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Berlinale Im globalen Dorfkino

14.02.2009 ·  Die Internationalen Filmfestspiele Berlin, die in diesem Jahr wieder einmal einen Zuschauerrekord aufgestellt haben, sind ein Plädoyer fürs Kinogehen. Und sie zeigen, dass wir das politische Kino brauchen - wenn auch nicht unbedingt Filme über Politik.

Von Verena Lueken
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Brauchen wir in Zeiten wie diesen ein politisches Kino? Was heißt das überhaupt, und wozu taugt es? Die Internationalen Filmfestspiele von Berlin, die an diesem Samstag Abend mit der Preisverleihung zu Ende gehen, gelten als das politischste der großen Festivals und stellen auch selbst gern ihr besonderes Augenmerk auf jene Filme heraus, die gesellschaftlich relevant und politisch aktuell sein wollen. Doch was könnte das in einer Krise wie der augenblicklichen heißen? Filmemachen und Festivalplanung sind ziemlich langfristige Angelegenheiten, und zu erwarten, dass zeitgleich mit den Problemen auch ihre Bearbeitung im Kino stattfinden müsse, ist abwegig. Nicht einmal vom Filmmarkt, wo zukünftige Projekte gehandelt werden, und das war dann doch erstaunlich, kamen Hiobsbotschaften, im Gegenteil. Vielleicht hören wir die dann in Cannes.

Es gab natürlich in den vergangenen zehn Tagen zahlreiche Filme mit politischem Inhalt zu sehen, globalisierungskritische vor allem, solche, in denen Vergewaltigungsopfer eine Rolle spielen, andere, die vom Krieg erzählen oder vom Schicksal sexueller Minderheiten in feindseliger Umgebung, und wieder andere, die uns auf die nächste Katastrophe vorbereiten, die Festivaldirektor Dieter Kosslick und mit ihm eine ganze Bewegung von Kritikern der Nahrungsmittelindustrie auf uns zurollen sehen: die Ernährungskrise. Aber gerade weil sich der Anspruch des Festivals immer wieder in der Auswahl von Filmen mit solchen Inhalten niederschlägt, muss man mal daran erinnern, dass Politik im Kino etwas ganz anderes heißt – davon zu erzählen und zu zeigen nämlich, wie es ist, in der Gegenwart, unserer Gegenwart zu leben, und zwar in Bildern, die ihrerseits lebendig sind.

Eine Art Esperanto

Die Globalisierung zum Beispiel kann man auf die Leinwand bringen, indem man Naomi Kleins Bestseller „The Shock Doctrine“ bebildert, wie Michael Winterbottom das mit seinem Berlinale-Beitrag getan hat. Man kann sich aber auch einfach die Abspänne der allermeisten Filme des Festivals anschauen, um zu sehen, woher das Geld floss – bei einem Viertel aller Festivalfilme auch aus Deutschland, und zwar unabhängig davon, ob der Regisseur aus Holland, den Vereinigten Staaten, Peru oder Iran kommt. Und man kann sich die Filmsprachen ansehen. Wie erzählt wird. Dann sieht man einerseits eine Art Esperanto, eine gleichsam generische, nicht mehr auf irgendwelche Ursprünge rückführbare Erzählweise, die international gesprochen und verstanden wird und die sich eignet, standardisierte Geschichten an die Leute zu bringen. Dort kann unter Umständen auch von Themen wie Immigration oder Kriegsschäden die Rede sein, ohne dass sie uns deswegen die Welt verständlicher machten. Von diesen Geschichten gab es, zumal im Wettbewerb der Filmfestspiele, zu viele.

Andererseits aber konnte man auch Filme sehen, in denen sich zeigte, dass die weltweite Verfügbarkeit von Filmen in Verbindung mit Budgets, die ebenfalls weltweit eingesammelt werden, nicht nur zur Auflösung nationaler Kinematographien führt, sondern vor allem etwas Neues hervorbringt – eine Stärkung nämlich der individuellen Handschriften und Verbindungen über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Aus Indonesien etwa, einem Filmland, das bis vor wenigen Jahren für uns ein weißer Fleck war, kommen Filme, deren Regisseure Fassbinder lieben und Antonioni verehren (Berlinale: „Die Regenbogenkrieger“ aus Indonesien). Die digitale Verfügbarkeit macht das filmische Erbe international, und aus jedem Winkel der Welt haben die Filmemacher Zugriff darauf. Und in Berlin, mehr als auf anderen Festivals, kann man sehen, was sie daraus machen. Das – und nicht die Inhalte – ist Politik im Kino.

Wieder ein Zuschauerrekord

Berlin steht aber noch für etwas anderes. Das Festival, das in diesem Jahr wieder einmal einen Zuschauerrekord aufgestellt hat, ist ein Plädoyer fürs Kinogehen, und Jahr für Jahr wird es gehört. Die anderen großen Festivals haben jenseits der professionellen Besucher kaum Publikum, die Berlinale schon. Und so kann man an ihrem Verlauf ablesen, was die Leute vom Kino halten – und wird Jahr für Jahr überrascht von dem Andrang, der überall herrscht, bei den Filmen mit Staraufgebot und solchen ohne, in der Retrospektive wie im Kurzfilmprogramm. Die digitalen Medien haben das Kino offenbar nicht überflüssig gemacht. Vielleicht verschafft ja die Wirtschaftskrise, wie jene vor fünfundsiebzig Jahren, dem Kino auch außerhalb des Festivals noch mal einen Schub.

Allerdings sollte man sich dann in Erinnerung rufen, dass Menschen, wenn die Lage draußen ernst wird – jedenfalls war das bei allen bisherigen weltweiten Erschütterungen so – im Kino Eskapismus suchen. Das wissen die Produzenten natürlich auch. Also können wir erwarten, dass in den nächsten Jahren das politische Kino, das sich über seine Inhalte definiert, vielleicht ein wenig in den Hintergrund tritt. Und Platz macht für ein Kino der visuellen Abenteuer, der verwegenen Wendungen, sinnlichen Überraschungen und Entdeckungen. Das jedenfalls hoffen wir. Und vertrauen darauf, dass die Berlinale dann erkennt, dass auch in solchen Filmen etwas Politisches liegt, und zwar in einer Weise, wie nur das Kino es hervorbringen kann. Wir brauchen also das politische Kino. Aber nicht unbedingt Filme über Politik.

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