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Filmfestspiele Venedig Die eine tanzt, die andere weint

04.09.2008 ·  Agnès Varda geht zum Strand, Jonathan Demme zu einer Hochzeit: Plötzlich kann das Festival von Venedig mit zwei Filmen aufwarten, die uns Menschen nahebringen, ihre Geschichten, ihre Hoffnungen, ihre Trauer, ihre Schönheit - alles eben, was sie als Figuren lebendig macht.

Von Michael Althen, Venedig
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In der täglichen Festivalzeitung konnte man angesichts des lahmenden Wettbewerbs eine Polemik lesen, die in der Schlagzeile gipfelte: mehr Risi, weniger Antonioni. Man muss Risis populäreres Kino gar nicht kennen, um trotzdem für Antonioni Partei zu ergreifen - weil er damit in eine Nachbarschaft gedrängt wird, in der er nicht zu Hause ist. Mag schon sein, dass seine Filme komplexer und sperriger waren als die von Risi, aber seine Filme waren stets ihren Helden nahe - eben auf andere Weise. Was einem an den Filmen hier mit ihrem Kunstwollen die Geduld raubt, ist jedoch genau dieses - dass ihre Behauptung, sie seien durch ihre langatmige, verquälte Art den Befindlichkeiten der Menschen, von denen sie erzählen, näher als Filme, die gängigeren Erzählmustern folgen, die reinste Selbsttäuschung ist.

Der algerische Film „Gabbia“ (Inland) von Taraq Teguia etwa erzählt von einem Landvermesser, über den man nichts erfährt, in leeren Einstellungen, die ohne jedes Gefühl für die topographischen Eigenheiten gedreht sind. Wenn bei Kiarostami die Kamera minutenlang auf eine Landschaft blickt, dann erfährt man etwas über sie - hier hingegen wird sogar die Begegnung mit der entfremdeten Tochter in ein emotionales Niemandsland verlegt.

Der äthiopische Film „Teza“ von Haile Gerima erzählt von einem Heimkehrer, der sein Bein verloren hat und alle Kriegsgreuel aufs Neue durchlebt. Aber der Film ist so verliebt in seine Rückblendenstruktur, dass er überhaupt nie zu sich findet.

Und der russische Film „Bumaschni Soldat“ (Papiersoldat) von Alexei German jr. ist so damit beschäftigt, seine endlosen Plansequenzen um den ersten bemannten Raumflug in Kasachstan mit Personal, Dialog und Bedeutung auszufüllen, dass seine Schauspieler stets wie Spielfiguren wirken, die auf dem Reißbrett ersonnene Bewegungen ausführen.

Kann schon sein, dass bei Antonioni die Geschichten sich im Nirgendwo verloren haben, dass die Filme schweigsam waren oder die Menschen kompliziert - aber sie waren aus Fleisch und Blut und haben uns etwas darüber erzählt, warum wir uns fühlen, wie wir uns fühlen. Damals und heute.

Hoffnungen, Trauer, Schönheit

Da trifft es sich, dass das Festival plötzlich mit zwei Filmen aufwarten konnte, die zwar mit Antonioni nichts zu tun haben, aber uns Menschen nahebringen, ihre Geschichten, ihre Hoffnungen, ihre Trauer, ihre Schönheit - alles eben, was sie als Figuren lebendig macht. Der eine ist ein Dokumentarfilm außer Konkurrenz, Agnès Vardas Selbstporträt „Les plages d'Agnès“, und der andere Jonathan Demmes Wettbewerbsfilm „Rachel Getting Married“. Beide handeln von Familie und dass der Umstand, dass man ihr nie entkommt, Gnade und Fluch zugleich sein kann.

Natürlich sind die beiden Filme so verschieden, wie sie nur sein können, aber in ihrer Zuneigung zu den Menschen sind sie sich näher als irgendwelche anderen Filme.

Agnès Varda sagt, wenn man Menschen öffnen könnte, fände man Landschaften, bei ihr hingegen fände man Strände. Und baut am Strand ihre Kamera auf, stellt mehrere Spiegel im Sand auf und schafft von Anfang an ganz spielerisch ein solches Kaleidoskop von Bildern und Reflexionen, dass man den Eindruck hat, die Erzählung beginne zu tanzen. Immer wieder sieht man sie rückwärtsgehen, der Vergangenheit entgegen, aber Nostalgie kommt schon deswegen nie auf, weil alle Erinnerungen stets in der Gegenwart verankert sind. Sie besucht ihr Brüsseler Elternhaus, aber interessiert sich dann mehr für die Modelleisenbahnleidenschaft des jetzigen Bewohners als für ihre blassen Kindheitserinnerungen - und in diesem Geiste schreitet sie ihre Karriere ab, ihre Anfänge mit der Nouvelle Vague, ihren Ausflug nach Kalifornien, ihr viel zu kurzes Leben mit Jacques Demy - und wenn sie sich eine Sentimentalität erlaubt, dann nur die, dass sie betrauert, nicht mit ihm alt werden zu können. Das Ganze ist eine wunderbar uneitle Passage durch ein reiches Leben, in dem das Sammeln nie Selbstzweck, sondern eine Kunstform ist, die stets dem Leben zugewandt bleibt. Danach wurde sie gefeiert, eine kleine, rundliche Achtzigjährige, die sich eine so ansteckende Lebendigkeit bewahrt hat, dass sie auf ihre Kunst - und auf ihre Zuschauer - überspringt.

Wie bei einem Hochzeitsvideo

Jonathan Demme wiederum hat einen Film gemacht, der einen daran erinnert, warum er einst als einer der vitalsten Filmemacher Amerikas galt, ehe er durch den Erfolg vom „Schweigen der Lämmer“ auf eine andere Spur geriet und sich zwischen mäßig gelungenen Spielfilmen hauptsächlich mit Dokumentationen bei Laune hielt. „Rachel Getting Married“ basiert auf einem Drehbuch von Sidney Lumets Tochter Jenny, das alles anders macht, als man es von Hollywoods Hochzeitsfilmen gewohnt ist. Es spielt an einem Wochenende und erzählt von nichts als einer Hochzeit und ihren Vorbereitungen. Aber andererseits erzählt es natürlich von allem anderen, von einer dramatischen Vergangenheit, von der die Familie nicht loskommt, von den Schmerzen, die das allen bereitet, und vom Versuch, darüber hinwegzukommen. Mit dem famosen Kameramann Declan Quinn hat Demme einen Stil gefunden, der so authentisch wirkt, dass kaum je der Gedanke an Schauspielerei aufkommt, weil man meistens meint, einem Hochzeitsvideo beizuwohnen.

Es beginnt mit der Tochter (Anne Hathaway), die zum wiederholten Male aus dem Drogenentzug entlassen wird, um der Hochzeit ihrer Schwester (Rosemarie DeWitt) beizuwohnen. Und dann sieht man die Generalprobe im Familienkreis, bei der Reden gehalten werden, und erfährt dabei von einem Todesfall in der Familie, und langsam, ganz langsam geht Demme den Dingen auf den Grund. Unter der Aufregung, Vorfreude und Nervosität bricht auf, was überwunden schien. Die Schwestern geraten sich wiederholt in die Haare, alle versuchen zu beschwichtigen, aber es gibt eben Dinge, die nicht wiedergutzumachen sind.

Er weiß es besser

Es wird nichts ausgespart, aber auch nichts mutwillig zugespitzt wie bei Vinterbergs „Fest“; es kommt alles, wirklich alles ans Licht, aber man hat nie den Eindruck, es ginge dabei ums Drama um des Dramas willen. Und während man aus alter, dummer Gewohnheit immer wieder auf Versöhnung hofft, legt Demme eine Lebenserfahrenheit an den Tag, die es besser weiß. Und dass er es schafft, inmitten dieses Familiendramas, das stets dorthin geht, wo es weh tut, immer wieder zu Momenten zu finden, in denen einem die Augen übergehen vor Glück, ist schon ein seltenes Wunder.

Und zu diesen Wundern gehört auch die Rückkehr von Debra Winger, die sich so lange von Hollywood verabschiedet hatte, dass es sogar einen Dokumentarfilm mit dem Titel „Searching for Debra Winger“ gab. Mittlerweile ist sie zwar hier und da schon wiederaufgetaucht, aber dies ist ihr großer Auftritt. Und wie sie die geschiedene Mutter dieser beiden Schwestern spielt, wie jedes Lächeln die ganze Distanz spüren lässt, die sie zwischen ihre tragische Vergangenheit und ihr neues Leben gelegt hat, darin spiegelt sich vielleicht auch schon alles, was diesen Film von einem durchschnittlichen Hollywoodfilm trennt.

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