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Impressionimus Monet, Manet, Money: So verkaufte Paul Cassirer an die Berliner Nationalgalerie

11.05.2006 ·  Im Bestreben, großbürgerliche Konsumenten für die von Kaiser Wilhelm II. als „Rinnsteinkunst“ gegeißelte Avantgarde zu gewinnen, zog Cassirer an einem Strang mit dem Direktor der Berliner Nationalgalerie, Hugo von Tschudi, und seinem Nachfolger Ludwig Justi.

Von Camilla Blechen
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Ausgestattet mit einem phänomenalen Gespür für den ästhetischen, aber auch den materiellen Wert innovativer Kunstrichtungen, errang der Galerist und Verleger Paul Cassirer im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts eine führende Position unter den Berliner Kunsthändlern. Seine Domäne war der französische Impressionismus, dessen Stilmittel nicht nur dem Dreigestirn Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt, sondern auch einer Vielzahl bescheidenerer Talente zum Vorbild gereichten.

Von den Mitgliedern der Berliner „Secession“ zum Geschäftsführer bestellt, eröffnete der von einer glänzenden Zukunft der neuen Lichtmalerei überzeugte Paul Cassirer zusammen mit seinem Vetter Bruno in der Victoriastraße 35 einen „Kunstsalon“, dessen Premiere programmatisch Werke von Degas, Liebermann und Constantin Meunier vereinte. Um das Vertrauen der skeptischen Berliner zu gewinnen, mischten die beiden Cassirers ihre hochkarätigen Pariser Importe, darunter Edouard Manets „Frühstück im Freien“, unter die Produkte der Berliner Lokalmatadore.

Gemeinsam für die „Rinnsteinkunst“

Ab 1901 veranstaltete Paul ohne seinen Vetter in rascher Folge Einzelausstellungen von Cézanne, Manet, Monet, Pissarro, Renoir und van Gogh, wozu es der Zusammenarbeit mit deren Pariser Vertretern Paul Durand-Ruel, Ambroise Vollard und der Kunsthandlung Bernheim bedurfte - jenen Adressen, zu denen auch der 1896 zum Direktor der Berliner Nationalgalerie berufene Hugo von Tschudi enge Kontakte unterhielt. Im Bestreben, großbürgerliche Konsumenten für die von Kaiser Wilhelm II. als „Rinnsteinkunst“ gegeißelte Avantgarde zu gewinnen, zogen die beiden unterschiedlichen Temperamente alsbald an einem Strang.

Nach Tschudis Ankauf des „Wintergartens“, eines Hauptwerks von Manet, bot Cassirer der Nationalgalerie zum Preis von 50 000 Mark eine Darstellung des „Landhauses in Rueil“ an, das als Schauplatz der letzten Monate des moribunden Malers eine biographische Bedeutung besitzt. Da der hohe Kaufpreis vom Museum selbst nicht aufzubringen war, gewann Tschudi den Berliner Bankier Karl Hagen als Sponsor.

Als Geschenk der Ehefrau des Kunstsammlers Marcus Kappel registriert ist das Porträt „Im Sommer“ (1868) von Renoirs Geliebter Lise Tréhot, dessen Preis bei 8000 Mark lag. Für die Kosten von Cézannes „Stilleben mit Blumen und Früchten“, das Cassirer von der Pariser Galerie Bernheim-Jeune übernommen und Tschudi für 10 000 Franc (8140 Mark) angeboten hatte, kam der kunstsinnige Berliner Industrielle Eduard Arnhold auf. 1899 erhielt Paul Cassirer von Tschudi für Liebermanns vorausnehmendes Meisterwerk „Schusterwerkstatt“ die stolze Summe von 25 000 Mark.

Ein Korb für die Tänzerinnen

Nachdem Hugo von Tschudi, wiederholt von seinem obersten Dienstherrn Wilhelm II. düpiert, unter Mitnahme der über Cassirer erworbenen Werke von Géricault, Daumier und van Gogh die Stadt in Richtung München verlassen hatte, knüpfte Cassirer mit Tschudis Nachfolger Ludwig Justi Kontakt. Obwohl die für 80 000 Mark angebotenen „Zwei Tänzerinnen“ von Degas zurückgewiesen wurden, hatte Cassirer mit Menzels „Mondschein über der Friedrichsgracht im alten Berlin“ (40 000 Mark) und Ferdinand von Rayskis „Bildnis der Frau von Schönberg“ (30 000 Mark) Glück bei Justi.

Nach dem Erfolg der „Jahrhundertausstellung“ von 1906 sah dieser einen Anlaß, die älteren Bestände seines Hauses aufzustocken. Als Geschenk von Bruno Cassirer kamen schließlich 1911 noch „Der Morgen“ und „Der Abend“ von Karl Friedrich Schinkel in die Sammlung. Auf dem Kunstmarkt angeboten, hätte das Bilderpaar seinerzeit 5000 Mark erzielen können. Inzwischen wäre ein sechsstelliger Dollarbetrag fällig.

Auf den Händen durchs Atelier

Durch den Freitod Cassirers am 7. Januar 1926 fanden die Akquisitionen der Nationalgalerie ein abruptes Ende. Natürlich war es nicht nur Konkurrenten-Neid um die Gunst potenter Kunstkäufer, der dem Verfechter des französischen Impressionismus bescheinigte, er sei mit „Manet und Monet zu Money“ gekommen. Cassirers Netzwerk reichte weit über Berlin hinaus: 1910 erwarb das Kölner Wallraff-Richartz Museum Courbets monumentales „Jagdfrühstück“, 1911 Vincent van Goghs vierte Fassung der „Zugbrücke von Arles“.

Daß der hartgesottene Kaufmann Paul Cassirer, gewissermaßen nach Geschäftsschluß, in der Lage war, mit seinen Vertragspartnern ausgelassen zu feiern, belegt eine Passage aus den Memoiren von Charlotte Berend-Corinth: In lebendigen Worten schildert die Ehefrau Lovis Corinths einen feuchtfröhlichen Abend, an dem der Galerist sein Lieblings-Couplet anstimmte (“Ich bin der Kaiser, ich bin der Kaiser, spricht Napoleon“), um zuletzt „auf Händen durchs Atelier zu laufen, wobei ihm zu unserem Gaudium das Geld aus beiden Hosentaschen auf die Diele prasselte“.

Die Ausstellung „Ein Fest der Künste. Der Kunsthändler Paul Cassirer als Verleger“ im Berliner Max-Liebermann-Haus läuft noch bis zum 21. Mai. Das Begleitbuch kostet 29,90 Euro.

Quelle: F.A.S., 7. Mai 2006
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