22.12.2008 · Vor dreißig Jahren überzeugte Heinrich Graf von Spreti schon im Praktikum Jacky Kennedy von den Vorzügen eines Schreibtischs. Heute ist er Präsident von Sotheby's in Deutschland.
Von Brita Sachs, MünchenEinen aufregenderen Zeitpunkt für sein Praktikum bei Sotheby's in London konnte der junge Mann aus München gar nicht erwischen. Heinrich Graf von Spreti erlebte mit, wie ein „Sale of the Century“ abgewickelt, also eine Sammlung der absoluten Extraklasse versteigert wurde: die Hinterlassenschaft Robert von Hirschs, ehemals Lederfabrikant in Offenbach, der als Jude in die Schweiz emigriert war und vom mittelalterlichen Elfenbein bis zu impressionistischer Malerei so viel Erstklassiges zusammengetragen hatte, wie der Markt es in diesem Umfang praktisch nicht mehr erlebt.
Tausende kamen damals, im Jahr 1978, zur Vorbesichtigung, sogar die Queen machte sich auf - und Jackie Kennedy. Als diese einen Roentgen-Schreibtisch begutachtete, konnte ihr der Praktikant den raffinierten Mechanismus des Möbels vorführen; noch heute erinnert er sich, wie perplex er vor allem über die außergewöhnlich hohe Stimme der ehemaligen First Lady war. Die legendäre Hirsch-Auktion, die dann viele Millionen Pfund einspielte, dürfte den Jurastudenten mit Drang zur Kunst beflügelt haben, das Fach zu wechseln, während sie seinen Vater vielleicht davon überzeugte, dass die Beschäftigung mit den schönen Dingen nicht grundsätzlich brotlos sein muss.
Ein Spezialist für Schmuck
Heinrich Graf von Spreti, 1953 in Landshut geboren, blieb bei Sotheby's und feiert nun sein dreißigjähriges Firmenjubiläum. Nach Absolvierung des Kunstkurses im Haus arbeitete er als Experte für Golddosen und Vitrinenobjekten in London, besonders auch Fabergé-Stücke. Durch seine Hände ging eine Schnupftabakdose Friedrichs des Großen, die mit 2,5 Millionen Franken bis heute den Weltrekord hält.
Und Schmuck stand auf dem Programm, als er in Genf die Pretiosen von Mrs. George Keppel unter den Hammer nahm, der einstigen Geliebten von König Edward VII. von England. Weil Spreti selbst leidenschaftlicher Sammler ist, war er glücklich, dabei ein goldenes Necessaire Edwards erwerben zu können.Im Jahr 1987 verließ er London und kehrte zurück nach München, um von hier aus die Firmeninteressen zu vertreten, seit zehn Jahren als Präsident von Sotheby's Deutschland.
Lob von allen Seiten
Anlässlich seines Jubiläums jetzt sang Philipp Herzog von Württemberg, Vice Chairman Europe, das Hohelied auf den Grafen: „Er ist ein toller Kollege“, hörten wir, „und ein toller Business Getter.“ Wohl wahr, denn es war Heinrich Graf von Spreti, der die Thurn-und-Taxis-Auktion akquirierte, die 1993 im fürstlichen Schloss zu Regensburg den Anfang einer spektakulären Serie von „Adelsauktionen“ machte, die erst im Baden-Badener „Markgrafen Sale“ gipfelte, bevor Sotheby's 2005, in der größten Hausauktion seiner Geschichte, auch Kunstwerke des königlichen Hauses Hannover neu verteilte.
Spreti kennt sich bestens aus in der Welt der Kronen und Schlösser, wuchs selber im Schloss auf und pflegt seine freundschaftlichen Beziehungen, etwa zu Fürstin Gloria. Seine starken historischen und genealogischen Interessen setzte er schon in manches Buch, in mehrere Biographien um. Ob er in den dreißig Jahren auch mal mit anderen Häusern geflirtet hat? „Andere haben mit mir geflirtet“, betont der Graf, „ich hatte die schönsten Angebote: freie Standortwahl, höhere Bezüge, obendrein noch viele Mitarbeiter, aber Sotheby's ist meine Familie, ich habe dort viele Freunde und - dreißig Jahre schweißen zusammen.“