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Galeristenporträt Ich komme aus der Wüste

24.08.2007 ·  Kamel Mennour hat Lithographien an der Haustür verkauft. Jetzt ist er einer der wichtigsten Galeristen von Paris: Eine Erfolgsgeschichte, die noch lange nicht abgeschlossen ist.

Von Angelika Heinick
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Vor dem Kamin thront ein Trampolin. Spider-Man hat sich einen Zahn angestoßen und für einen Moment die Unerschrockenheit seiner Rolle vergessen. Kamel Mennour flüstert seinem fünfjährigen Sohn Mut ein, und der blonde Lockenkopf bricht zu neuen Abenteuern auf.

Der Pariser Galerist empfängt den Besuch in seiner Wohnung im Herzen von Saint-Germain-des-Prés, nur ein paar Schritte von seiner Galerie entfernt. In der typischen Pariser Altbauwohnung mit Stuckdecken, Marmorkaminen und Parkettboden mischen sich modernes Design und antike Möbel, zeitgenössische Kunst und Kinderzeichnungen. Mit seiner deutschen Frau Annika, die Architektin ist, und den drei Kindern bildet der Franzose algerischer Herkunft eine Familie, die nach seinen eigenen Worten „das Bild der Gesellschaft von morgen“ wiedergebe.

Karriere eines Autodidakten

Nicht nur privat besitzt Kamel Mennour die Gabe, Gegensätze fruchtbar zu machen: Ohne Startkapital, ohne Beziehungen, ohne Vorbildung und mit nur winzigen Galerieräumen ist er in kurzer Zeit vom Außenseiter zu einem der tonangebenden Vertreter der jüngeren Pariser Galerienszene avanciert. Sein Aufstieg ist vergleichbar mit der Laufbahn des etwa gleichaltrigen Emmanuel Perrotin. Wie dieser besitzt auch der einundvierzig Jahre alte Mennour ein offenes Wesen, Charme und Überzeugungskraft sowie das Talent, dem Kunsthandel den heute ausschlaggebenden Mehrwert an fun und hype zu verleihen und Vernissagen zu gesellschaftlichen Ereignissen zu machen.

Kamel Mennour war alles andere als für den Kunsthandel prädestiniert. In Algerien geboren, kam er im Alter von fünfzehn Monaten mit seiner Familie nach Frankreich und wuchs in Paris in bescheidenen Verhältnissen auf. Einer der Jobs, mit denen er sein Studium der Wirtschaftswissenschaften an einer Pariser Universität finanzierte - nämlich der Haustürverkauf von Lithographien -, sei sein Glück gewesen: Mit dreiundzwanzig Jahren habe er noch nie ein Museum oder eine Galerie besucht gehabt; aber durch diese erste Begegnung mit Kunst, die keine war, habe er erkannt, dass er Galerist werden wolle. Kamel Mennour beendete sein Studium mit einem Magisterdiplom und machte den Import von Ölgemälden aus Spanien zu seinem Job. Gleichzeitig bildete er seinen Kunstgeschmack aus, verschlang Ausstellungskataloge, Kunstbücher und erstand auf dem Flohmarkt Auktionskataloge, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was sich verkaufen lässt. Mit seiner Frau besuchte er Museen, Galerien und Kunstmessen. Heute legt er als Autodidakt besonderen Wert darauf, zu jeder Ausstellung einen Katalog zu publizieren: „Bücher haben mir die Augen geöffnet für eine Welt, die ich ignoriert hatte.“

Händler mit Sinn für Strategie

Die Chance, eine Galerie zu eröffnen, bot sich Ende 1998, als in der Rue Mazarine ein kleines Lokal frei wurde. Der Vorgänger hatte Pleite gemacht, und Mennour konnte für geliehene 70.000 Franc (etwa 10.000 Euro) dort einziehen. Ein Programm hatte er nicht, aber die räumliche Enge brachte ihn auf die Idee, Fotografie auszustellen. Auch auf diesem Gebiet hat er sich kurzerhand genug Kenntnisse zugelegt, um zu wissen, welche Fotografen wichtig, aber in Paris bisher nicht zu sehen waren. Nach der Eröffnung mit dem Tschechen Jan Saudek landete er mit dem Japaner Nobuyoshi Araki und dessen monströsen „Bondage“-Fotos einen aufsehenerregenden Coup.

Wie kommt man als unbekannter Pariser Galerist an einen Meister wie Araki? Durch eine E-Mail mit dem entsprechenden Angebot. Auf die positive Antwort des Fotografen hin flog Kamel Mennour nach Tokio und unterbreitete seine Pläne; für den Katalogtext hatte er keinen Geringeren als Germano Celant gewinnen können. Derartige Schachzüge öffneten der Galerie Mennour die Pforten der Spezialmesse Paris Photo und der Messe für zeitgenössische Kunst Fiac. Schon bald aber, um sich nicht als reine Fotogalerie zu etablieren, wandte Mennour sich den jungen Künstlern seiner Generation zu.

Erfolg mit „Flying Rats“

Im Museum für moderne Kunst in Paris entdeckte er im Jahr 2000 den jungen Algerier Adel Abdessemed, der sein Land 1994 aufgrund islamistischer Gewaltakte verlassen hatte. Seine Fähigkeit zur Transgression habe ihm gefallen; Abdessemed drücke die Friktionen zwischen Europa und Afrika aus, sagt Mennour. Er habe ihn in Berlin aufgesucht, wo der Künstler vor ein paar Jahren lebte, und überzeugt, sich von ihm vertreten zu lassen. Mit welchem Argument? Er würde den Künstler bei der Produktion seiner aufwendigen Arbeiten begleiten - und zwar nicht nur in der Galerie, sondern auch bei Projekten für Museums-Ausstellungen und Kunst-Biennalen, denen es oft am nötigen Budget fehlt. Für Abdessemeds Video „Schnell“, das den freien Fall einer Kamera aus dem Himmel über Berlin dokumentiert, organisierte er einen Hubschrauber, aus dem der Künstler die Kamera abwerfen konnte. „Bourek“, eine 2006 auf der Art Basel präsentierte Installation, ist aus einem flachgewalzten Flugzeugrumpf entstanden. Gerade kommt Kamel Mennour aus dem marokkanischen Fes zurück, wo Handwerker für Abdessemed aus Cola-Dosen die „Queen Mary“ nachbauen, mit der im September die neuen Räume der Galerie eröffnet werden.

Spätestens seit Herbst 2005, als die Installation von Kader Attias „Flying Rats“ auf der Biennale von Lyon für Aufsehen sorgte, ist die Galerie Mennour eine unumgängliche Institution. Mennour hatte die Voliere, in der sich 150 Tauben über vierzig aus Getreidemasse geformte Schulkinder-Puppen hermachen, koproduziert und wenig später für 60.000 Euro an den Genfer Sammler und Händler Pierre Huber verkauft. Huber ließ das Werk im vergangenen Februar bei Christie's in New York, wo der Künstler es eigens reinszenierte, für 90.000 Dollar versteigern - eine Arbeit, die nicht dauerhaft, sondern nur als Ereignis existieren kann.

Mit ansteckendem Enthusiasmus

Attia, der wie Kamel Mennour aus einer algerischen Einwandererfamilie stammt, ist inzwischen nicht mehr bei der Galerie. Mennour legt keinen Wert auf ein einseitiges Etikett als Vertreter quirliger Kunst mit Vorstadt- und Migrationshintergrund. Mittlerweile hat er in seiner Galerie rund zwölf Künstler diverser Horizonte - wie die Französin Christine Rebet, die Israelin Miri Segal oder den Chinesen Zan Jbai - zusammengeführt und zwei „historische“ Schwergewichte französischer Gegenwartskunst hinzugewinnen können: Daniel Buren und Claude Levêque, der vor kurzem noch von der Galerie Yvon Lambert vertreten wurde. Vermutlich wurden auch diese Altmeister der raumgreifenden Installation vom Enthusiasmus des jungen Händlers angesteckt, der Berge versetzen kann. Beide stehen im kommenden Herbst mit Ausstellungen in der Galerie auf dem Programm, und für Levêque produziert der Galerist für den Skulpturenparcours der Fiac im Tuileriengarten die Installation eines alten Wellblech-Citroëns im zentralen Wasserbecken. Kamel Mennour ist kein Theoretiker der Kunst, er ist ein Macher.

Saint-Germain-des-Prés hat seine Glanzzeiten als Galerienviertel längst hinter sich. Aber auch jetzt, wo er sich angemessene Galerieräume leisten kann, zieht es Kamel Mennour nicht ins Marais, die Pariser Hochburg für zeitgenössische Kunst. In der Rue Saint-André-des-Arts hat er in einem Stadtpalais des 17. Jahrhunderts, dem Hôtel de La Vieuville, 380 Quadratmeter Platz gefunden, ein ehemaliges Antiquariat, das er von zwei jungen Architekten, Aldric Beckmann und François N'Thépé, modernisieren lässt. Sein Kollege Emmanuel Perrotin hat zu Beginn seiner Karriere ein Werk von Maurizio Cattelan verkauft - „La Nona Hora“, den von einem Stein zu Boden geworfenen Papst -, das nur wenige Jahre später bei Phillips de Pury & Company in New York mit drei Millionen Dollar ein Vielfaches erzielte und den Künstler unter die teuersten Vertreter seiner Generation katapultierte. Kamel Mennour glaubt zu wissen, welcher unter seinen Künstlern ein ähnliches Potential aufweist, aber er hütet sich, es zu sagen: „Ich komme aus der Wüste“, so lautet seine Weisheit, „und bewege mich lieber auf dem Kamelrücken fort, als zu rennen und dann zu fallen.“ Im Wettlauf mit Emmanuel Perrotin ist keine falsche Bescheidenheit vonnöten: „Er hat einen Vorsprung, aber in zwei oder drei Jahren hole ich ihn ein.“

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 19.08.2007, Nr. 33 / Seite 49
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