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Im Gespräch: Michael Pollan Wenn wir gesünder werden wollen, müssen wir anders essen

04.02.2009 ·  Unsere Art zu essen macht uns krank und den Planeten kaputt. Und es schmeckt noch nicht mal. Michael Pollan, einer der bekanntesten Kritiker der Nahrungsmittelindustrie in den Vereinigten Staaten über die Misere unserer täglichen Ernährung die Chance einer Revolutionierung unserer Essgewohnheiten.

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Unsere Art zu essen macht uns krank und den Planeten kaputt. Und es schmeckt noch nicht mal. Michael Pollan, einer der bekanntesten Kritiker der Nahrungsmittelindustrie in den Vereinigten Staaten über die Misere unserer täglichen Ernährung die Chance einer Revolutionierung unserer Essgewohnheiten.

Heute bekam ich einen E-Mail-Aufruf von Food Democracy Now, in der ich aufgefordert wurde, „Michael Pollans Armee“ beizutreten. Was heißt das denn?

Michael Pollan: Damit habe ich gar nichts zu tun. Ein Aktivist namens Dave Mershey aus Iowa steckt dahinter, der sich dachte, mein Name würde ihm dabei helfen, weitere berühmte Persönlichkeiten für seine Petition beim Landwirtschaftsministerium zu gewinnen. Obwohl ich sein Anliegen inhaltlich unterstütze, war ich ziemlich irritiert, als ich davon erfuhr. Natürlich unterstütze ich diese Bewegung, und sie wird ständig größer, aber auf eine ruhigere Art und Weise. Die amerikanische Ernährungsindustrie befindet sich in der Krise, und es gibt eine politische Bewegung, die darauf aufmerksam macht. Allerdings ist diese Bewegung noch sehr jung und ohne Führung. Deshalb unterstütze ich sie, wo ich nur kann. Ich schreibe darüber, und ich rede viel in der Öffentlichkeit davon, um die Menschen zu bewegen, sich zu engagieren.

Aber Sie möchten nicht der Anführer der Bewegung sein?

Nein, letztendlich bin ich ein Autor, und als Autor muss ich meine eigene Stimme erheben. Ich kann nicht Teil eines Kollektivs sein. Als Politiker müsste ich taktische Dinge sagen, die nicht immer ganz der Wahrheit entsprächen. Aber als Journalist kann ich diesen Weg nicht beschreiten. Ich hatte ein sehr interessantes Erlebnis, als jetzt der neue Landwirtschaftsminister, Tom Vilsack, bekanntgegeben wurde und ich nach meinem Kommentar gefragt wurde. Ich gab meinen Kommentar im Radio ab, ziemlich kritisch, denn ich war etwas enttäuscht. Es hätte zwar schlimmer kommen können, aber dennoch bin ich nicht ganz zufrieden. Und da gab es Leute aus der Bewegung, die mir rieten, ich sollte mich doch noch zurückhalten, denn wir dürften ihn nicht öffentlich kritisieren, da wir ja ins Gespräch mit ihm kommen möchten. Im Grunde sagten sie mir damit, ich hätte taktisch klüger reagieren sollen. Aber das wäre nicht ich gewesen, und das macht man als Journalist auch nicht. Und hier ziehe ich auch die Grenze. Ich erhebe meine Stimme gerne in einem Chor, aber man wird mich heraushören.

Glauben Sie, dass die Obama-Regierung, auch in Bezug auf ihre Klimapolitik, einige Veränderungern in der Ernährungsindustrie initiieren wird?

Ich habe Hoffnung, nicht übermäßig viel, aber einige Äußerungen geben doch Anlass dazu. Eine der ersten Aussagen, die der neue Landwirtschaftsminister machte, als er vor einigen Tagen seine Mitarbeiter begrüßte, war diejenige, dass das Landwirtschaftsministerium sowohl dem Übergewicht als auch dem Hunger den Kampf ansagen wird. Ernährung ist ein großer Bestandteil unserer Mission. Das sind völlig neue Worte aus diesem Ministerium. Dort hat man bisher nicht über Übergewicht nachgedacht, sondern nur über das stetige Wachstum der Kalorienzahl, die die amerikanische Landwirtschaft produziert, nicht aber über deren Qualität. Das finde ich sehr ermutigend. Seine Marschroute lautet: Agrarpolitik beinhaltet Ernährung. Ich denke, Obama versteht die Zusammenhänge zwischen der Art und Weise unseres Landschaftsanbaus und der Krise der Ernährungswirtschaft und Umwelt. Aber es ist das eine, etwas davon zu verstehen, und das andere, etwas dagegen zu unternehmen. Es gibt sehr viele Widerstände im Bereich der Landwirtschaft in diesem Land.

Widerstände von wem?

Zum Beispiel von den gutsituierten Farmern und den Interessengruppen, die sie vertreten, wie The Farm Bureau oder The National Corngrowers, also diese Interessenverbände sind sehr gut organisiert und aufgestellt in Washington. Sie erhalten sehr viel Geld von der Regierung, um tun und lassen zu können, was sie wollen. Und diesen Status wollen sie nicht verlieren. Was Obama braucht, ist eine starke Bewegung hinter ihm, damit er sich bewegen kann. Es ist nicht die Ein-Mann-Geschichte, er braucht eine politische Kraft hinter sich, und das sind wir.

Sie schreiben es nicht direkt in Ihrem Buch, aber Sie deuten an, dass die Food and Drug Administration eine korrupte Behörde sei.

Korrupt ist eine harte Aussage, wohl eher in dem Ausmaß, wie jede regulierende Behörde auch den regulierenden Instrumenten unterliegt. Was die gentechnisch veränderten Nahrungsmittel anbelangt, so waren sie nicht ganz aufrichtig mit der Darlegung der wissenschaftlichen Fakten, selbst als ihre eigenen Wissenschaftler darauf hinwiesen, dass die Aussage, gentechnisch veränderte und nicht gentechnisch veränderte Lebensmittel seien im Wesentlichen gleichwertig, nicht zutrifft. Es war die politische Auslegung einer wissenschaftlichen Angelegenheit. Also sie unterstützen nicht gerade die Anliegen der Verbraucher. Und in Sachen Ernährungsqualität und Sicherheit geht es um unzureichende Qualitätssicherung. Die FDA ist verantwortlich für die Qualitätssicherung in Sachen Obst und Gemüse, aber nicht in Sachen Fleisch. Das ist ja etwas merkwürdig. Die FDA ist für Obst und Gemüse zuständig und die USDA für Fleisch. Die Qualitätssicherung ist auf viele verschiedene Regierungsabteilungen aufgeteilt, was letztendlich bedeutet, dass es nur einen schwachen Zusammenhalt in Sachen Qualitätssicherung gibt. Der Industrie ist das nur recht. Die FDA hat nur geringe Betriebsmittel und kann auch nur ein bis zwei Prozent der Importe kontrollieren, das ist sehr unzulänglich. Das hat nichts mit Korruption zu tun, sondern mit Politik. Wenn eine Regierung die Regulierungen lockern möchte, nimmt sie das Geld weg, und das ist passiert. Unsere Ernährungsqualitätssicherung ist komplett zusammengebrochen.

Was kann die neue Regierung tun, und wie lange würde es dauern, bis sich Verbesserungen bemerkbar machen würden?

Es gibt so viele verschiedene Bereiche. Zum Beispiel könnten sie eine eigene Qualitätssicherungsbehörde gründen. Das könnten sie innerhalb eines Monats bewerkstelligen und dann mit einem gesunden Budget wirkliche Kontrollen des Fleisches und der Einfuhr durchführen. Den landwirtschaftlichen Anbau grundlegend zu reformieren, dauert sicherlich länger. Man muss ein neues System kreieren, das die Landwirte dazu anregt, ökologische Landwirtschaft zu betreiben. Man muss sie dafür bezahlen, dass sie ökologisch anbauen und bewirtschaften anstatt für Kalorie pro Hektar. Diese Prozesse dauern natürlich länger.

Könnten die Landwirte denn noch die gleiche Erde bewirtschaften?

Ich denke, innerhalb weniger Jahre könnte sich die Erde regenerieren durch entsprechende Landwirtschaft, Kompostierung und Tierhaltung. Das wäre nicht das Problem.

Wenn jetzt wieder auf traditionelle Landwirtschaft umgestellt würde, wäre man dann noch in der Lage, alle Menschen zu ernähren?

Das ist die Frage, die jeder stellt. Meine ehrliche Antwort hierauf ist, wir wissen es nicht, denn wir haben es noch nicht ausprobiert. Unsere gesamten Investitionen, unsere Technik und unser Arbeitseinsatz sind für industrielle Zwecke eingesetzt worden. Die große Herausforderung wird sein, denselben oder einen höheren Ertrag organisch zu erzielen. Aber wir wissen auch: Das bedeutet mehr Arbeitskraft. Die größte Gewinnmaximierung bestand bisher in der Reduzierung der Arbeitsleistung. Ein Landwirt, der nur wenige Wochen im Jahr arbeitet, kann zehn Tonnen Getreide produzieren. Wenn man die Tiere auf die Weiden zurückbringen würde, bedeutet das mehr Arbeitsleistung für den Menschen. Für Amerika bedeutet das Millionen mehr Farmer. Das ist noch unvorstellbar. Haben wir ausreichend Ackerland, um die Bevölkerung zu ernähren? Ja, das haben wir. Aber vieles von dem, was wir anbauen, dient nicht der Ernährung von Menschen. Ungefähr ein Viertel des Getreideanbaus geht an die Autoindustrie, wir verwenden etwa die Hälfte unseres Getreides für die Tierfütterung, und die Schwachstelle im System ist der Pro-Kopf-Verzehr des Fleisches, nämlich ungefähr ein halbes Pfund pro Tag. Für jedes Pfund Fleisch rechnet man im Schnitt zwischen zwei und zehn Pfund Getreide. Das ist eine sehr verschwenderische Art der Ernährung. Würden wir unseren Fleischverzehr reduzieren, kämen wir sicherlich mit der uns zur Verfügung stehenden Landwirtschaftsfläche aus.

Es gäbe natürlich weitere Gewinne, zum Beispiel im Klimawandel. Einer Statistik habe ich entnommen, dass ein einziger fleischfreier Tag in der Woche denselben Effekt hätte wie 30 Millionen Autos weniger auf der Straße. Ich denke, man ist sich gar nicht bewusst, welche Auswirkungen der Verzehr von Fleisch hat. Es geht nicht darum, dass alle Vegetarier werden, und das ist meines Erachtens nach auch nicht Sinn der Sache. Die Tiere tragen wesentlich zu einer stabilen Landwirtschaft bei.

Wenn eine nachhaltige Landwirtschaft mehr Arbeitskraft bedeutet, wird die Nahrung nicht deutlich teurer?

Ich glaube, Ernährung wird langfristiger teurer werden, und ich denke ebenfalls, dass wir heutzutage nicht den fairen Preis dafür bezahlen. Wir subventionieren die Ernährungsindustrie in vielerlei Hinsicht, ob auf Kosten unseres Klimas oder durch Unterstützung unserer Regierung, oder auf Kosten unserer Gesundheit. Hochwertige Ernährung wird teurer, ob durch mehr Arbeitskraft oder durch weniger Technologie. Wir bezahlen jetzt schon teuer allein aufgrund der Tatsache, dass wir unsere Essen nicht mehr selbst zubereiten. Wir zahlen einen hohen Preis für Bequemlichkeit. Es ist alles schon vorbereitet für uns. Es gibt viele Möglichkeiten, sich kostengünstiger zu ernähren. Gesellschaftspolitisch könnte man aber auch argumentieren, wir zahlen zu wenig für unser Essen. Amerikaner geben weniger als zehn Prozent ihres Einkommens für Nahrungsmittel aus, das ist weitaus weniger als der Rest der Welt.

Einerseits beschreiben Sie in ihrem letzten Buch die katastrophalen Zustände im Bereich der Lebensmittelindustrie und unserer Ernährungsweise, und andererseits schlagen Sie uns eine fast schon kulturelle Revolutionierung unserer Ernährungsweise vor. Andere Ernährung, andere Art und Weise und Zubereitung, wie soll das denn vonstattengehen? Glauben Sie wirklich, dass diese Veränderung noch zu Ihren Lebzeiten stattfinden werden?

So vertrackt die Lage auch ist, es passieren auch jetzt schon positive Veränderungen. Besuchen Sie heutzutage einen Marktplatz, und Sie sehen die positiven Veränderungen im Bereich der Angebote und auch im Bereich des damit verbundenen sozialen Umgangs, sogar in New York City. Das Kochen der Amerikaner hat sich extrem verbessert, ob in den Restaurants oder aber auch zu Hause. Die Menschen realisieren zunehmend den sozialen familiären Aspekt der gemeinsamen Mahlzeiten.

Finden Sie, dass die Slow-Food-Bewegung in den Staaten Glamour hat?

In der Tat. Die berühmtesten Restaurants des Landes kultivieren lokale Spezialitäten oder auch die Verbundenheit zu ihren Landwirten. Alles in allem verändert sich das Bewusstsein der Menschen auf eine verträgliche und nachhaltige Weise durch Qualitätssteigerung und auch durch die Tatsäche, dass gesunde Ernährung einen Beitrag zum Klimawandel bedeutet. Der Abstrich liegt im Zeitaufwand und in den Kosten. Es ist die Herausforderung zu überzeugen, dass sich diese Investitionen lohnen. Darin machen wir langsam Fortschritte. Man muss den Menschen zeigen, was besser ist als McDonald's.

Wird die aktuelle Wirtschaftskrise Auswirkungen auf die Ernährungsmittelindustrie haben?

Die Auswirkungen können positiv oder negativ sein, es bleibt abzuwarten. Die Menschen könnten vermehrt zu McDonald's gehen anstatt in ein qualitativ hochwertigeres Restaurant. Andererseits gibt es auch vermehrt Menschen, die wieder das Kochen anfangen. Es gibt einen explosivartigen Zuwachs im Anbaubereich des eigenen Gartens, 64 Prozent innerhalb eines Jahres. Auch die Firma, die die Konservierungsgläser herstellt, verzeichnet ein Umsatzplus von 94 Prozent. In schweren Zeiten legen die Menschen Überlebensgärten an. Man kann es so oder so prognostizieren. Die Wirtschaftskrise wird alle Lebensbereiche berühren. Das größte Übel besteht im Outsourcen der Nahrungsmittelzubereitung.

Können Sie einschätzen, wie die Lage in Europa aussieht?

Je nachdem, wo man sich aufhält, erhält man unterschiedlichste Eindrücke. Einer der schlimmsten Eindrücke ist derjenige, dass sich Länder mit einer ausgezeichneten Kochkultur zeitweilig dem Fast Food verschrieben hatten, so zum Beispiel Frankreich, was auch das Aussterben kleiner Lebensmittelgeschäfte zur Folge hatte. Ich denke, es ist extrem wichtig, die europäische Nahrungskultur, die zu den besten der Welt gehört, zu erhalten. Ich fand es sehr interessant, dass Spanien die „mediterrane Ernährung“ in das Weltkulturerbe aufnehmen lassen möchte. Das ist eine außergewöhnliche Idee. Griechenland hat die höchste Übergewichtsrate von Europa. Wir müssen unser Erbe bewahren, bevor wir unsere Fähigkeiten verlieren. Es ist ein weltweites Problem, und wir sollten voneinander lernen.

Es gab eine Szene in dem Film „Food Inc.“, die ich nicht verstanden habe: als die ökologische Firma Stonyfield von Danone aufgekauft wurde. Ist das gut oder schlecht?

Es gibt im Film absichtlich keine konkrete Stellungnahme dazu. Wenn man von einer größeren Firma aufgekauft wird, wer verändert sich mehr? Der kleinere oder der größere? Man wirkt auf die größere Firma ein mit guten Werten, und diese besseren Werte werden dann dafür eingesetzt, etwas Normales zu verkaufen. Stonyfield ist ein interessantes Beispiel dafür. Eine größere Firma kann ökologische Produkte günstiger herstellen und vertreiben, andererseits, wenn diese Firma zu groß wird, verliert sie den persönlichen Kontakt zu ihren Zulieferern und endet letztendlich damit, dass sie getrocknetes Milchpulver aus Neuseeland einkauft.

Unsere Art zu essen macht uns krank und den Planeten kaputt. Und es schmeckt noch nicht mal. Michael Pollan, einer der bekanntesten Kritiker der Nahrungsmittelindustrie in den Vereinigten Staaten und Autor etwa von „In Defense of Food. An Eater's Manifesto“ wird zu Gast bei der Berlinale sein. An dem Film „Food Inc.“ hat er beratend mitgearbeitet, nach der Premiere am Sonntag, dem 8. Februar, im Friedrichstadtpalast wird er sich gemeinsam mit anderen Food-Aktivisten wie Eric Schlosser („Fast Food Nation“) der Diskussion stellen.

Das Gespräch führte Verena Lueken.

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