10.02.2009 · Der neunundsiebzigjährige Michael Snow ist eine Legende des experimentellen Animationsfilms. Bei der Berlinale traf er auf seinen Kollegen David O'Reilly, Jahrgang 1985: Beide haben sich unsterblich geredet.
Von Andreas PlatthausWenn das Berlinale-Filmprogramm für Kinder und Jugendliche seit einigen Jahren unter der Bezeichnung „Generation“ läuft, so ist das ein etwas müder Versuch zu vermeiden, die Zielgruppe als das zu benennen, was sie ist: jung. Denn jung wollen zwar alle sein, aber ernst genommen werden natürlich auch. Und seltsamerweise muss man sich dazu erwachsen fühlen. Dabei gibt es eine kindliche Freude am eigenen Tun, die allen Generationen zu eigen ist und eben nicht nur der „Generation“, wie die Berlinale sie definiert: als minderjährige. Als Beispiel fungierte am Montag ein Gespräch zwischen David O’Reilly (volljährig) und Michael Snow (überjährig) im Rahmen des Berlinale Talent Campus.
Der neunundsiebzigjährige Snow ist eine Legende des experimentellen Animationsfilms, seit er 1967 den dreiviertelstündigen „Wavelength“ gezeichnet hat. Bis in die letzten Jahre hinein aber hat das kanadische Multitalent, das auch malt, bildhauert und komponiert, immer neue Filme produziert, längst auch mit dem Computer. Doch mit der Gegenwart macht der muntere alte Herr deshalb noch lange nicht seinen Frieden: Im Internet will er seine Filme nicht sehen, denn „die gehören auf die Leinwand“ und nicht in die Hände von Menschen, denen alles im Netz nur Material ist: „Wenn schon einer mein Werk vandalisiert, dann wenigstens ich selbst.“
„Eine lächerliche Vorliebe“
Da hatte er in O’Reilly den richtigen Gesprächspartner: Fast sechzig Jahre jünger (Jahrgang 1985) als Snow, ist der in Berlin arbeitende irische Animator ausschließlich mit Filmen im Internet aufgewachsen, bis er vor vier Jahren im Rahmen eines Stipendiums ein Kino in der Benetton-Konzernzentrale für sich allein nutzen konnte und monatelang im Festivalrhythmus Filme sah, fünf Stück pro Tag. Dennoch ist das Netz seine bevorzugte Präsentationsform, teilweise auch anonym, wie im vergangenen Jahr auf YouTube mit seinem „Octocat“-Trickfilm, der in bewusst kindlichem Stil gehalten war, denn dafür, so O’Reilly, bestehe zurzeit beim Publikum „eine lächerliche Vorliebe“.
Die beiden Animatoren retteten die äußerst unglücklich moderierte Gesprächsrunde über die Zeit, nicht zuletzt dank einer Viertelstunde Filmeinspielungen mit kurzen Werken von 1956 bis 2009, die zwei konzeptuelle Welten vorführten, die auf den ersten Blick nichts miteinander gemein zu haben scheinen, aber doch ein übergeordnetes Interesse erkennen lassen: nicht kategorisiert zu werden. Die individuelle künstlerische Position war der gemeinsame Nenner, auf den sich diese beiden Generationenvertreter – zwischen denen reichlich Platz für noch mindestens drei weitere Generationen von Animatoren gewesen wäre – schneller einig wurden, als es die zwei Moderatorinnen bemerkten.
Und so führten denn die beiden Herren die Diskussion konsequent und sprunghaft unter sich fort, denn dadurch konnten sie einer Drohung entgehen, die O’Reilly so formulierte: „Wenn Sie damit beginnen, Ihre Sachen zu definieren, sind Sie tot.“ Er und Snow haben sich an diesem Nachmittag unsterblich geredet. Und den Angehörigen aller Altergruppen damit einige Hoffnung gemacht.
Andreas Platthaus Jahrgang 1966, Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Bilder und Zeiten“.
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