08.02.2009 · Warum werden die Kinosäle bei der Berlinale eigentlich immer so spät geöffnet, so dass sich lange Schlangen bilden? Man müsste versuchen, den archimedischen Punkt einer Festival-Chronologie zu bestimmen, von dem an sich alles verspätet.
Von Andreas PlatthausEine der logistischen Meisterleistungen der Berlinale besteht in der Verzögerung des Einlasses. Ergänzt um die erstaunliche Bereitschaft des Berliner Publikums, Schlangen zu bilden, ergibt das ausgesprochen effektive Wegsperren in den Foyers der verschiedenen Kinos spannende Begegnungen mit den Besuchern anderer Vorstellungen, deren Wartebereiche sich mit dem eigenen berühren.
Allen Ausharrenden gemeinsam ist die Ratlosigkeit über die Unmöglichkeit, die Säle früher zu öffnen. Ja, natürlich sind die Vorstellungen zuvor auch bereits verspätet begonnen worden, aber irgendwann muss die Verzögerung ja ihren Anfang genommen haben, und ich kann Zeugnis dafür ablegen, dass die jeweils ersten Aufführungen des Tages im Regelfall pünktlich beginnen. Es wäre spannend, jenen archimedischen Punkt einer Festival-Chronologie zu bestimmen, von dem an sich alles verspätet.
Ein Faktor jedenfalls, der zu erstaunlichen räumlichen und in deren Konsequenz dann zeitlichen Engpässen führt, ist die Trennung der Wartenden in Kartenkäufer und Akkreditierte. Das führt etwa im Delphi zu dem Phänomen, dass die überwiegend größere Zahl von normalen Zuschauern sich auf dem linken Treppenaufgang in die Vorführungen staut, während rechts alles frei bleibt. Eine auch nur kurzfristige Öffnung beider Treppen für alle Besucher ist jedoch nicht vorgesehen.
Das hat seinen Grund nicht im Willen der Festivalleitung, uns die Wartezeit durch Schikanen möglichst rasch verjammern zu lassen, sondern verdankt sich den Interessen der jeweiligen Filmemacher. Es gibt in nahezu jeder Berlinale-Vorführung ein reserviertes Kontingent von Karten für Akkreditierte, also Journalisten, Filmschaffende und vor allem jene Gruppe, die das größte Interesse der Regisseure beanspruchen darf: Filmverleiher, die den Berlinale-Filmmarkt besuchen. Vor den einzelnen Präsentationen geben die Filmemacher ihre Wünsche betreffs der Publikumszusammensetzung ans Festival weiter, und meist heißt es: bitte möglichst viele Gäste des Filmmarktes (seltener: bitte viele Journalisten). Um dokumentieren zu können, dass man diesem Wunsch willfährt, wird am Eingang akribisch gezählt, und im Zweifelsfall kommen dann ein paar Akkreditierte mit der richtigen Profession eher hinein als andere. Solche Freundlichkeit gegenüber den merkantilen Interessen der Gäste resultiert in zeitraubender Umständlichkeit. Und so gilt hier einmal umgekehrt: Geld ist Zeit.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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