29.08.2006 · Die Brüder Nicolas und Alexis Kugel gehören mit Anfang Vierzig noch der jungen Garde ihrer Zunft an und gehen im Kunsthandel ihre eigenen Wege - mit Erfolg.
Von Angelika HeinickNicolas und Alexis Kugel vertreten die fünfte Generation einer Kunsthändlerdynastie russischer Herkunft und gehören zu den renommiertesten Pariser Antiquitätenhändlern. Ihre Offerte, die künstlerische und kunsthandwerkliche Meisterschaft oftmals mit fürstlicher oder gar königlicher Provenienz verbindet, zählt zum Erlesensten, was der Antiquitätenhandel aufzubieten hat.
Kein Wunder, daß die Brüder, die mit Anfang Vierzig noch der jungen Garde ihrer Zunft angehören, sich ein dem Trend entgegengesetztes Verhalten leisten können. So verzichten sie, wie schon seit zehn Jahren, auch in diesem Herbst - der Rückkehr ins Grand Palais zum Trotz - auf die Teilnahme an der „Biennale des Antiquaires“. Die Pariser Spitzenmesse bietet nicht genügend Platz für die aufsehenerregenden thematischen Ausstellungen, die sie jeweils parallel zur Biennale veranstalten - von den „Schätzen der Zaren“ im Jahr 1998 über „Juwelen der Renaissance“ 2000 bis hin zu den „Sphären und der Kunst der Himmelsmechanik“, die 2002 über 14 000 Besucher anlockte.
Während viele Antiquitätenhändler und Galerien sich in den letzten Jahren im „goldenen Dreieck“ zwischen Avenue Matignon und Faubourg Saint-Honoré um Sotheby's und Christie's gruppierten, haben Nicolas und Alexis Kugel im September 2004 mit dem Umzug von der Rue Saint-Honoré in das „Hôtel Collot“ am Quai Anatole France links der Seine einmal mehr ihre Selbständigkeit unterstrichen. In diesem Herbst präsentiert die Galerie Kugel in dem neopalladianischen Stadtpalais aus dem 19. Jahrhundert gemeinsam mit dem Antwerpener Händler Axel Vervoordt den Nachlaß des Kunsthändlers Nicolas Landau - er lebte 1887 bis 1979 -, dem sie als „Kunsthändlerfürsten“ vom 13. September bis 10. November eine Hommage widmen.
Grenzenloser Geschmack
Die Geschichte der Dynastie Kugel reicht zurück ins späte 18. Jahrhundert, als der Sankt Petersburger Uhrensammler Elie Kugel seinen Sohn anstiftete, Uhrmacher zu werden, um die Erhaltung seiner Sammlung zu sichern. Joseph Kugel erweiterte sein Handwerk auf den Handel mit Uhren, Schmuck und Goldschmiedearbeiten; sein Sohn Matias, der Großvater von Nicolas und Alexis Kugel, spezialisierte sich auf Goldschmiedekunst und unterhielt Geschäfte in Sankt Petersburg und Minsk. Die Oktoberrevolution zwang ihn zur Flucht nach Polen, wo er sich der Unterstützung zahlreicher Kunden erfreute. Die Ironie der Geschichte, so Alexis Kugel, habe gewollt, daß sein Großvater nach dem Frieden von Brest-Litowsk als Mitglied einer diplomatischen Mission in seine Heimat zurückkehrte und an den Verhandlungen über die Rückgabe der von den Russen erbeuteten Kunst an Polen teilnahm.
Familie Kugel ließ sich 1924 in Paris nieder, und Sohn Jacques eröffnete nach dem Zweiten Weltkrieg dort eine eigene Galerie. Leider war es ihm nicht gegeben, seine Söhne vor seinem Tod 1985 zu Kunsthändlern auszubilden. Nicolas und Alexis brachten sich mit der Übernahme des Geschäfts das Handwerk selbst bei. „Doch schon als Kinder waren wir von Kunstobjekten umgeben“, sagt Alexis Kugel, „und unser Auge hat sich wie von selbst gebildet.“ Der Vater, ein „mitteleuropäischer Kosmopolit“, führt er fort, der Schulen in Deutschland, England, Frankreich und Portugal besuchte und sieben Sprachen sprach, habe ihnen seinen „universellen Geschmack, der keine Grenzen kannte“, weitergegeben. Im Gegensatz zu anderen Pariser Galerien, die sich auf das französische Kunsthandwerk des 18. Jahrhunderts spezialisieren, bietet die Galerie Kugel ein Spektrum europäischer Künste vom Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts, in dem weder die Augsburger Goldschmiedekunst, die flämische Malerei, Bronzeskulpturen des Barock, italienische Majoliken noch die monumentalen Marketeriemöbel des Louis XIV von André-Charles Boulle oder ein Schreibtisch von David Roentgen aus vermutlich kaiserlicher russischer Herkunft fehlen.
Das Hôtel Collot, das der Architekt Louis Visconti 1840 für den Finanzier Jean-Pierre Collot errichtete, bietet den idealen Rahmen für die Bestände der Galerie. Die Ansprüche der Sammler haben sich gewandelt. Früher, erklärt Alexis Kugel, wußten diese genau, was sie für ihre eigenen Räume suchten, und konnten sich wie in einer Boutique das Objekt ihrer Wünsche selbst heraussuchen. Die jungen Sammler haben heute oft keine Gelegenheit, ihren Geschmack auszubilden. Es sei heute die Aufgabe der Galerie, Kunstobjekte nicht wie in einem Museum, sondern wie in einer Wohnung zu präsentieren, um die Sammler in ihrer Entscheidung anzuleiten. Der zu diesem Zweck beauftragte Stardekorateur François-Joseph Graf, der zu seinen Kunden die Crème des Pariser Antiquitätenhandels und Sammler wie Pierre Bergé oder Henry Kravis zählt, stattete die Galerieräume den verschiedenen Epochen gemäß aus.
Absolute Provenienzen
Im „Salon Rouge“ auf der Beletage ist das Originaldekor im Parkettboden aus edlen Hölzern und zwei in Goldbronze gefaßten Stucksäulen noch erhalten; die karminrote Damastbespannung und der gewaltige Louis-XV-Marmorkamin schaffen den Rahmen für das Mobiliar des 18. Jahrhunderts. In der zweiten Etage ist ein nüchtern gestalteter Raum dem Klassizismus des Louis XVI und des Empire gewidmet. Der holzvertäfelte Renaissance-Salon birgt Kunsthandwerk aus dem 19. Jahrhundert: gedrechseltes Elfenbein aus Deutschland, ein Ensemble Nürnberger Trinkgläserhalter in Gestalt verschiedener bemalter Bronzefiguren, ein Szepter der Renaissance aus Transsylvanien oder ein Majolika-Teller aus Deruta mit dem Wappen des Medici-Papstes Clemens VII.
Bei der Provenienz sei die Persönlichkeit des Besitzers wichtiger als sein Rang, sagt Alexis Kugel. Ausgewiesene Kunstliebhaber wie Rudolf II., Kardinal Mazarin oder die Familie Rothschild seien zum Beispiel „absolute Provenienzen“. Objekte aus ihrem Besitz suche er „begierig“: „Das können nur Meisterwerke sein, da sie dieser Sammlungen würdig waren.“ Dank jahrzehntelang gepflegter Beziehungen kann die Galerie Kugel vieles privat erwerben. Vor allem beim Ankauf machen ihr die Auktionshäuser Konkurrenz. „Doch wir haben die besseren Argumente“, lächelt Alexis Kugel. „Die Galerie ist bereit, für ein Objekt einen höheren Preis zu zahlen, als es auf einer Auktion erbringen würde.“ So konnten die Brüder Kugel zusammen mit Axel Vervoordt den zur Auktion bestimmten Nachlaß der Witwe von Nicolas Landau erwerben. Nicolas Landau, der sich selbst als „Spezialist des Unverkäuflichen“ definierte und durch seine kühnen Mischungen verschiedener Kulturen und Epochen noch heute ein Vorbild für Händler und Sammler darstellt, gehörte zur Spezies der wahren Kunstliebhaber. „Die sind so selten wie die wahren Meisterwerke.“