09.09.2008 · Aus den georgischen Dörfern in der von russischen Truppen beherrschten „Sicherheitszone“ fliehen die Menschen noch immer. Nur wenige bleiben: die Alten und die, die die Obsternte retten - sie leben mit der Angst.
Von Michael Ludwig, TkwiawiImmerhin sind die Toten, die tagelang auf der Dorfstraße lagen, inzwischen beerdigt. Wenigstens so viel Normalität herrscht wieder in Tkwiawi, einem Dorf in der von Russland beanspruchten „Sicherheitszone“ rund um Südossetien. Zum Unglück seiner Einwohner befand sich Tkwiawi auf dem Weg, den die 58. russische Armee nach Süden nahm, als sie vor drei Wochen den fliehenden georgischen Truppen nachsetzte.
Als brandschatzende, plündernde und mordende Nachhut folgten den Soldaten Osseten, angeblich auch Tschetschenen und Kosaken aus dem Nordkaukasus. Wer konnte, floh; manchen derer, die blieben, wurden die Kehlen durchgeschnitten. Die Zahl der herrenlosen Kühe, die durch das Dorf irren, ist größer als die der Menschen, die in Tkwiawi ausgeharrt haben.
Flüchtlinge uneinig über das Verhalten der russischen Truppen
Ein Teil der früheren Einwohner von Tkwiawi lebt jetzt in einem der drei Flüchtlingslager in Gori, einer der vielen Notunterkünfte, die in Georgien für den Strom der Flüchtlinge aus Südossetien und den von russischen Truppen kontrollierten Gebieten außerhalb der abtrünnigen Provinzen geschaffen wurden. In dem Lager im ehemaligen Stadtpark von Gori leben etwa 1800 georgische Flüchtlinge in Zelten des UN-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Etwa 16.000 Menschen seien bisher aus der Pufferzone geflohen, sagt die Leiterin des Lagers, Alessandra Morelli vom UNHCR, und jeden Tag kämen mehr. Bis zum Beginn des Kriegs haben in diesem Gebiet nach georgischen Angaben etwa 40.000 Menschen gelebt.
Die Flüchtlinge sind sich nicht einig, was sie über das Verhalten der russischen Truppen während der Kämpfe im August und in dem Noch-nicht-Frieden denken sollen, der seither herrscht. Einige erzählen, dass die Russen die Marodeure auf die georgische Bevölkerung losgelassen hätten, um sich nicht selbst die Hände schmutzig machen zu müssen, die Menschen aber trotzdem in die Flucht zu schlagen. Andere berichten, dass russische Soldaten sie in Schutz genommen hätten, wieder andere, wie Russen sie mit vorgehaltenen Waffen zum Verlassen ihrer Dörfer in der „Pufferzone“ zwangen.
Georgische Behörden raten von Heimkehr ab
Unsicher sind sich die Menschen auch, wie sie sich weiter verhalten sollen. Es sei besser, in die Dörfer zurückzukehren, als im Lager vor die Hunde zu gehen, sagen die einen. Es sei zu gefährlich und niemand könne wissen, wie sich die Russen verhielten, würden tatsächlich größere Gruppen in ihre Heimatdörfer in der Pufferzone aufbrechen, sagen die anderen.
Die georgischen Behörden raten den Flüchtlingen vorläufig dringend von der Rückkehr in die „Sicherheitszone“ der Russen ab. Die Außenministerin sagt, es sei zu gefährlich zurückzugehen, weil man nicht wisse, ob die russischen Soldaten abermals Plündern und Mördern freie Hand lassen würden. Hinzu kommt, wie ein Mitarbeiter von UNHCR auf der Karte zeigt, dass in einigen Gebieten der „Pufferzone“ Blindgänger und Minen lauern.
Tamara Kareli fährt trotzdem in die „verbotene Zone“
Tamara Kareli und ihr Lebensgefährte sind aus Tkwiawi nach Gori geflohen. Es sei alles halb so schlimm, sagen sie. Tamara ist schon einmal zurück in die „verbotenen Zone“ gefahren, die hinter dem russischen Posten vor der Ortschaft Karaleti beginnt. Sie würde es wieder wagen, sagt sie, wenn nur jemand die Fahrt nach Tkwiawi bezahle. Nach einigen Stunden findet sich ein Taxifahrer, der genügend Mut aufbringt und auch noch bereit ist, einen Ausländer mitzunehmen.
Vor Karaleti, gut zehn Kilometer nördlich von Gori, steht georgische Polizei, bewaffnet aber machtlos, am Straßenrand. Einige hundert Meter weiter hat ein Dutzend russischer „Friedenssoldaten“ einen Kontrollposten errichtet. Ein Stacheldrahtverhau wird gerade gezogen. Hinter Sandsäcken steht ein Schützenpanzerwagen mit einem schweren Maschinengewehr. Die Soldaten schauen in den Kofferraum, dann winken sie das Taxi durch. In dem Gebiet, das sich anschließt, ist dann kein einziger russischer Soldat mehr zu sehen. Von Karaleti geht die Fahrt weiter durch einige verlassene Dörfer bis an das Ziel der beiden Flüchtlinge, ihren Heimatort Tkwiawi.
Die Eltern waren zu gebrechlich um zu fliehen
Das Hoftor vor Tamaras Elternhaus ist verschlossen. Nach langem Rufen bewegt sich etwas im Hof. Durch einen Lücke zwischen Tor und Mauer ist zu sehen, wie sich ein alter Mann, auf einen langen Stock gestützt, mühsam zum Tor tastet. Es ist Tamaras Vater Duromeschan Aleksandrowitsch, der das Tor öffnet. Er ist 74 Jahre alt – und er ist blind. Im Hauseingang steht, von der schweren körperlichen Arbeit eines langen Lebens tief gebeugt, seine Frau Sina. Auch sie klammert sich mühsam an einen langen Stock. Sie sagt nicht viel nach der Umarmung der Tochter. Der Vater zieht sich in den Schatten des vorstehenden Schuppendachs zurück. Die beiden Alten waren zu gebrechlich, um zu fliehen, erklärt Tamara.
Wie man hier lebe? Der Alte sagt, tagsüber kämen einige der Jüngeren ins Dorf, um die Obsternte zu retten. Vor Anbruch der Dunkelheit verließen sie Tkwiawi aber wieder. Nur sehr Mutige blieben über Nacht, sie versteckten sich dann im Gebüsch ihrer Gärten. Die Angst vor Plünderern und Mördern ist noch nicht verflogen. Die beiden Alten sind die einzigen im Dorf, die nachts im Haus schlafen. Sie fürchten nichts mehr. Einige der Jungen werkeln in der Nachbarschaft in den Obstgärten. Andere sitzen vor halbzerstörten oder ausgeplünderten Häusern und schauen den Kühen auf der Straße zu.
Tamara Kareli wird wiederkommen
Keiner weiß, wie es weitergehen soll. Duromeschan sagt, Präsident Saakaschwili müsse an die Wand gestellt werden, weil er den Krieg mit dem übermächtigen Russland von Zaun gebrochen habe. Der Alte folgt der Logik eines Sprichworts, das hier jeder kennt: „Wenn du zum Dolch greifst, vergiss nicht, dir ein Grab auszuheben.“ Im fernen Tiflis allerdings haben nur wenige Tage zuvor mehr als 100.000 Menschen für den Präsidenten demonstriert. Wahrscheinlich würden ihn noch mehr feiern, wenn er Zchinwali wirklich erobert hätte. Tamara will auf jeden Fall wieder in ihr Heimatdorf fahren und das nächste Mal etwas zu Essen für die beiden Alten mitbringen. Den russischen Posten sei das sicherlich gleichgültig, sagt sie.
Aus Tkwiawi geht es über Gori in Richtung Tiflis zurück. In den Außenbezirken der Hauptstadt wechseln sich moderne Einkaufszentren und heruntergekommene Wohnblocks ab. Auf dem Weg ins Zentrum der Stadt auf dem Kostawa-Prospekt fällt der Blick auf ein ehemaliges Verlagsgebäude. Es ist vollkommen heruntergewirtschaftet. An der Tür weist ein Schild das Gebäude als Flüchtlingslager aus. Auf mehreren Etagen leben hier eng zusammen gedrängt unter entsetzlichen Bedingungen mehr als 1000 Flüchtlinge – Kinder, Frauen, Alte. Georgische Offizielle behaupten, sie hätten das Flüchtlingsproblem im Griff.
Im Südkaukasus ist genau das passiert,
Bernfried Loosen (B.Loosen)
- 09.09.2008, 22:33 Uhr
DANKE für diesen schönen Artikel
Hans Meier (HansMeier555)
- 09.09.2008, 23:09 Uhr
Wenn du zum Dolch greifst, vergiss nicht, dir ein Grab auszuheben
Ilya Kalinin (amor-fati)
- 10.09.2008, 13:40 Uhr
Ergänzung
Ilya Kalinin (amor-fati)
- 10.09.2008, 15:11 Uhr
Blutrache abschaffen: Das wäre doch mal ein Thema für die EU als Friedensstifter
Hans Meier (HansMeier555)
- 10.09.2008, 20:25 Uhr
Michael Ludwig Jahrgang 1948, politischer Korrespondent für Russland und die GUS in Moskau.
Jüngste Beiträge