20.12.2005 · Als Kind fand er Spielzeug langweilig, heute füllt seine Sammlung zwei Museen - mit Spielzeug aus zwei Jahrtausenden. Das Spektrum reicht von einem altägyptischem Holzkrokodil mit beweglichem Kiefer bis hin zu einer überlebensgroßen Darth-Vader-Figur.
Von Sandra KegelDaß alles mit einem Bären begann, kann bei einem Spielzeugsammler nicht überraschen. Aber es war kein Teddy, sondern ein Bär aus Blech. Klein und unscheinbar, und genaugenommen hatte ihn Ivan Steiger sogar nur nebenher erworben, als er auf der Nürnberger Spielzeugmesse nach Requisiten für einen Film suchte.
Man kann verstehen, was ihm an dem Modell gefiel: Ein Geiger im Frack und ein Tanzbär stehen einander gegenüber. Dreht man an einer Kurbel, musiziert der Mann, und es kreiselt das Tier. Ein Klempner hat die Mechanik erdacht, vermutlich um 1880. Ob die Bewegungen anmutig sind oder eher eckig, muß man sich ebenso denken wie die Melodie, zu der sich der Bär dreht und der Geiger mit dem Bogen wedelt. Denn niemand bekommt das Spielzeug heute mehr in die Hand. Es steht hinter Glas. In einer Vitrine des Spielzeug-Museums im gotischen Turm des Alten Rathauses von München.
Die Stadt hat Ivan Steiger und seiner Frau Eva das Gebäude schon vor zwanzig Jahren überlassen. Was er dort zeigen kann, ist freilich nur der Bruchteil einer Sammlung, die noch immer wächst. Zehn Jahre später richtete er deshalb das Spielzeugmuseum im Burggrafenamt auf der Prager Burg ein.
Als sei Sammeln ein anderes Wort für Leben
Und er hat noch mehr: Seine Wohnung in München wird zum dritten Museum, der ausgebaute Dachboden zum vierten, die Lagerhalle im Hof zum fünften. Alles ist zugestellt mit Regalen und Vitrinen und Kisten und Schachteln. Spielzeug, wohin man schaut. Vieles alt, vieles neu, das meiste nostalgisch, manches modern. Irgendwo steht sogar eine Darth-Vader-Figur - überlebensgroß. Und allein sechseinhalbtausend Barbie-Puppen besitzt Steiger zusammen mit seiner Tochter, sagt er, das erfolgreichste Spielzeug der Welt: Die müsse man einfach als komplette Kollektion zusammentragen.
Die Erkenntnis freilich ist ihm nicht neu. Steiger, 1939 in Prag geboren hortete schon als Kind alles nur denkbare, selbst Einwickelpapiere von Rasierklingen oder, lange bevor er lesen konnte, Bücher. Als sei Sammeln ein anderes Wort für Leben. Das ist eine Einstellung, die nicht jeder teilt. Selbst seine Frau streikt heute, wenn es darum geht, neue Objekte zu erwerben, verbietet ihm sogar Reisen ins Ausland, damit er nicht mit Koffern voller Spielzeug zurückkomme. Dabei hat sie in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht unwesentlich dazu beigetragen, daß ein Laie kein Kinderspiel nennen kann, das den beiden fehlt.I
In München gibt es zweitausend Spielzeugsammler
Ein altägyptisches Holzkrokodil mit beweglichem Kiefer, heutigen Plastikreptilien ganz ähnlich, besitzen die beiden ebenso wie Holzfiguren aus Sachsen, die es im 19. Jahrhundert bis nach Afrika schafften, Reformspielzeug der Wiener Avantgarde, Schattenspiele wie etwa aus der Laterna Magica, in denen Totenköpfe zu lachen beginnen, oder schienenlose Bodenläufer, die Vorgänger der Modelleisenbahnen aus dem 18. Jahrhundert. Dazu Puppen von Käthe Kruse und Teddybären von Steiff, alles hundertfach. Einblick in seine Welt des Spielzeugs gibt nun auch ein bei Prestel erschienenes Buch, „Kinderträume - Spielzeug aus zwei Jahrtausenden“ mit 1300 Abbildungen und ebenso vielen Erläuterungen und Anekdoten.
Allein in München gibt es zweitausend Sammler von Spielzeug, das weiß Ivan Steiger. Wie viele es in Deutschland gibt, kann er nur schätzen - einige zehntausend werden es schon sein. Was aber zwei Drittel aller Spielzeugsammler von ihm unterscheidet, ist, daß sie sich auf Spezialgebiete konzentrieren, die Frauen auf Puppen und die Männer auf Modelleisenbahnen, Autos und Flugzeuge. Steiger dagegen verzichtet auf nichts. Weder auf Kachina-Püppchen der Pueblo-Indianer noch auf Militaria oder Roboter - von denen er eine der größten Sammlungen in Deutschland besitzt.
In Vitrinen liebevoll angeordnet
Das Schönste für ihn, erzählt er beim Rundgang durch sein Museum in München, sei es, einem besonderen Stück auf die Spur zu kommen, Konkurrenten auszustechen und die Beute heimzutragen, wie jene handgefertigte Dampflok für einen Bayernprinzen, den späteren Ludwig II., die er in einem arabischen Souk erstand.
Die frühen Spielzeugeisenbahnen, in den Vitrinen im Münchner Museum liebevoll angeordnet, sehen noch aus wie Pferdekutschen, mit einem Bock für den Kutscher, der nun Bremser war. Freilich auch die weltberühmten Spielzeugfabrikanten aus Nürnberg und Württemberg sind vertreten, allen voran Märklin-Züge, deren Fenster und Türen sich öffnen lassen, sowie Bahnhöfe samt Fahrkartenschalter, Straßenlaternen und Fußgängerstege zum Überqueren der Gleise. Für besonders prächtige Exemplare werden 50 000 Pfund und mehr geboten. Eine „Krokodil“, Spur I, wie Steiger sie besitzt, deren Original einst schwere Züge über den Sankt Gotthard schleppte und 1937 immerhin 125 Reichsmark kostete, wird heute ab 16 000 Pfund gehandelt.
Jede Woche findet irgendwo eine Messe statt
Kinder, nichts ahnend vom späteren Sammlerwert, haben ihr Spielzeug freilich immer kaputtgespielt, so daß unversehrte Stücke selten sind. Zudem hat sich der Markt auf hohem Niveau eingependelt. Weil es inzwischen zu viele gibt, sagt Steiger, die ihre späte Liebe zu Kindertand entdeckten und die Messen abgrasen, die jede Woche irgendwo in Deutschland stattfinden.
Auch in Amerika wird eifrig gesammelt. Da gibt es manche Selfmade-Millionäre, die sich heute das Spielzeug kaufen, das ihnen als Kind mittelloser Eltern verwehrt blieb. Geld spielt für sie keine Rolle. So werden gerade sie zu den Jägern, die es Steiger und seinen Sammlerfreunden schwermachen, auf Auktionen noch zum Zug zu kommen.
Aber über Geld will Steiger nicht reden. Und wenn er doch einmal eine Summe nennt, wie etwa bei seinem russischen Art-déco-Riesenrad, weigert er sich, die Währung zu nennen. Euro, Dollar, Pfund, sagt er, das sei doch egal - bei 100 000. Es ist vermutlich ohnedies das einzige erhaltene Exemplar der aparten Metallkonstruktion.
Bisweilen plaudert er mit den Bären
Sammeln ist Ivan Steiger mehr als eine Leidenschaft, es ist seine Lebensaufgabe. Dabei kennt man den promovierten Film- und Fernsehregisseur, der bei Milan Kundera in Prag studiert hat, vor allem durch seine Karikaturen, die seit Jahrzehnten fast täglich in der F.A.Z. erscheinen. Als im Sommer 1968 die Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling beendeten und Steigers Name nicht nur unter kritischen Zeichnungen, sondern auch ganz oben auf der Verhaftungsliste stand, verließ er über Nacht mit Frau und Baby das Land. Er brachte wenig mehr mit nach München als sein Talent und einige Adressen, die an seinen Zeichnungen interessiert sein könnten.
Daß auch er heute sammelt, was er einst vermißt hat, kann er nicht bestätigen. Er kann sich allerdings auch nicht daran erinnern, als Kind besonders gern gespielt zu haben. Im Gegenteil: Eisenbahnen fand er langweilig. Die drehten sich ja immer nur im Kreis, und abends mußte ich sie wieder forträumen, sagt er. Heute hingegen setzt er sich bisweilen zu seinen Bären und plaudert mit ihnen. „Arctophilie“ heißt das. Nicht nur unter Spielzeugsammlern.