04.02.2009 · Eine Filmreihe der Deutschen Kinemathek zeigt auf der Berlinale „Filmische Vorboten der Wende“. Zu sehen sind Storys über die Sehnsucht nach Freiheit und den grauen Alltag hinter dem Eisernen Vorhang. Und einen Klassiker, der die Ehre des deutschen Films rettete.
Von Andreas KilbAm Ende von Piotr Szulkins Film „Krieg der Welten – Das nächste Jahrhundert“ wird der Fernsehmoderator Iron Idem zum Tode verurteilt und erschossen. Die Marsianer, die auf der Erde die Macht an sich gerissen haben, sind auf seine Dienste nicht mehr angewiesen. Sie haben seine Wohnung beschlagnahmt, seine Sendung gleichgeschaltet, seine Frau (Krystyna Janda) entführt und ermordet und Idem stattdessen ihren Klon auf den Hals gehetzt. Nun, da die Außerirdischen ihr eigenes Verschwinden vorgetäuscht und ein scheinbar marsfeindliches Marionettenregime eingesetzt haben, ist Idem einer der letzten Menschen, die von ihren Umtrieben wissen. Während er vor dem Erschießungskommando steht, wird ein Monitor eingeschaltet, der die Vollstreckung des Urteils dokumentiert.
Auf dem Bildschirm sinkt der Verurteilte nach der Salve in sich zusammen. In Wahrheit haben die Soldaten in die Luft gefeuert. Idem löst sich von dem Pfahl, an den er gebunden war, und läuft zum Ausgang des Flugzeughangars, in dem die Zeremonie stattgefunden hat. Er schiebt eine der großen Rolltüren beiseite. Draußen ist gleißende Helligkeit. Sie ergießt sich über die Leinwand, bis sie alles andere ausgelöscht hat. Der Film ertrinkt im Licht.
Außerirdische Bildformate
Szulkins Science-Fiction-Parabel ist eine der Entdeckungen der Reihe „Winter adé – Filmische Vorboten der Wende“, mit der die Berlinale an den Zusammenbruch des osteuropäischen Kommunismus vor zwanzig Jahren erinnert. Wenn man die Beiträge der kleinen Retrospektive sieht, möchte man kaum glauben, dass das alles erst zwei Jahrzehnte zurückliegt. Nicht, weil die Geschichten, die sie erzählen, uns inzwischen so fremd wären. Sondern weil ihre Machart, ihr Spiel mit Licht und Farbe, mit Tönen und Bildformaten so außerirdisch fern und unvertraut wirkt. Was hat man nicht alles gewagt, gesehen, gezeigt in jener Zeit, als das ungenehmigte Sehen und Zeigen der Wirklichkeit im Kino noch den Kopf oder wenigstens Jahre eines Regisseurslebens kosten konnte!
Ein Film wie Gábor Bódys „Nachtlied des Hundes“ von 1983, ein wildes, zweieinhalbstündiges ungarisches Puzzle aus Videobildern, Filmaufnahmen und Super-8-Material, kam damals sogar in die westdeutschen Kinos, und ein kleiner, schmutziger und verzweifelter Film wie Raschid Nugmanows „Igla – Die Nadel“ hatte in der Sowjetunion zwanzig Millionen Zuschauer. Es war eine Zeit der Blitzkarrieren und der brüchigen Lebensläufe, und viele, die in jenen Jahren zu Ruhm gelangten, haben ihn nicht lange genossen. Nugmanow, der nach dem Zerfall des Sowjetreichs in Kasachstan als Politiker kandidierte, lebt heute im Exil in Paris, und Bódy, dessen „Nachtlied“ auch eine versteckte Auseinandersetzung mit seiner eigenen Rolle unter der Diktatur ist, beging 1985 Selbstmord. Erst vierzehn Jahre später wurde bekannt, dass er schon auf der Filmhochschule als Informant der ungarischen Staatssicherheit tätig gewesen war.
Ein Himmel der Hoffnungslosigkeit
Für alle, die Ende der achtziger Jahre vom Westen aus das Geschehen hinter dem Eisernen Vorhang beobachteten, gab es vor allem ein großes Manifest der filmischen Freiheit im Kommunismus: Krzysztof Kieslowskis „Dekalog“. In der Berlinale-Reihe läuft der „Kurze Film über das Töten“, die bedeutendste, aber nicht unbedingt typischste Episode des Zyklus. Ebenso gut hätte man den ersten Teil zeigen können, in dem ein Naturwissenschaftler eine Wette mit dem Schicksal abschließt und dabei sein Kind verliert, oder den achten, in dem sich eine amerikanische Jüdin und eine polnische Philosophieprofessorin über das richtige Verhalten unter der Naziherrschaft streiten. Gemeinsam ist allen Filmen des „Dekalogs“ der graubraune Himmel, der sich über den Geschichten wölbt (und den der Kameramann Slawomir Idziak im „Kurzen Film über das Töten“ durch Farbfilter zusätzlich betont): ein Himmel der Hoffnungslosigkeit, der vollkommenen Immanenz, der versteinerten Zukunft. Das Neue, so viel ist sicher, wird nicht von oben kommen, sondern aus den Menschen selbst.
Zu diesen Boten des Neuen gehört die jugendliche Heldin von Wassili Pitschuls „Kleiner Vera“, der leider nicht in der Reihe läuft, obwohl er einer der wichtigsten Filme der Epochenwende von 1989/90 war; und auch Jerzy und Ewa gehören dazu, die Liebenden aus Michael Kliers „Überall ist es besser, wo wir nicht sind“, für die Berlin eine Zwischenstation auf dem Weg von Polen nach Amerika ist. In einem Jahr, in dem „Otto – der Außerfriesische“ der größte Kassenerfolg in Westdeutschland war, hat Klier mit seinem schwarzweißen Kinomärchen, dem man die Vorbilder des klassischen Neorealismus ebenso ansieht wie den Einfluss von Jarmusch und Kaurismäki, die Ehre des deutschen Films gerettet. In „Überall ist es besser . . .“ sieht West-Berlin wie Ost-Berlin aus, und darin liegt eine poetische Gerechtigkeit, die man vielleicht erst heute richtig empfinden kann.
Helle Momente im Frost
Auch „Winter adé“ von Helke Misselwitz, der titelgebende Film der Retrospektive, ist schwarzweiß. Eine Eisenbahnreise von Sachsen an die Ostsee bildet den Rahmen einer dokumentarischen Erkundung der DDR, die alle sozialistischen Fortschrittsparolen beiseitefegt. Was man sieht in den Frauenporträts, die Misselwitz zwischen Zwickau und Rügen aufgesammelt hat, sind Menschen, die auch nach Jahrzehnten noch auf das Glück warten, das ihnen versprochen wurde: die Arbeiterin in einer Brikettfabrik, die mit ihrer behinderten Tochter zusammenlebt und über die Kälte und Überheblichkeit ihrer Nachbarn klagt; die Greisin, die mit unbewegtem Gesicht ihre diamantene Hochzeit feiert und im Gespräch mit der Regisseurin gesteht, dass sie den falschen Mann geheiratet hat; die zwei Punkerinnen, die sich in einer Fabrikruine schminken und vom wilden Leben träumen; die junge Familie mit drei Kindern im Zug, die auf unbeholfene Weise zu erklären versucht, dass sie sich von Staat, Partei und Gesellschaft gleichermaßen verlassen fühlt.
Es gibt auch hellere Momente in diesem Film, Begegnungen mit Frauen, die ihre Lebenswünsche gegen die Verhältnisse durchgesetzt haben, aber insgesamt herrscht in dem Land, in dem „Winter adé“ spielt, immer noch tiefer Frost. Es ist der letzte Winter des Sozialismus. Als „Winter adé“ in die Kinos kam, war die Mauer schon Geschichte.