04.02.2009 · Ausgerechnet in Amerika, wo jeder Einwohner etwa achtzig Kilo Fleisch im Jahr isst, herrscht eine Nahrungsmittelkrise. Wer wissen will, warum das so ist, ist in „Food Inc.“ von Robert Kenner genau richtig. Auf der Berlinale wird der Dokumentarfilm einen ganz großen Auftritt haben.
Von Verena LuekenDie Produktion von Erdnussbutter und Erdnusspaste in der Fabrik der Peanut Corporation of America in Blakely in Georgia wurde im Januar eingestellt, fünfzig Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. Darüber informierte eine Meldung in der „New York Times“ am 24. Januar 2008, ein Zwischenstand in einem Gesundheitsskandal um Salmonellen in Nahrungsmitteln, in denen die Schmiere aus Georgia Verwendung fand. Das ist in allem Möglichen der Fall: von Energiesnacks, gefülltem Sellerie, Hühner-Satay und tiefgefrorenem Teig bis zu Keksen und Hundekuchen. Vierhundert Produkte sollen in einer Rückrufaktion aus den Regalen der amerikanischen Supermärkte entfernt werden, weil seit vergangenem Herbst mehr als fünfhundert Salmonellenerkrankungen in dreiundvierzig Bundesstaaten gezählt wurden. Acht Menschen starben bisher. In all diesen vierhundert Produkten finden sich Bestandteile aus der Fabrik in Georgia, die als Quelle der Epidemie zweifelsfrei identifiziert wurde. Ein Albtraum. Und einer der größten Nahrungsmittelskandale in der Geschichte der Vereinigten Staaten.
Es wird, wenn sich nichts ändert, nicht der letzte sein. Nach kontaminierten Tomaten, Spinat, Melonen und Fleisch natürlich ist die verseuchte Erdnussbutter ein weiteres Indiz dafür, dass es um die Nahrungsmittelsicherheit in den Vereinigten Staaten beschämend schlecht steht. Kongressabgeordnete fordern Maßnahmen von strengeren Regularien bis zu strafrechtlichen Untersuchungen sowie mehr Geld und mehr Macht für die maßgeblichen Behörden.
Massenphänomen Übergewicht
Ausgerechnet in Amerika, wo mehr Nahrungsmittel produziert und gegessen werden als je zuvor und alle paar Monate ein neuer Nährstoff ausgerufen wird, den man unbedingt oder keinesfalls zu sich nehmen sollte, in dem Land, in dem jeder Einwohner etwa achtzig Kilo Fleisch im Jahr isst und sich die Büchertische biegen unter Ratgebern für ein gesundes Leben, Diäten, Krankheitsvermeidung durch bestimmte Speisepläne und diätetische Ergänzungen – in diesem Land herrscht eine Nahrungsmittelkrise sondergleichen. Kontaminationsskandale sind nur ein Teil davon. Übergewicht ist ein Massenphänomen, jedes dritte Kind, das nach 2000 geboren wurde, wird frühzeitig an Diabetes erkranken, und keine Regierung nach dem Krieg hat die Gesundheitsversorgung in den Griff gekriegt, auch weil das, was wir uns angewöhnt haben, „Zivilisationskrankheiten“ zu nennen, exorbitant angestiegen ist.
Wer wissen will, warum das so ist, wer nach den früheren Dokumentationen „Fast Food Nation“ und „We Feed the World“ mit offenen Augen auf monokulturell beackerte Felder oder wabbelige Hühnerteile im Kühlregal blickt, ist in dem Dokumentarfilm „Food Inc.“ von Robert Kenner richtig. Nicht nur erfahren wir hier, dass hinter den 47 000 Produkten im Sortiment eines normalen amerikanischen Supermarkts nur eine Handvoll Firmen steht; dass Hühner, die einmal siebzig Tage brauchten, um ihr Schlachtgewicht zu erreichen, dies inzwischen in maximal 48 tun und ihnen dabei auch noch Brüste wie bei Sumokämpfern angezüchtet werden, weil Brustfleisch so viel gesünder sei als das der Schenkel; dass Rinder ihr trauriges Leben lang fesselhoch in ihren eigenen Fäkalien stehen, bevor sie in einem der nur dreizehn Schlachthöfe des Landes verarbeitet werden; dass der Abfall aus den Schlachtereien zu Hamburger-Füllmasse vermatscht wird, die, um Salmonelleninfektionen wie jene in der Erdnussbutter zu vermeiden, durch ein Ammoniakbad gezogen wird, bevor sie passgenau gepresst in einen transportgerechten Karton fällt; dass die Nahrungsmittelkonzerne den Bauern Maulkörbe verpassen, so dass nur Auskunft gibt, wer sowieso aufhören will in diesem Geschäft – wie jene Hühnerzüchterin, deren Gesicht unter allergischen Pusteln, die sie auf den Kontakt mit ihren Tieren zurückführt, kaum noch zu erkennen ist. Und dass all dies geschieht, ohne dass der Verbraucher auch nur die geringste Ahnung hat, was er isst und wie es hergestellt wurde.
Barbarisch und unappetitlich
„Food Inc.“ wird auf der Berlinale einen großen Auftritt haben, eine Sonntagnachmittags-Premiere im Friedrichstadtpalast vor annähernd vierzehnhundert Menschen, wenn der Saal voll wird. Dieter Kosslick ist dem amerikanischen Zweig der Slow-Food-Bewegung (dem italienischen natürlich sowieso) freundschaftlich verbunden. Ihr Anliegen in den Vereinigten Staaten zielt zunächst auf Transparenz der Nahrungsmittelproduktion, auf Diversifizierung der Landwirtschaft und Deindustrialisierung der Fleisch- und Gemüseproduktion, letztlich aber auf einen tiefgreifenden kulturellen Wandel, in dem Essen wieder am Tisch und möglichst in Gesellschaft stattfindet statt im Auto, in der U-Bahn oder gleich im Gehen. All das liegt auch Kosslick am Herzen, der seit einigen Jahren mit der von ihm erfundenen Programmschiene „Kulinarisches Kino“ im Gropius-Bau Film und Essen miteinander verbindet. Nach der Premiere von „Food Inc.“ allerdings gibt es statt des üblichen Menüs von Starköchen nur einen Eintopf von Tim Raue, dessen Zutaten nicht aus der Industrie, sondern vom Feld oder aus der Erde kommen.
Michael Pollan und Eric Schlosser gehören zu den einflussreichsten Kritikern der Nahrungsmittelindustrie in Amerika. Schlosser hat mit seinem Buch „Fast Food Nation“ im Jahr 2001 die erste Welle des Protests gegen die Nahrungsmittelindustrie angeführt, 2006 hat Richard Linklater die Sache verfilmt. Auch Michael Pollans Bücher, vor allem „The Omnivore’s Dilemma“, haben viel dazu beigetragen, das Bewusstsein, dass es überhaupt ein Problem gibt, in den Vereinigten Staaten anzuregen. Der „New Yorker“ nannte Pollan einmal den Dichter unter den „Foodies“, wie die Nahrungsmittelaktivisten genannt werden, und tatsächlich gelingt es ihm, in seinen Büchern wie im Gespräch mit einer Art poetischer Klarheit darüber zu sprechen, was wir essen (unappetitlich), wie wir essen (barbarisch) und was wir tun können, um das zu ändern (Hoffnung machend). Er wird wie auch Schlosser in Berlin sein, um im Anschluss an die Projektion von „Food Inc.“ zu diskutieren. Beide sind im Film zu sehen, beide waren Berater.
Essensähnliche Substanzen im Supermarkt
Im Oktober vergangenen Jahres, mitten im Wahlkampf, in dem die Foodies, kaum überraschend, auf die Demokraten setzten, hat Michael Pollan in der „New York Times“ einen offenen Brief an Barack Obama veröffentlicht. Darin erklärte er ihm, dass, sollte er Präsident werden, die Nahrungsmittelproduktion ganz oben in seinem Programm stehen müsse – da er sonst weder in der Energie- noch in der Klimapolitik (weil die Nahrungsmittelindustrie fast 20 Prozent des landesweiten Energieverbrauchs auffrisst und die Luft verpestet) etwas erreichen und die Reform des Gesundheitswesens abschreiben könne. Obama hat sich das, erzählt Pollan, in einer Wahlkampfrede zu eigen gemacht. Aber dann hat er als Präsident einen Landwirtschaftsminister eingesetzt, in den Pollan keine allzu großen Hoffnungen setzt.
Bleiben die Verbraucher. Pollan vermittelt im Gespräch bei aller Alarmiertheit die beruhigende Einsicht, dass es möglich ist, dem Industriefraß zu entkommen. Für den Einzelnen hat Pollan einen angesichts der Komplexität des Themas verblüffend einfachen Rat: „Essen Sie Essen. Nicht zu viel. Vor allem Pflanzen.“ Wobei das, was in Amerika flächendeckend in den Supermärkten angeboten wird, für Pollan kein Essen ist, sondern „essensähnliche Substanzen“ sind, vor denen er eindringlich warnt. Selber kochen, mit anderen essen – möglicherweise hilft die Wirtschaftskrise, diese lange selbstverständliche Lebensform wiederherzustellen. Die Bilanzen etwa von McDonald’s sprechen allerdings dafür, dass sie vor allem den Fast-Food-Ketten hilft, deren Preise niemand unterbieten kann, selbst wenn er ein ganzes Schwein in seine Tiefkühltruhe legt, statt immer wieder knochenlose Koteletts zu kaufen, wie Pollan es empfiehlt. Dass die Fast-Food-Preise so niedrig sind, weil die Folgekosten der Nahrungsfabrikation auf die Gesellschaft abgewälzt werden, die für Umweltschäden bei der Produktion ebenso zahlt wie für Gesundheitsschäden bei den Konsumenten, hat sich noch nicht so weit herumgesprochen.
Kino progagiert unbequeme Wahrheiten
Was das alles mit Kino zu tun hat? Zunächst einmal, dass einige der sichtbarsten Vertreter der internationalen Slow- Food-Bewegung auch Filmbuffs sind, die eine beeindruckende Liste der schönsten Essens-Szenen der Filmgeschichte herunterrattern können. Pollan verweist außerdem auf das Offensichtliche, dass nämlich Kino und Essen umfassend sinnliche Erfahrungen seien, so dass es nicht überraschen könne, dass, wer das eine liebt, auch vom anderen angezogen wird. Und beides sind, jedenfalls im idealen Fall, Gemeinschaftserlebnisse.
Kosslick tut das Seine, die Verbindung zwischen Kino und Essen zu festigen, und hat in diesem Jahr eine der bekanntesten Aktivistinnen der Slow-Food-Bewegung in Kalifornien, Alice Waters, in die Jury des Wettbewerbs geladen. Dass das Kino, sei es als Propaganda- oder Aufklärungsmaschine, außerdem unbequeme Wahrheiten unters Volk bringen kann, ist nicht erst seit dem immensen Erfolg von Al Gores „Inconvenient Truth“ bekannt. Was dieser Film für den Klimaschutz war, will „Food Inc.“ für die Nahrungsmittelsicherheit sein. Ob das gelingt, wird nur zum geringen Teil davon abhängen, was das Festivalpublikum in Berlin von ihm hält. Wer sehen will, was ist, und hören, was sein könnte, wer an Veränderung glaubt und vor Horror nicht flüchtet, der ganz normale Kinogänger also, könnte nach diesem Film möglicherweise auf sein Abendessen verzichten.