Home
http://www.faz.net/-2b0-vzjt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Galeristenpaar Agenten der Künstler

22.11.2007 ·  Jérôme und Emmanuelle de Noirmont gründeten ihre Galerie in den neunziger Jahren in Paris. Der Weitblick des Galeristenpaares zeigt sich, wenn sie Sammler und Künstler zusammenführen, wie es bei François Pinault und Jeff Koons gelungen ist.

Von Angelika Heinick, Paris
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Wie die Künstler treten auch die meisten Galeristen als individualistisch stark ausgeprägte Persönlichkeiten einzeln in Erscheinung, seltener im Team. Hinter dem Namenszug der Pariser Galerie Jérôme de Noirmont verbirgt sich indessen ein Paar. Jérôme und Emmanuelle de Noirmont gehören zu den ehrgeizigsten und erfolgreichsten Pariser Galeristen für zeitgenössische Kunst ihrer Generation. Im Oktober 1994 eröffneten sie ihre Galerie an der Avenue Matignon. Mittlerweile vertreten sie internationale Kaliber wie Jeff Koons, Francesco Clemente, A. R. Penck oder exklusiv den Nachlass Keith Harings in Frankreich und zählen zu ihren Schützlingen den Bildhauer Bernar Venet, die Fotografin Bettina Rheims, die Videokünstlerin Shirin Neshat sowie die Künstlerduos Pierre et Gilles, McDermott & Mc Gough und Eva & Adele. François Pinault, Frankreichs berühmtester Sammler zeitgenössischer Kunst und Eigentümer des Auktionshauses Christie's, gehört zu den regelmäßigen Kunden der Galerie.

„Er ist der Händler“, sagt die blonde, mädchenhaft grazile Emmanuelle de Noirmont und deutet auf ihren Ehemann. Jérôme de Noirmont, von leicht untersetzter Statur und mit runden Gesichtszügen, hat vor mehr als zwanzig Jahren als Antiquitätenhändler begonnen und mit Möbeln und Kunsthandwerk „vom Mittelalter bis ungefähr 1950“ sowie Gemälden und Zeichnungen gehandelt. Die Begegnung mit Emmanuelle, die nach einem Wirtschaftsabschluss auf dem Gebiet des Designs und Sponsorings tätig war, hat seinen Interessen eine andere Richtung gegeben. Er verkaufte seine Sammlung von Zeichnungen und begann, Gegenwartskunst zu sammeln. Einige Künstler rieten ihm, eine Galerie aufzumachen. Doch Emmanuelle und Jérôme de Noirmont gönnten sich erst ein halbes Jahr Weltreise, bevor sie den Entschluss fassten, eine Galerie für zeitgenössische Kunst zu eröffnen. Emmanuelle de Noirmont ist jedenfalls eine gestandene Geschäftsfrau: Das „Abenteuer“ Galerie wurde von Anfang an nicht wie eine Boutique, sondern wie ein Unternehmen mit weit vorausschauender Strategie geführt.

Geschickte Positionierung

Anfang der neunziger Jahre lag der Pariser Markt für zeitgenössische Kunst ziemlich flach. Es war Jérôme und Emmanuelle de Noirmont klar, dass eine unbekannte Galerie, die unbekannte junge Künstler zeigt, selbst unbekannt bleiben würde. Also beschloss man, in den ersten Jahren nur international anerkannte Künstler zu zeigen, die in Frankreich damals noch nicht vertreten waren. Die Ausstellung von Jeff Koons 1997 war ein Meisterstreich und die erste - und bislang einzige - Einzelausstellung des amerikanischen Starkünstlers in Frankreich. Der Standort an der Avenue Matignon, für zeitgenössische Kunst in Paris eher untypisch, war ebenso eine strategische Wahl. „Damals konnten Christie's und Sotheby's noch nicht in Frankreich versteigern“, erinnert sich Jérôme de Noirmont, „aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sich der Markt für die internationalen Häuser öffnen würde.“ Jérôme de Noirmont war sich ziemlich sicher, dass die Auktionshäuser sich an Prestigeadressen im „Goldenen Dreieck“ niederlassen würden.

Mit dieser Vermutung hat er ebenso recht behalten wie mit der Vorstellung, dass die Nähe zu den Palasthotels und den Luxuseinkaufsmeilen Faubourg Saint-Honoré und Avenue Montaigne der Galerie von Anfang an vor allem eine internationale Kundschaft bescheren würde. Künstler wie Koons oder Penck hätten sich für die Galerie gewinnen lassen, weil Paris zwar nicht in erster Linie ökonomisch, aber historisch weiterhin ein Markt von Prestige sei. Inzwischen haben die Galeristen auch weniger bekannte, jüngere Künstler wie Claudine Drai, Benjamin Sabatier und Yi Zhou in ihr Programm aufgenommen, doch ihr Image bleibt stärker von den international gesicherten Werten geprägt als durch Neuentdeckungen.

Kooperation mit Kunstmuseen

Der internationale Markt ist die einzige Bühne, auf der eine ambitionierte Galerie heute bestehen kann. „Ausstellungen reichen nicht aus“, so Emmanuelle de Noirmont, „um einen Künstler international sichtbar zu machen. Der Galerist ist nicht mehr nur Aussteller, er ist auch der Agent und der Produzent des Künstlers.“ Die Museen, die von einem viel breiteren Publikum besucht würden als Kunstmessen, böten die beste Promotion für einen Künstler. Jérôme de Noirmont hat sich zur Galerietätigkeit auch auf die Organisation von Museumsausstellungen seiner Künstler spezialisiert. So schickte er beispielsweise die „Retrospektive Bettina Rheims“ durch neun europäische Städte von Düsseldorf über Rotterdam bis nach Moskau, wo er ebenfalls eine Ausstellung von Pierre et Gilles ausrichtete, die im vergangenen Sommer mit zahlreichen Leihgaben der Galerie und ihrer Sammler im Pariser Jeu de Paume zu sehen war. „Héroïnes“, eine der jüngsten Serien von Bettina Rheims mit Aufnahmen sich selbst inszenierender Schauspielerinnen, Künstlerinnen und Mannequins, wird demnächst in der Kestner Gesellschaft in Hannover gezeigt.

Ob als Kurator wie bei der Keith- Haring-Ausstellung im Musée Maillol 1999 oder mit Leihgaben wie für die bevorstehende Penck-Schau im Musée d'art moderne de la Ville de Paris, Jérôme de Noirmont ist in zahlreichen Institutionen präsent. Ihren größten Coup als Produzentin landete die Galerie mit der Herstellung von Jeff Koons' monumentaler Skulptur „Split Rocker“, einer zwölf Meter hohen, mit echten Blumen bedeckten Schimäre aus Drachen und Schaukelpferd in ähnlicher Machart wie der „Puppy“, der nun das Guggenheim Museum in Bilbao ziert. „Split Rocker“, eines der zentralen Exponate der Ausstellung „La Beauté“ in Avignon im Jahr 2000, wurde noch vor der Vernissage an ----- - der Preis soll zwischen zwölf und vierzehn Millionen Franc betragen haben - verkauft.

Im Aufwind mit Zeitgenossen

Von den Krisenzeiten der frühen neunziger Jahre hat sich auch der Pariser Markt längst erholt. Die boomende Weltwirtschaft hat die Preise in die Höhe getrieben, neue Märkte haben sich aufgetan - die Galerie De Noirmont ist auch auf der Moscow World Fine Art Fair und der Shcontemporary in Schanghai präsent -, die europäischen und sogar die französischen Sammler sind so kauflustig wie nie. Die zeitgenössische Kunst sei zu einem neuen Statussymbol geworden, stellt Emmanuelle de Noirmont fest. Es habe sich zudem eine Mentalität des Trophäenjägers herausgebildet, fügt Jérôme de Noirmont hinzu. Der Markt und vor allem die Auktionshäuser konzentrieren sich auf eine gewisse Zahl von Künstlern, meint er, weil sie leicht erkennbar seien und beim Empfang von Besuchern den größten Effekt erzielen. Die Galerie Jérôme de Noirmont hat es jedenfalls verstanden, sich auf einem beschleunigten Markt samt der wachsenden Konkurrenz der Auktionshäuser richtig zu positionieren. Dennoch blieb der Galerie, die von Anfang an auf der Fiac zugegen war, bislang ein Wunsch unerfüllt, nämlich von der Warteliste auf die Teilnehmerliste der Art Basel zu wechseln.

„Kunst hilft, sich selbst und die anderen besser zu verstehen“, sagt Jérôme de Noirmont. Er und seine Frau besitzen über den täglichen Umgang mit Kunst hinaus das Privileg, sich mitunter im Spiegel der Kunst zu betrachten. Bettina Rheims fotografierte die beiden wie ein Zwillingspaar in dunkelblauen Anzügen und blütenweißem Hemd, Pierre et Gilles ließen sie in einer blühenden Laube wie ein Hochzeitspaar auftreten: Jérôme als blumenbekränzte Braut und Emmanuelle in Hosen und Jackett.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.11.2007, Nr. 46 / Seite 67
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen