14.02.2006 · Er ist Ethnologe, Kunsthistoriker, Psychoanalytiker - und selbst Sammler. In seinem Buch „Sammeln. Eine unbändige Leidenschaft“ zeichnet Werner Muensterberger „Psychobiographien“ anderer Sammler. Wir haben Werner Muensterberger in seiner Wohnung auf der Upper East Side besucht.
Von Lisa ZeitzEin freundlicher, weißhaariger Herr in gestreiftem Hemd und dunklem Jackett öffnet die Tür. Daß Werner Muensterberger schon über neunzig Jahre alt ist, würde man nicht vermuten. Er geht mit einem Stock, der anstelle eines Knaufs ein grünlich schimmerndes Widderhorn trägt und damit nicht nur Gehhilfe und Handschmeichler zu sein scheint, sondern dem Professor auch ein dionysisches Element verleiht. Seine Dackel Amanda und Fabiola, die sich im Gegensatz zu ihm über Besuch nicht zu freuen scheinen, verfolgen jeden seiner Schritte auf dem weichen, beigefarbenen Teppich.
Wir befinden uns in einer Wohnung im siebzehnten Stock eines großen, eleganten Apartmentkomplexes auf der Upper East Side. Die efeubewachsene Terrasse gibt den Blick über die New Yorker Dächer nach Norden frei. Afrikanische Skulpturen dominieren die Räume - Masken, Leoparden, ein angolanischer Nagelfetisch und ein rußgeschwärztes Kultobjekt mit einer Trommel und strahlenförmig angeordneten Affenschädeln: „Das ist keine Sammlung, das sind nur ein paar Sachen, die mir gefallen“, sagt er schmunzelnd - und dann, als ob dies eine Erklärung wäre, „die Ästhetik ist wichtig.“
Eine unbändige Leidenschaft
In seinem 1995 zuerst auf englisch erschienenen Buch „Sammeln. Eine unbändige Leidenschaft“ zeichnet Muensterberger „Psychobiographien“ anderer Sammler, historischer und zeitgenössischer: Balzacs nie gestillte Liebe zu luxuriösem Geschirr, Teppichen und Gemälden, die mit chronischem Geldmangel einherging, nimmt er ebenso unter die Lupe wie die Gier von Sir Thomas Phillipps, der es sich im England des 19. Jahrhunderts zum Ziel gesetzt hatte, „ein Exemplar von jedem Buch“ in seinen Besitz zu bringen.
Robert Opies Sammeltassen dienen ihm ebenso als Beispiel wie Andy Warhols Kollektion von Art-déco-Möbeln und Kunstwerken von Arp bis Lichtenstein. Inspiriert von Donald W. Winnicotts Studien zum „Übergangsobjekt“, erforschte Muensterberger die Gründe für die vorübergehenden Glücksgefühle des Sammelns und beschreibt, wie schon Säuglinge Objekte zum Trost für die Abwesenheit der Mutter heranziehen, sei es eine Decke oder einen Schnuller.
Frühkindliche Traumata können zur Motivation dafür werden, daß Menschen immer neue Objekte zur Befriedigung, Bestätigung oder Beruhigung brauchen. Sammlungen entstehen, aber auch der immer neue Wunsch, noch dieses oder jenes teure, seltene oder anderweitig schwer erreichbare Stück zu erlangen. Nicht nur Individuen, ganze Gesellschaften entwickeln derartige Phänomene: Die Abbildungen von Schädelsammlungen in Neuguinea und in römischen Katakomben sehen sich erstaunlich ähnlich.
Eindrucksvoller Freund aus Afrika
Unter dem nigerianischen Reliefs mit Trommel und Pavianknochen steht ein kleiner Nok-Steinkopf, der zwischen 1100 und 1200 Jahre alt ist, daneben ein liberianischer Kopf aus dem 16. Jahrhundert. Muensterbergers wertvollstes Stück ist eine schwarzbraune Helmmaske der Kumu aus dem Kongo. Sie wurde schon 1915 in Carl Einsteins berühmtem Buch „Negerplastik“ reproduziert. In den fünfziger Jahren erstand er sie in einer Galerie; jetzt bot ihm ein Händler einen siebenstelligen Betrag dafür.
Schon früh, sagt er, habe er selbst gesammelt, Bücher und afrikanische Kunst, aber seine Dinge nie als Sammlung empfunden. Auf die Frage, was sein Interesse an afrikanischer Kunst auslöste, erinnert er sich an die Zeit, als er fünf oder sechs Jahre alt war: „Eins unserer Dienstmädchen hatte einen afrikanischen Freund. Er kam aus einer deutschen Kolonie, aus Kamerun oder Togo. Das hat einen starken Eindruck bei mir hinterlassen.“ Zum
Erlebnis wurde ein Besuch: „Als ich acht oder neun Jahre alt war, nahm mich meine Mutter zu einem angeheirateten Verwandten mit, der hatte chinesische, afrikanische und moderne Kunst.“ Der entfernte Verwandte war Baron Eduard von der Heydt aus der bekannten Elberfelder Bankier- und Kunstsammlerfamilie, deren Namen (seit 1961) das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum trägt. Ihm hat Muensterberger, der Afrika-Begeisterte, sein Buch „Sculpture of Primitive Man“ (1955) gewidmet.
Zu Besuch bei den Manns
Geboren ist Werner Muensterberger 1913 in Westfalen als Sohn eines „kleinen Fabrikanten“: „Ich habe ihn nie mit einem Buch gesehen.“ Seine Kindheit verbrachte er, ohne Geschwister, in einem Haus mit achtzehn Zimmern, außerhalb von Dortmund. Da ein Teil der Verwandtschaft in Holland lebte, wuchs Muensterberger zweisprachig auf. Bei der Großmutter in Zandvoort lebte er auch während des Ersten Weltkriegs.
Nach dem Tod seiner Mutter besuchte er bis zum Abitur die reformpädagogische Odenwaldschule bei Heppenheim an der Bergstraße. Martin Buber, der jüdische Religionsphilosophie an der Universität Frankfurt lehrte, kam des öfteren zu Besuch, um sich mit Schülern zu unterhalten. Klaus Mann, etwas älter als Muensterberger, besuchte dieselbe Schule. Bei den Manns eingeladen, erinnert er sich noch, daß Thomas Mann sich lobend über seine Sprache geäußert hat. Noch heute, nach sechzig Jahren im angloamerikanischen Raum, spricht er ein klangvolles, akzentfreies Deutsch.
Für zweieinhalb Gulden
Das erste Sammelerlebnis hatte er als Teenager in den zwanziger Jahren auf dem „Jodemarkt“ in Amsterdam, wo er für zweieinhalb Gulden eine kleine Bronzefigur erstand. Der Händler pries sie als indonesisch an und beschimpfte Muensterberger als „dummen Jungen“, weil er stur darauf beharrte, daß es sich um eine afrikanische Figur handle. Das war das erste Stück seiner Sammlung.
Eduard von der Heydt hatte ihm den wichtigen Sammler und Galeristen Carel van Lier vorgestellt, der Kunst der Südsee, afrikanische und chinesische Objekte ausstellte. Als Muensterberger ihm die kleine Bronze später zeigte und fragte: „Ist die echt?“ antwortete der Galerist, indem er sie anerkennend in sein Schaufenster stellte. Später, während seiner Ausbildung zum Psychoanalytiker, unterzog sich Muensterberger, wie es Pflicht ist, selber einer Analyse und bot am Ende seiner Behandlung dem Analytiker seine kleine Bronze als Geschenk an: „Das habe ich ihm nie verziehen, daß er sie angenommen hat.“
Flucht vor der Gestapo
In Amsterdam bei van Lier kaufte er eine Guro-Maske von der Elfenbeinküste für 35 Gulden, die er in Monatsraten von fünf Gulden abzahlen durfte. Sie war eins der beiden Stücke, die er später mit nach New York brachte; sie befindet sich heute noch in seiner Wohnung. Das andere Stück, eine prächtige Axt aus dem Kongo, kam als Schenkung an das Metropolitan Museum. Die Maske und ein Buch waren das wenige, das er auf einer dramatischen Flucht vor der Gestapo mitnehmen konnte.
Auf seiner Straße in Amsterdam war ein deutscher Soldat erschossen worden (wie sich später herausstellte, von einem anderen deutschen Soldaten). Daraufhin wurden alle in dieser Straße lebenden Jungen und Männer zwischen sechzehn und sechzig Jahren auf einer Brücke erschossen. Muensterberger konnte fliehen und fand bei seiner Freundin Elisabeth Andersen Unterschlupf. Ihr, die später eine der berühmtesten holländischen Schauspielerinnen wurde, hat er die Maske versprochen.
Illustre Sommergäste
Bei Carel van Lier, übrigens der Schwager von Henri van de Velde, traf man sich des öfteren zu einer Tasse Kaffee, im Kreis von Kunstfreunden, die Muensterberger freundlich aufnahmen: „Weil ich der jüngste von ihnen war, nannten sie mich ,Broekje', das heißt soviel wie kleine Unterhose oder Grünschnabel.“ Unter ihnen war neben von der Heydt auch Georg Tillmann, dessen Sammlung mit rund 2000 indonesischen Kunstobjekten später dem Tropenmuseum in Amsterdam vermacht wurde.
Seitdem er achtzehn Jahre alt war, verbrachte Muensterberger regelmäßig einen Teil des Sommers bei von der Heydt in Ascona, wo illustre Herrschaften ein und aus gingen. Unter den Sommergästen waren Hjalmar Schacht, der Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident (und später Mitverschwörer des 20. Juli), Prinz Eitel Friedrich, zweiter Sohn Kaiser Wilhelms II., sowie der legendäre Pariser Kunsthändler Charles Ratton, der eine bedeutende Sammlung afrikanischer Kunst hatte und seine Galerie zum Forum der Surrealisten machte: Bei Ratton wurde 1936 zuerst Meret Oppenheims „Pelztasse“ ausgestellt, die Alfred Barr dort für das Museum of Modern Art in New York kaufte. Die Künstlerin war übrigens auch eine von Muensterbergers besten Freundinnen.
Ebenfalls aus dem Asconeser Kreis kannte der junge Muensterberger Eckardt von Sydow, Professor für „Primitive Kunst“, gleichzeitig Psychoanalytiker in Berlin. Sydow war der Hauptgrund dafür, daß er nach nur einem Semester Medizin an der Universität Heidelberg nach Berlin zog, um auf Ethnologie umzusatteln und eine Ausbildung am psychoanalytischen Institut dort zu machen. Bis 1941, kurz vor Sydows Tod, hatte Muensterberger mit ihm Kontakt: „Ich kann mir immer noch nicht vorstellen, daß er ein Nazi war, aber er war Parteimitglied.“
Westafrikaner küssen nicht
Im Jahr 1935 war Muensterberger nach Holland gegangen, seine zweite Heimat. Seine Studien der Ethnologie in der alten Universitätsstadt Leyden führten ihn 1939 nach Indonesien; den Doktor machte er in Basel mit einer Dissertation über indonesische Schöpfungsmythen. Eine weitere Dissertation, in Kunstgeschichte, verfaßte er über den italienischen Einfluß auf die Schule von Utrecht. Über die Jahre des Zweiten Weltkriegs, die Muensterberger in Holland verbrachte, möchte er lieber nicht sprechen: „Es war kein Spaß. Bei Kriegsende habe ich noch 85 Pfund gewogen.“
Zwischen 1947 und 1951 lehrte er als Dozent für Ethnopsychoanalyse an der New Yorker Columbia University. Danach wurde er Professor für Ethnopsychiatrie an der New York State University. Auf die Frage, was sein Feld in der Praxis bedeutet, denkt er kurz nach: „Chinesische Patienten haben Symptome, die wir hier nicht so kennen. Die Angst vor Intimität ist enorm. - Westafrikaner küssen nicht.“
Im Jahr 1974 zog er nach London, um dort den Ruhestand zu genießen - „schließlich war ich 61 Jahre alt; aber ich nenne es Unruhestand“. Dort blieb er bis 1985, ganz in der Nachbarschaft von Claire Winnicott, der Witwe des Psychoanalytikers, dessen Theorie vom Übergangsobjekt ihn einst so stark beeinflußte. Zurück in New York, eröffnete Muensterberger seine Privatpraxis, die er bis heute führt.
Phänomene des Fälschens
In seinem nächsten Buch wird er sich mit dem Phänomen des Fälschens beschäftigen - nicht nur in der Kunst. Mit Konrad Kujau hat er sich vor sieben Jahren in Stuttgart eine Woche lang unterhalten - „ein erstaunlich primitiver Mann, sehr stolz auf das, was er geschaffen hat, Fälschungen von Picasso und Renoir, die auch ein bißchen aussahen wie Picasso und Renoir“. Zu den Hitlertagebüchern fällt ihm ein: „Kujau hat sich so sehr identifiziert, daß er sogar einmal statt mit seinem Namen aus Versehen mit Adolf Hitler unterschrieben hat.“
Eric Hebborn, der sich auf das Fälschen von Zeichnungen des 16., des 17. und des 18. Jahrhunderts spezialisierte und sich genüßlich über Experten lustig machte, sagte ihm, seine Werke befänden sich heute noch in Institutionen wie zum Beispiel dem Metropolitan Museum. Muensterberger glaubt ihm: „Das Wesentliche bei diesen Leuten ist, daß sie kein Gewissen haben. Ihnen fehlt sozusagen das Über-Ich. Sie betrügen nicht nur den echten Künstler, sondern - was sehr wichtig für diese Leute ist - auch den Experten, die ideale Vaterfigur.“
Erst nachdem sein Buch über das Sammeln erschienen war, meldeten sich Sammler bei ihm; bis heute betreut er regelmäßig fünf Patienten. Kann es sich denn um eine glückliche Liebe handeln, wenn eine Sammlung menschliche Beziehungen ersetzt? „Nein“, sagt er, „eine Sammlung ist nie eine glückliche Liebe. Ihr Gegenstand ist im tieferen Sinn ein Übergangsobjekt.“ Zur Erfüllung kommt es nie.
Dr. Dr. Werner Muensterberger
Peter Arbogast (petarbo)
- 24.02.2006, 17:38 Uhr