Home
http://www.faz.net/-2ax-zz6g
Mehr Angebote
| Abo|Hilfe
Mittwoch, 15. Februar 2012
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Waldbrände in Georgien Patriotischer Regen über der Schlucht von Borschomi

21.08.2008 ·  Vor einer Woche waren Feuer in Georgien ausgebrochen. Über die Ursache gibt es widersprüchliche Angaben. Georgien behauptet, die russische Armee habe die Wälder seiner Nationalparks mutwillig in Brand gesetzt.

Von Christoph Ehrhardt, Bakuriani
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (19)

Goga Chatschidse hat sich an diesem Abend auf patriotische Trinksprüche festgelegt, von denen er einen großen Vorrat hat. Er ist der Repräsentant der georgischen Regierung in der Region Samtschke-Javacheti und hat lange, anstrengende Arbeitstage hinter sich. Nun ist er nach Bakuriani zurückgefahren, in ein idyllisches Wintersportdomizil, das deutlich gezeichnet ist von dem Verfall der Sowjetjahre. Chatschidse sitzt an einem reichlich gedeckten Tisch. Auf dem Fernsehschirm flimmern die bekannten Bilder: russische Panzer, zerstörte georgische Militäreinrichtungen, das Leid der Zivilisten.

In schneller Folge hebt Chatschidse sein Schnapsglas. Er macht nur kurze nachdenkliche Pausen, in denen er mit müden Augen in sein Glas blickt, das er sachte mit dem Handgelenk kreisen lässt. „Auf Georgien!“ Danach trinkt er „auf die georgischen Soldaten!“, und schließlich: „Auf den Regen!“ Das Gewitter, das am Mittwochabend über den Bergen des Trialeti-Gebirges aufzieht, ist eine große Hilfe. „Fünfzehn bis zwanzig Feuer sind es“, hatte Goga Chatschidse noch kurz zuvor gesagt, als er auf dem hölzernen Balkon des Regierungsgebäudes im nahen Bergdorf Zaghveri stand und sich erschöpft auf das Geländer stützte. Dichte Rauchschwaden lagen über den Hängen. „Seit sechs Tagen kämpfen wir schon gegen die Feuer, jetzt haben wir sie einigermaßen im Griff.“ Er blickte auf eine Gruppe abgekämpfter Feuerwehrleute und ein halbes Dutzend Löschfahrzeuge, deren beste Tage dem Augenschein nach schon ein oder zwei Jahrzehnte zurückliegen.

Wurden die Waldbrände mutwillig gelegt?

Der Regen hat gute Arbeit geleistet, aber die Feuerwehrleute rücken auch am Donnerstag noch rund um die Uhr aus. Am vergangenen Freitag waren die Feuer ausgebrochen. Mancherorts haben sie sich bis dicht vor die Dörfer gefressen; nur 200 Meter waren es etwa im Dorf Gaba. Die Bewohner mussten ihre Häuser zeitweilig verlassen. Über die Ursache der Brände gibt es widersprüchliche Angaben. Die georgischen Behörden sagen, es seien russische Hubschrauber gewesen, sie hätten Bomben über den dichtbewaldeten Hängen abgeworfen.

Das hätten Augenzeugen berichtet. Andere georgische Regierungsvertreter sagen, es seien „Flares“ gewesen, glühende Metallstreifen, die Hubschrauber normalerweise abwerfen, wenn sie von Wärme suchenden Raketen angegriffen werden. In der grundsätzlichen Bewertung sind sich die Georgier jedoch einig: Auch wenn Moskau dementiert - die Waldbrände wurden mutwillig gelegt. Ein Sprecher des Innenministeriums berichtet, am Mittwoch seien zehn Kilometer von der Hauptstadt Tiflis entfernt zwei russische Hubschrauber im Tiefflug gesichtet worden. Das Feuer, das dort danach ausbrach, konnte aber schnell gelöscht werden. Die stellvertretende Innenministerin hatte gemutmaßt, die Militärs des Kreml wollten damit die Panik unter der georgischen Bevölkerung weiter schüren.

„Am ersten Tag haben nur 20 Hektar gebrannt“

Im Lagezentrum in Saghveri, das die Regierung behelfsmäßig in dem örtlichen Regierungsgebäude eingerichtet hat, stellt der georgische Umweltminister Irakli Ghuraladse eigene Vermutungen an. „Die Russen zerstören Militärbasen, Dörfer und Brücken. Warum sollen sie nicht auch auf die Idee kommen unsere Nationalparks zu zerstören?“, fragt er. Wenn sechs Feuer zugleich ausbrächen, nachdem die Leute russische Hubschrauber im Überflug beobachtet hätten, dann sei das sicher kein Zufall. Der Minister trägt Jeanshemd und Jeans, die er nach Soldatenart in leichte amerikanische Militärstiefel gestopft hat.

Nur eine Kerze, die in einer abgeschnittenen Plastikflasche dürftigen Halt findet und der Bildschirm seines Laptops spenden schwaches Licht. Es ist wegen des Gewitters schnell dunkel geworden, und wegen der starken Winde, die durch die malerischen Schluchten pfeifen, ist wieder einmal der Strom ausgefallen. So muss sich der Minister dicht über die Karten beugen, die auf dem dunklen Holztisch ausgebreitet sind. Er beschreibt mit dem Zeigefinger einen Kreis um die Region und sagt: „Etwa 62.000 Hektar öffentlich geschützten Waldes gibt es hier in der Region, 300 Hektar sind schon verbrannt. Es wird fünfzig Jahre dauern, bis die ökologischen Schäden wieder behoben sind.“ Die Russen hätten verhindert, dass die georgischen Behörden den Flammen rasch entgegentreten konnten.

„Am ersten Tag haben nur 20 Hektar gebrannt“, sagt der Umweltminister. „Am zweiten Tag waren es schon 150.“ Georgische Hubschrauber durften nach seinen Worten nicht starten. Auch nicht die aus der Ukraine, die ihre Hilfe angeboten hatte. Zwei türkische Löschflugzeuge operierten seit drei Tagen ohne russische Erlaubnis. „Wir haben viel Zeit verloren.“ Aus dem ganzen Land waren Löschzüge in die Waldbrandregion gerufen worden, auch aus der Hauptstadt Tiflis.

Nationalpark wurde schwer von Feuern getroffen

Das russische Militär, das nach Angaben aus dem Innenministerium auch am Donnerstag noch bei Gori die wichtige Straße von Tiflis ins westliche Georgien blockierte, ließ die Fahrzeuge nicht passieren. „Wir haben mit den Russen verhandelt, hatten schon mit dem Außenministerium ausgemacht, dass eine Erlaubnis erteilt werden soll. Aber die Militärs haben abgelehnt“, sagt der georgische Minister. Also mussten die behäbigen Feuerwehrfahrzeuge den mühsamen Weg über den Zchratskaro-Pass nehmen. Es ist eine schmale, von Schlaglöchern übersäte Schotterpiste, die sich durch die sanft geschwungenen Berge schlängelt. Der Weg über den Pass bis nach Bakuriani kann so bis zu etwa zehn Stunden dauern; durch verwitterte Dörfer, vorbei an glitzernden Seen und Bauern, die ihre Viehherden über die grünen Hänge trieben. Es ist außergewöhnlich viel Betrieb. Schwer beladene klapprige Kleinwagen, Lastwagen, sogar ein Reisebus quälen sich durch das Gelände. Auf diesem Weg können die russischen Kontrollpunkte weiträumig umfahren werden.

Die russischen Soldaten sind nur bis kurz vor den Ort Borschomi an die Waldbrandgebiete herangefahren. Der Nationalpark des traditionsreichen Kurorts war schwer von den Feuern getroffen worden. Gouverneur Goga Chatschidse rückte dann zusammen mit ein paar Polizisten und Journalisten als Geleitschutz aus und versuchte, sie friedlich zu stoppen. „Einmal haben sie behauptet, sie hätten sich bloß verfahren“, sagt er. „Ein anderes Mal sagten sie, sie seien nur gekommen, um ein paar Flaschen Borschomi-Mineralwasser zu trinken.“ Es heißt, dass einst Soldaten des Zaren die heilende Kraft, dieses Wassers im ganzen russischen Reich bekannt gemacht hätten. In Russland freilich kann man es seit zwei Jahren nicht mehr kaufen - der Import wurde wegen „hygienischer Mängel“ verboten. Goga Chatschidse hat sich von den Provokationen der Soldaten nicht zu handfestem Streit hinreißen lassen. Einen Schnaps möchte er noch trinken. „Der Regen macht jetzt unsere Arbeit“, sagt er.

Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen