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Retrospektive Filme de luxe: In siebzig Millimetern um die Welt

04.02.2009 ·  Wer dereinst seinen Enkeln erzählen will, was Kino einmal war, dem bleibt nur eine Wahl: Die Retrospektive, die diesmal „bigger than life“ ist.

Von Michael Althen
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Dies ist der letzte Seufzer eines Sauriers, ein letztes Aufbäumen einer aussterbenden Gattung, die eigentlich schon nicht mehr existiert, aber von der Berlinale quasi als Jurassic Park wiederbelebt wird, während gleichzeitig immer mehr Filme auf dem Festival von digitalen Servern projiziert werden. Im Zeitalter von Streaming und Downloads, von YouTube und iTunes gibt es kaum einen größeren Anachronismus, als sich 70-mm-Filme in einem Kinosaal anzusehen – man kann es natürlich auch Luxus nennen. Überall geht es nur noch um die digitale Komprimierung von Daten – hier erlebt man analoges Filmemachen auf dem Höhepunkt seiner Verschwendungssucht.

70 mm ist erst mal nur ein technischer Begriff, der die Breite des Filmstreifens bezeichnet, welche die Fläche des normalen 35-mm-Negativs nicht nur verdoppelt, sondern wegen der Höhe von fünf statt vier Perforationslöchern sogar mehr als verdreifacht. Das heißt, jedes Bild beinhaltet dreimal so viele Informationen wie das normale Kinobild – das bedeutet mehr Schärfe, Brillanz, Reichtum. Und darum geht es vor allem anderen, auch wenn die Geschichte des 70-mm-Films in all ihren Verästelungen zu allerlei Begriffsverwirrungen führt, die in ihrer Vielgestaltigkeit geradezu an die Anfänge der Kinematographie erinnern. Die gängigste Verwechslung betrifft die Gleichsetzung von 70 mm und Cinemascope, einem Format, dem die Berlinale 1993 eine Retrospektive gewidmet hat. Wo Scope jedoch nur den breiteren Bildausschnitt betrifft, von dem Fritz Lang gesagt hat, er eigne sich allein für Schlangen und Beerdigungen, geht es bei 70 mm ums Aufnahme-, aber auch ums Projektionsverfahren, das mit 2,2 : 1 zwar schmaler ist als die 2,35 : 1 bei Cinemascope, aber eben nicht über eine anamorphotische Linse von einem schmaleren Bildstreifen gestreckt wird, sondern von einem gut dreimal so großen Bildstreifen auf die Leinwand geworfen wird.

Eine Leinwand als Hülle für den Zuschauer

Wie immer in Hollywood ging es vor allem um Größe, denn das Format war eine Reaktion auf den Zuschauerschwund in den Fünfzigern durch das Fernsehen – erste französische und italienische Versuche in den Pioniertagen des Kinos und amerikanische in den dreißiger Jahren mal beiseitegelassen. Zuerst setzte man auf das dreistreifige Cinerama-Verfahren, das für Spielfilme aber auf Dauer zu behäbig war, weshalb der Showman Mike Todd seine Anteile verkaufte und mit American Optical sein eigenes einstreifiges System Todd-AO auf den Markt brachte, das lange als Synonym für 70 mm verwendet wurde. Zur Überwältigungsstrategie der verschiedenen Verfahren gehörte auch die gekrümmte Leinwand, die den Zuschauer weitestmöglich umhüllen sollte, deren Krümmung um 128 Grad aber natürlich wieder diverse technische Probleme bei der Projektion aufwarf, die zum Teil sogar durch entsprechend gestauchte Filmkopien gelöst wurden. Wie beim Wettlauf im All gab es auch im Ostblock entsprechende Versuche, kinematographisch mit dem Westen Schritt zu halten: Sovscope70, Kinopanorama70, DEFA70.

Was diese Retrospektive wie ein Phantomschmerz begleitet, ist die Erinnerung daran, dass die Berlinale einst auch im Royal-Palast im Europa-Center stattfand, der von 1965 an ein legendäres 70-mm-Uraufführungskino mit der größten Leinwand Europas war: 32 Meter breit, 13 Meter hoch, Krümmung 120 Grad. (Zum Vergleich: Die Leinwand im International misst 17 mal 9,2, die im Cinestar 8 17,7 mal 7,4 Meter.) Der Royal-Palast hat die Retrospektive, die in ihm ihre natürliche Heimat gehabt hätte, nicht mehr erlebt. 2003 wurde er stillgelegt, 2006 abgerissen – heute befindet sich dort ein Elektromarkt, der DVDs und Blu-rays anbietet, mit denen man von einstiger Größe träumen kann.

Die Deutsche Kinemathek hat im Verlag Bertz + Fischer einen Katalog herausgegeben: „70 mm - Bigger than Life“, 168 Seiten, 167 Fotos, 22,90 €.

Quelle: F.A.Z.
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