09.08.2008 · Wie konnte der Konflikt um Südossetien so eskalieren? Und welche Schuld trägt dabei Georgiens Präsident Saakaschwili? Der georgische Publizist und Historiker Lascha Bakradse im F.A.Z.-Gespräch.
Wie konnte der Konflikt um Südossetien so eskalieren? Und welche Schuld trägt dabei Georgiens Präsident Saakaschwili? Oliver Hoischen sprach darüber mit dem georgischen Publizisten und Historiker Lascha Bakradse.
Herr Bakradse, Sie sind georgischer Publizist und Historiker und leben in Tiflis. In Ihrem Land herrscht Krieg. Wie ist die Lage in der Hauptstadt an diesem Samstagnachmittag?
Natürlich ist die Lage gespannt: Jeder schaut Fernsehen, hört Radio, surft im Internet. Aber die Nachrichten sind sehr widersprüchlich, die Russen sagen das eine, die Georgier etwas anderes. Dass gar nicht weit von hier gekämpft wird, bekommen wir aber nicht mit. Im georgischen Fernsehen kann man sehen, dass in der Stadt Gori keine militärischen Ziele, sondern ganz normale Wohnhäuser von russischen Kampfflugzeugen zerstört worden sind. Unklar ist, ob die Russen die südossetische Hauptstadt Zchinwali wirklich schon zurückerobert haben, wie sie behaupten. Das könnte russische Propaganda sein, um der georgischen Bevölkerung Angst zu machen.
Wenn es Propaganda ist – haben Sie mehr Informationen?
Von Leuten, die in Zchinwali waren, haben wir etwas anderes gehört. Wenn es der russischen Armee wirklich darum gegangen wäre, nur die georgischen Militärbasen zu zerstören, dann hätten sie es auch mit größerer Wucht machen können.
Das Leben in Tiflis geht aber normal weiter?
Ja, alles läuft wie gewohnt, die Autos fahren, man kann einkaufen gehen. Zu Hamsterkäufen ist es noch nicht gekommen. Am Freitagabend haben wir vor der russischen Botschaft demonstriert und eine Menschenkette gebildet, die ging durch die ganze Stadt bis zum Freiheitsplatz. Da waren auch viele Leute, auch einfache, die sonst von der georgischen Regierung unter Präsident Saakaschwili nicht viel halten. Das zeigt, dass sich die Georgier angesichts der russischen Aggression sehr einig sind. Die Opposition hat angekündigt, dass sie nun den politischen Streit mit der Regierung nicht mehr fortführt.
Haben die Menschen Angst?
Nein, aber sie sehen die schrecklichen Fernsehbilder. Die Stimmung bei unserer Menschenkette war sehr gelassen und friedlich.
Wie konnte der Konflikt um Südossetien so eskalieren?
Das geht schon sehr lange so. In Wirklichkeit war der Konflikt nie eingefroren, wie die Fachleute das nennen. Es ist permanent zu Scharmützeln und Schießereien gekommen zwischen den separatistischen Osseten und den Georgiern. Ossetische Freischärler haben immer wieder auf georgische Dörfer geschossen. In den vergangenen Wochen wurde das immer schlimmer, wobei man wissen muss, dass die Osseten von Moskau sowohl militärisch als auch wirtschaftlich unterstützt wurden.
Warum konnte man nicht verhandeln?
Erst in den letzten Tagen hat sich wieder gezeigt, dass die Osseten jede Form von Gesprächen mit den Georgiern ablehnten. Am Donnerstag vergangener Woche war der zuständige georgische Minister in Zchinwali, aber der De-facto-Präsident Südossetiens, Kokojty, wollte ihn nicht treffen. Stattdessen wurden georgische Dörfer weiter aus Zchinwali beschossen. Daraufhin hat die Regierung in Tiflis gehandelt und Zchinwali versucht zu besetzen. Aber auch wenn das gelungen wäre: Die eigentliche Gefahr geht von dem Tunnel aus, der Nordossetien, also Russland, mit Südossetien verbindet. Den zu kontrollieren ist den georgischen Einheiten nicht gelungen.
Von dort kommt jetzt Nachschub?
Ja, Nachschub von regulären russischen Einheiten, aber auch von Freiwilligen. Jetzt sieht man eindeutig: Dies ist kein Konflikt allein zwischen der georgischen Regierung und den Südosseten, sondern zwischen Georgien und Russland. Die westliche Staatengemeinschaft hat lange ignoriert, dass die Regierung in Zchinwali nur mit russischer Hilfe überleben konnte. Russland ist niemals neutral gewesen, obwohl es doch an den Friedenstruppen dort genauso beteiligt ist wie Georgien und Südossetien. Auch das andere von Georgien abtrünnige Gebiet, Abchasien, hat Moskau genutzt, um Druck auf Georgien auszuüben.
Manche vermuten aber, dass Präsident Saakaschwili auch nicht ganz unschuldig ist und die Gelegenheit nutzen wollte, um den Konflikt ein für allemal zu lösen – und zwar militärisch.
Das kann man nicht sagen. Wenn dies stimmte, hätte er das ja auch schon früher machen können. Schließlich ist die Lage seit Jahren unverändert und weiß Tiflis, dass dort russische Soldaten stehen. Außerdem hat die georgische Regierung fast zwanzig Jahre lang alles getan, um einen blutigen Konflikt zu vermeiden. Das war nicht einfach: Man muss sich nur die Karte anschauen, um zu verstehen, dass Südossetien wie ein Keil mitten in georgisches Gebiet ragt und eine permanente Bedrohung darstellt. Immer sind von dort Provokationen gekommen. Oder es wurden Produkte nach Georgien geschmuggelt, was für das Land eine wirtschaftliche Katastrophe bedeutet. Dazu kamen Waffen und Drogen. Da war es klar, dass man das Problem irgendwie lösen musste.
Und die Rolle der internationalen Gemeinschaft?
Die internationale Gemeinschaft hat auch versagt: Sie hat immer viel versprochen, aber nicht gehandelt. Nie wurde Druck auf Moskau gemacht. Aber ich gebe zu: Eine militärische Lösung ist auch falsch. Der Westen hat sich auch nicht getraut, das russische Morden in Tschetschenien zu kritisieren. Und nun sehen wir ja: Obwohl Georgien, ein souveräner Staat, von Russland angegriffen wird, ist der Westen weiter sehr zögerlich. Nicht nur Putin, auch der neue Präsident Medwedjew will jetzt der ganzen Welt seine Stärke zeigen.
Warum fällt es Moskau so schwer, die georgische Unabhängigkeit und territoriale Souveränität zu akzeptieren?
Die russische Führung kann von den alten imperialistischen Reflexen einfach nicht lassen. Man meint, zumindest die früheren Kolonien wie Georgien weiter kontrollieren zu müssen, um als mächtiger Staat dazustehen. Zwei Jahrhunderte lang war Georgien eine russische Kolonie, die kulturellen Verbindungen sind eng. In Moskau will man einfach nicht, dass das alte russische Reich gänzlich untergeht. Es gibt auch einen innenpolitischen Druck auf die russische Regierung: Sie hat Abchasien und Südossetien für ihre Propaganda genutzt und muss jetzt beweisen, dass das kein leeres Gerede war. Natürlich ist Georgien für Russland auch strategisch von großer Bedeutung: Es liegt nahe am Nahen Osten und dem Irak, zudem ist es ein Transitland für Öl. Moskau passt es nicht, dass sich Georgien unter dem Präsidenten Saakaschwili immer weiter an die Nato und Amerika annähert, aber auch an die EU. Ohne Russland würde es die Konflikte um Südossetien und Abchasien nicht geben.
Was sind die Osseten eigentlich für ein Volk?
Sie sind orthodoxe Christen mit heidnischen Zügen, die Sprache ist mit dem Iranischen verwandt. Sie kommen ursprünglich aus dem Norden des Kaukasus, im 14. Jahrhundert haben die georgischen Fürsten aus dem Gebiet um Zchinwali die Ansiedlung der Osseten gefördert, da es dort damals zu wenig Bauern gab - Georgien hatte verheerende Kriege geführt. Die Landschaft ist ziemlich karg. Nord- und Südossetien, getrennt durch den Kamm des Kaukasus, war nie ein einheitliches Gebiet. Und natürlich war diese ethnische Gruppe immer sehr leicht von den Russen zu instrumentalisieren. Die Sowjets haben später für die Südosseten eine Autonomie geschaffen und die Stadt Zchinwali ihrem Gebiet zugeschlagen, obwohl dort nie Osseten gelebt hatten. Die Regierung Saakaschwili aber hat ihnen einen Autonomiestatus angeboten, der viel mehr Rechte umfasst als damals zu Zeiten der Sowjetunion. So sind heute die meisten Mitglieder der südossetischen Regierung keine ethnischen Osseten, sondern Russen, die auch gar nicht aus der Gegend kommen, das gilt für den Ministerpräsidenten, den Verteidigungsminister und so weiter.
Gibt es eine Chance dafür, dass Georgier und Osseten friedlich zusammenleben?
Jahrhundertelang haben sie das getan, es gibt viele verwandtschaftliche Kontakte und Mischehen, gerade in dem Gebiet um Zchinwali. Es wäre schrecklich, wenn dort in Zukunft die Grenze unüberwindlich würde. Dann würden viele Familien entzweit. Übrigens sprechen in Südossetien viel mehr Menschen ossetisch als in Nordossetien - das zeigt doch, dass die Behauptung falsch ist, die Georgier würden die Osseten assimilieren wollen. Das machen tatsächlich eher die Russen.