartien, von denen er zwei gewonnen hatte, nicht dem Slawischen Damengambit. Die Wiener Variante des Damengambits aus der achten Partie wollte der Inder möglicherweise wiederholen. Doch diese Zugfolge verwehrte ihm Kramnik, als er im dritten Zug mit dem Damenspringer zog. So schlug Anand eine Eröffnung ein, die mit vertauschten Farben schon zweimal in Bonn aufs Brett gekommen war: die Nimzowitschindische Verteidigung. Anders als in fast allen vorangegangenen Partien konnte diesmal Kramnik den Inder überraschen.
Anand will Diwali feiern
In einer gerade unter Spitzenspielern schon häufig gesehenen Variante hatte er einen neuen Zug vorbereitet, einen unscheinbaren Seitenschritt eines seiner beiden Türme. „Es gibt sehr viele Nuancen; das ist eine delikate Stellung, die selbst für Spitzenspieler kaum zu verstehen ist“, erklärte Kramnik. „Es ist nicht klar, wohin die schwarzen Figuren gehören“, beschrieb er das Dilemma seines Gegners. Mit einem Rückzug seines verbliebenen Läufers ist Anand aus seiner Sicht auf die schiefe Bahn geraten. Den folgenden Bauernzug tadelte Kramnik als „wahrscheinlich schon entscheidenden Fehler“. Im 29. Zug war offensichtlich, dass Schwarz Material verliert. Anand gab auf.
Der Titelverteidiger selbst war weniger sicher, an welchen Stellen er besser spielen konnte. „Ich glaubte, eine Blockade auf dem Feld c4 zu kriegen, doch dabei habe ich etwas übersehen“, deutete er an. Einen vorher möglichen Abtausch aller verbliebenen Leichtfiguren habe er verworfen, weil er dann seiner Einschätzung nach sicher schlechter gestanden hätte. Der schwarze Nachteil wäre aber nicht groß gewesen, meinte der den Wettkampf in Bonn beobachtende Großmeister Adrian Michaltschischin. Trotz des Rückschlags will Anand sich nicht davon abhalten lassen, Diwali zu feiern. Dieses vier Tage dauernde Fest, das an diesem Dienstag beginnt, wird gewöhnlich im Kreis der Familie begangen.
„Anand spielt wie ein wahrer Champion“
„Ich glaube nicht, dass ich besser in Form gekommen bin“, sagte Kramnik nach der Partie. Sein Problem in Bonn sei, dass er oft aus der Eröffnung heraus Schwierigkeiten gehabt habe. Erst in den letzten Tagen habe er gute Stellungen bekommen. Und auch er weiß: „In einer guten Stellung spielt man besser als in einer schlechten.“
Vor der Begegnung hatte der bulgarische Weltranglistenerste Wesselin Topalow Anand gelobt, die richtigen Schlüsse aus seinem eigenen Titelkampf gegen Kramnik vor zwei Jahren gezogen zu haben. Sowohl was die Eröffnungswahl angehe als auch die Spielstrategie generell. „Anand spielt wie ein wahrer Champion.“ Am 26. November soll in der ukrainischen Stadt Lwow ein Match zwischen Topalow und dem Schach-Weltcupsieger Gata Kamsky beginnen, in dem der Herausforderer für das nächste, im Herbst 2009 vorgesehene WM-Match ermittelt werden soll. Doch es gebe bisher weder Verträge noch andere verbindliche Informationen, klagte Topalow. Weil der Weltschachbund Fide in der Vergangenheit wiederholt Kramnik bevorteilt habe, befürchte er im Falle eines WM-Siegs des mit ihm verfeindeten Russen, dass sein Match gegen Kamsky verzögert oder sogar abgeblasen würde. Anand sei dagegen jemand, der Verträge einhalte.
10. Partie (Nimzowitschindisch)
Weiß: Wladimir Kramnik (Russland) - Schwarz: Viswanathan Anand (Indien)
1.d4 Sf6; 2.c4 e6; 3.Sc3 Lb4; 4.Sf3 c5; 5.g3 cxd4; 6.Sxd4 00; 7.Lg2 d5; 8.cxd5 Sxd5; 9.Db3 Da5; 10.Ld2 Sc6; 11.Sxc6 bxc6; 12.0-0 Lxc3 13.bxc3 La6; 14.Tfd1 Dc5; 15.e4 Lc4; 16.Da4 Sb6; 17.Db4 Dh5; 18.Te1 c5; 19.Da5 Tfc8; 20.Le3 Le2; 21.Lf4 e5; 22.Le3 Lg4; 23.Da6 f6; 24.a4 Df7; 25.Lf1 Le6; 26.Tab1 c4; 27.a5 Sa4; 28.Tb7 De8; 29.Dd6 1:0.
Stand: Anand - Kramnik 6,0:4,0