30.09.2007 · Die Generäle in Burma haben den Aufruhr gegen die Militärjunta erstickt. Aber selbst die asiatischen Nachbarn üben erstmals Kritik. Dabei sind die Generäle auf die beiden Nachbarn Indien und China angewiesen.
Von Jochen Buchsteiner, JakartaDer „Sonderbeauftragte“ der Weltgemeinschaft kam offenbar zu spät. Als Ibrahim Gambari am Samstagnachmittag in Rangun eintraf, war der Aufstand gegen die Militärjunta weitgehend niedergeschlagen. Die Straßen, meldeten Agenturen, waren leergefegt, die Posten des Unterdrückungsapparates hielten Wache an den Kreuzungen und vor den großen Pagoden. Nur vereinzelt soll es zu Auseinandersetzungen gekommen sein. Die Staatszeitung „The New Light of Myanmar“ hatte die Revolte schon mit einem Lob für die Soldaten für beendet erklärt: „Die Sicherheitskräfte begegneten der Situation mit Vorsicht und mit geringstem Gewalteinsatz.“
Das sehen außerhalb der Militärregierung die wenigsten so. Fotos und Videos zeigen, dass Militär und Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas gegen die Demonstranten vorgegangen sind. Auch Schüsse wurden abgegeben. Laut Staatsfernsehen kamen bisher neun Personen ums Leben, aber Burma-Beobachter sind sich einig, dass die Zahl der Toten höher sein muss.
Die Mönche führten den größten Aufstand an
Würde Gambari die Militärjunta brüskieren wollen, müsste er nur darum bitten, auf jenen Reitplatz am Rande Ranguns gebracht zu werden, auf dem die Militärs wegen der Überfüllung der Haftanstalten ein Feldgefängnis aufgeschlagen hat. Hunderte, wenn nicht Tausende Demonstranten sitzen dort ein, manche von ihnen verletzt. Besuchen könnte der UN-Sonderbeauftragte auch eines der Klöster, das von den Soldaten gestürmt wurde. Hunderte Mönche sollen dort festgehalten werden - und denen geht es vermutlich besser als den Glaubensbrüdern, die in den vergangenen Nächten auf Lastwagen weggeschafft wurden. Zu solchen Ortsterminen wird es kaum kommen.
Es waren die Mönche, die den größten Aufstand gegen die Junta seit fast zwanzig Jahren anführten. Verzweiflung über die Lage im Land und Mitgefühl mit dem burmesischen Volk ließen sie in die politische Arena treten. Ihre Hoffnung, die Staatsmacht werde sich nicht an ihnen vergehen, trog. Wie 1988, als die Demokratiebewegung von Studenten angeführt wurde, verließen sich die Generäle abermals auf ihre Waffen. Ob sie diesmal weniger gewaltsam vorgegangen sind, wird sich erst zeigen. Das Ausmaß der Tragödie von 1988, die bis zu 3000 Menschen das Leben kostete, wurde auch erst mit der Zeit zutage gefördert. Am Samstag wurden Diplomaten zitiert, die von Dutzenden Toten berichteten.
Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung schwelte
Die meisten Bilddokumente, die das Ausland zu sehen bekam, stammten von burmesischen Demonstranten, die ihre Aufnahmen über das Internet versendeten. Junge Burmesen tüfteln seit Jahren Möglichkeiten aus, wie die technischen Restriktionen der Zensurbehörden zu umgehen sind. Am Freitag reagierten die Generäle radikal und schlossen den letzten Informationskanal komplett. Von Nordkorea abgesehen, ist wohl kein Land so abgeschottet wie Burma. Westliche Journalisten erhalten nur in Ausnahmefällen eine Einreiseerlaubnis. Was die Junta von ausländischen Beobachtern hält, erfuhr am Donnerstag ein japanischer Videofilmer. Japanische Zeitungen berichten, er sei nicht versehentlich einem Warnschuss zum Opfer gefallen, sondern von Sicherheitskräften „hingerichtet“ worden. Tokio fordert Aufklärung.
Auch wenn die Eruption des Unmuts für viele überraschend kam, wussten doch die meisten, die Burma in den vergangenen Jahren bereist hatten, dass die Unzufriedenheit in der Bevölkerung schwelte. Das Massaker von 1988 hatte ihnen vor Augen geführt, mit welcher Skrupellosigkeit die Militärs ihre Pfründen zu verteidigen bereit waren. Fast jeder Burmese, der sich unbeobachtet fühlte, sprach in den Jahren danach hasserfüllt über die Regierung. Wie wach die Hoffnung auf ein besseres Leben geblieben war, zeigte sich zuletzt vor fünf Jahren, als die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi aus dem Hausarrest entlassen wurde und sofort Menschenmassen in Begeisterung versetzte. Das abermalige Ende ihrer Freiheit beweinten viele Burmesen.
Die Generäle lassen ihr Volk auch ausbluten
Im vergangenen August wurde dann auch den letzten Zweiflern bewusst, dass die Versprechen der Junta auf eine Rückkehr der Demokratie hohl gewesen waren. Die „Nationalversammlung“, die die Generäle angeblich zu diesem Zweck eingerichtet hatten, wurde nach 14 Jahren beendet. Als die Junta dann wenige Tage später eine Verdopplung des Benzinpreises verfügte, wurde die andere Schattenseite der Diktatur beleuchtet. Die Generäle halten ihr Volk nicht nur in Angst und Unfreiheit, sie lassen es auch ausbluten. Aus dem einstigen Hoffnungsträger Asiens ist längst eines der ärmsten Länder der Region geworden. In Saus und Braus leben nur die Offiziere und jene Geschäftsleute, die mit ihnen gemeinsame Sache machen. Die Forderung nach einer Rücknahme der Benzinpreiserhöhung, mit der die Proteste vor sechs Wochen begannen, mündeten fast zwangsläufig in den Ruf nach Demokratie.
Selbst wenn es den Generälen wieder gelungen sein sollte, den Aufruhr zu ersticken, dürfte ihnen das Regieren schwerer fallen. Auch im Ausland ist der Druck gewachsen. Als bedrängend empfindet die Junta dabei nicht so sehr die Ankündigungen Europas und Amerikas, die Sanktionen zu verschärfen. Schmerzhafter ist der neue Ton in der Nachbarschaft. Zum ersten Mal haben die Außenminister der „Vereinigung südostasiatischer Nationen“ (Asean) ein Mitgliedsland verurteilt.
Die Junta international ihr Gesicht wahren
Sollten den Worten Taten folgen, sind die Generäle in Naypidaw noch mehr als vorher auf die beiden größten Nachbarn angewiesen - Indien und China. Delhi hielt Burma auch während der Gewaltwoche die Treue und sprach von „inneren Angelegenheiten“; noch am Montag wurde ein Gasgeschäft abgeschlossen. Auch Peking bewegte sich in den eingefahrenen Bahnen und verhinderte im Weltsicherheitsrat, dass Burma verurteilt wurde. Spätere Äußerungen aus dem chinesischen Außenministerium ließen jedoch darauf schließen, dass Peking die Rolle als Freund einer hässlichen Militärjunta zu missfallen beginnt. Sie widerspricht dem Bild, das das Land vor den Olympischen Spielen im kommenden Sommer gerne vermitteln will.
Ibrahim Gambari weiß um die Bedeutung Chinas; im Juli reiste er nach Peking, um die Regierung in ein international abgestimmtes Vorgehen gegen Burma einzubinden. Dass er in seinen Gesprächen an diesem Wochenende auch in ihrem Namen spricht, ist jedoch kaum anzunehmen. Und da nicht einmal im Westen ernsthaft erwogen wird, militärisch in Burma einzugreifen, könnte die von Exilburmesen herausgegebene Zeitung „Mizzima“ mit ihrer Befürchtung recht behalten, dass die Junta den Besuch Gambaris nur dazu nutzen wird, international ihr Gesicht zu wahren.
Die Ausbeutung Burmas mit Militär gewährleisten
A. Malliki (a.malliki)
- 01.10.2007, 11:40 Uhr
Warum keiner was macht?
wolfgang richter (rama6)
- 01.10.2007, 15:28 Uhr
Nicht nur China dreht durch.
Ulrich Hinderer (eisbaer_78)
- 01.10.2007, 21:25 Uhr
Jochen Buchsteiner Jahrgang 1965, politischer Korrespondent für Süd- und Südostasien sowie Australien mit Sitz in Jakarta.
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