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„Perspektive Neues Kino“ Als ich noch Prinz von Albanien war

04.02.2009 ·  In der Reihe „Perspektive Deutsches Kino“ glänzen vor allem junge Dokumentarfilmer. Peter Dörfler zeigt die kriminellen Kapriolen einer Berliner Schausteller-Familie. Und doch ist „Achterbahn“ alles andere als ein sensationsgieriger Enthüllungsfilm.

Von Hans-Jörg Rother
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Die Abenteuerlust scheint Norbert Witte in den Genen zu liegen. Ein Vorfahre von ihm hat sich 1913 in den Wirren des Balkankrieges angeblich zum König von Albanien krönen lassen. Die Köpenickiade dauerte vier Tage. Etwas länger, ein ganzes Jahrzehnt, durfte sich Norbert Witte, Jahrgang 1955, als „König vom Plänterwald“ fühlen, genauer: des 1969 im OstBerliner Stadtbezirk Treptow am Ufer der Spree gegründeten Vergnügungsareals, das Witte 1990 zuerst als Geschäftsführer, ab 1997 als Inhaber führte. 2001 waren ihm die Schulden über den Kopf gewachsen, der Spreepark meldete Insolvenz an, und Anfang 2002 befand sich Witte mitsamt seiner Familie und sechs Fahrgeschäften auf dem Fluchtweg nach Peru, wo ihm jemand eine goldene Zukunft ausgemalt hatte. Daraus wurde gar nichts.

Über eine Affäre mit einer Peruanerin zerbrach die Ehe des Schaustellers, der wenig später mehrere Herzinfarkte erlitt und wieder nach Deutschland flog, nicht ohne vorher die Rückführung der Karussells durch seinen Sohn Marcel in die Wege geleitet zu haben. Jemand gab der Polizei einen Hinweis auf das in den Containern versteckte Drogenpaket, dessen Transfer aus der Schuldennot helfen sollte. Die Karusselle blieben in Peru und der Sohn auch – im Gefängnis, für zwanzig Jahre. Ob und wie der heute Achtundzwanzigjährige unter den dortigen Umständen überlebt, ist mehr als fraglich. Einen Versuch, ihn zu vergiften, hat er mit knapper Not überstanden.

Nur das Riesenrad blieb vom Königreich

Norbert Witte wurde 2004 in Berlin zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Im vergangenen Jahr kam er vorzeitig frei und lebt seitdem in einem Wohnwagen auf dem Gelände des allmählich von der Natur zurückeroberten Spreeparks, für den zur Freude der Anwohner bislang kein neuer Betreiber gefunden wurde. Nur das Riesenrad, das in keinen Container passte, zeugt noch vom Witteschen Königreich.

So weit die Fakten, die in der Lokalpresse seit Jahren für Schlagzeilen sorgten und aus denen Peter Dörfler in seiner ersten eigenständigen Regiearbeit einen großartigen Dokumentarfilm gemacht hat, der viele Einzelheiten aufspürt. Zeugen und Beteiligte treten auf, Archivaufnahmen und Fotos rufen vergangene Zeiten im Spreepark und vor allem im Leben der Familie wach, die Dörfler mit Respekt porträtiert, ohne sich einen Moment selbst nach vorn zu drängen.

Eine Zirkusdiskothek am Hauptbahnhof

„Achterbahn“ ist der passende Titel zu dieser Unternehmergeschichte, die durch die Atmosphäre des Rummelplatzes zwar einen schrägen Charme entwickelt, andererseits aber nicht sonderlich untypisch für manchen kleinen Aufsteiger sein dürfte, der es mal zu etwas bringt, dann auf die Nase fällt, um bei nächster Gelegenheit wie ein Stehaufmännchen wieder von vorn zu beginnen. Schon einmal, 1981, als in Hamburg auf einem seiner Karusselle sieben Menschen zu Tode kamen, stand Witte vor dem Aus. Anschließend tingelte das Unternehmen mehrere Jahre durch Italien und Jugoslawien, bis im Berliner Osten 1990 die Glücksstunde zu schlagen schien. Auch heute hat Norbert Witte der Initiativgeist nicht verlassen: In der Nähe des Berliner Hauptbahnhofes führt der Schausteller den Regisseur auf ein brachliegendes Gelände, auf dem er in Bälde eine Zirkusdiskothek zu eröffnen hofft.

Und doch ist „Achterbahn“ alles andere als ein sensationsgieriger Enthüllungsfilm. Viele Gespräche lassen am Drama dieser Familie teilhaben, wo Frau und Tochter lange zu dem Patriarchen gestanden haben und alles tun, das Leben des Sohnes und Bruders zu retten. An ihrer Seite betritt Dörfler auch das Gefängnis in Lima, wo sich vor dem Auge der Kamera eine Dantesche Welt elendster Gestalten eröffnet, die Hölle, aus der allein Geld und Beziehungen die Tür nach draußen öffnen können. Es dürfte nur eine Frage der Zeit sein, darf man prophezeien, bis Spielfilm, Theater oder ein Romanautor sich dieses Shakespeareschen Stoffes bemächtigen werden.

Unter den zwölf langen und kurzen Beiträgen der Reihe Perspektive Deutsches Kino liegt „Achterbahn“ ganz vorn. Überhaupt setzen sich die vier Dokumentarfilme von den acht zumeist kurzen Spielfilmen vorteilhaft ab. Elmar Szücs etwa versucht, eine kritische Zwischenbilanz jener wie er selbst erst Dreißigjährigen zu ziehen, die sich bestürzt fragen, was sie bisher erreicht haben. Im Grunde nichts, gestehen die drei alten Schulfreunde ein, die er in ihren Hamburger Wohnungen besucht, um dann mit ihnen auf Amrum Rückschau zu halten. Sie fällt nicht schonungslos genug aus, denn immer waren es angeblich die anderen, vor allem die Eltern, die an der eigenen mangelnden Charakterfestigkeit Schuld haben, ihrem Dahintreiben, und die ihnen zwar beibrachten, alles kritisch zu „hinterfragen“, aber nicht, dass man für sich selbst aufkommen muss.

Es knistert im Gefüge der Generationen

„Machen wir Schluss mit unserer Entscheidungslosigkeit“, beschwört Elmar Szücs seine antriebsarmen Freunde und erntet Gelächter. „Wir sind schon mitten drin“, im Leben, das sie erst vor sich sahen. Unter diesem Titel häuft der Film viel zutreffende Selbstkritik auf die Häupter seiner Protagonisten und gelangt doch an keinen Punkt, wo die Rückschau als schuldhaftes Versagen – wie in Andres Veiels frühem Film „Die Überlebenden“ – erkennbar wäre.

Es knistert im Gefüge der Generationen und der Gesellschaft. Die Regisseure der Spielfilmversuche möchten dies sichtbar machen – und scheitern zumeist an der zu großen Aufgabe. Im halbstündigen Film „Polar“ von Michael Koch fallen, vor prächtiger Schweizer Bergkulisse, ein Vater und sein erwachsener Sohn prügelnd übereinander her – man wüsste nur gern, weshalb. Zu viel Testosteron im Blut? Warum der Leverkusener Gymnasiast Lukas einen abgrundtiefen Hass gegen seine strenge Mathematiklehrerin (Franziska Petri) hegt, versteht man hingegen sehr genau, war sie doch am tödlichen Unfall seiner geliebten Schwester beteiligt. Die Lehrerin trägt daran keine Schuld, egal, sie antwortet auf seine Wut mit Nachsicht, Liebe und sexuellen Angeboten. „Für Miriam“ von Lars-Gunnar Lotz tastet sich an den Kitschrand eines religiösen Erlösungsdramas vor.

Ein gut gemeinter Versuch

Aggressivität trägt auch der Gärtner Daniel, die Hauptfigur von Thomas Siebens Kammerspiel „Distanz“, im abgrundtiefen Herzen. Tagsüber pflanzt er Blumen im Berliner Botanischen Garten, in der Freizeit wirft er Steinbrocken auf Autos und erschießt unschuldige Spaziergänger. Die Liebe einer jungen Frau, von Franziska Weiss innig verkörpert, schenkt ihm eine innere Ruhepause, dann bleibt dem Mann nur, die Waffe gegen sich selbst zu richten. Alfred Holighaus, Erfinder und Leiter dieser bemerkenswerten Reihe, in der man auch dann die Zeit nicht nutzlos versitzt, wenn der Film ein gutgemeinter Versuch bleibt, hat Thomas Siebens Debüt an die Spitze seiner diesjährigen Auswahl gestellt, als messe er ihm einen besonderen Aussagewert zu. Nistet Aggressivität in der Gesellschaft wie eine Naturgewalt, die über die Menschen kommt? Ken Duken spielt den Psychopathen mit unbekannter Vergangenheit so unsympathisch, wie er nur kann. Thomas Sieben hat in Boston Regie studiert.

Zwei kleine Filme bleiben dagegen in sympathischer Erinnerung. Piotr J. Lewandowskis Halbstundenfilm „Fliegen“ muss man schon wegen Sandra Hüller lieben. Sie verkörpert eine junge Regisseurin, die sich bei einem Film über junge Asylbewerber allzu sehr in eine Liebesgeschichte mit einem jungen Russen verstrickt, was am Ende nicht sie, sondern der andere auszubaden hat: mit Abschiebung. Eine kleine, sinnreiche und von allen Darstellern vorzüglich gespielte Geschichte.

Als heiteren Ausklang nach so vielen ernsten Spielen sei „Gitti“ von Anna Deutsch empfohlen, das gelungene Porträt einer lustigen Witwe in Berlin-Pankow, die sich mit neunundsechzig Jahren noch jung genug fühlt, fleißig Kontaktanzeigen in die Zeitung zu setzen. Auf der Couch sortiert und kommentiert sie die eingehenden Zuschriften mit verblüffender Schnoddrigkeit. Auch in Gitti steckt noch viel Kraft zum unternehmerischen Neuanfang, nur dass der im Reich des Privaten liegt. „Ich habe betrogen und bin betrogen worden“, gesteht die ehemalige Schneiderin in einem ehrlichen Moment ein, und wenn sie dann für die Kamera solo tanzt, scheint sie viel vitaler als ihre gleichaltrige Berufskollegin in Andreas Dresens „Wolke 9“, die gleich aufs Ganze geht. Man muss sich eben immer noch was aufsparen.

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