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Berlinale Der Moment der Wahrheit

13.02.2009 ·  Für Stars wie Michelle Pfeiffer ist die Berlinale eine harte Prüfung: Auf dem Roten Teppich müssen sie in der Berliner Eisluft das Lächeln auf ihrem Gesicht festhalten - und gemeinsam als Teil eines Teams posieren. Doch genau das macht den Reiz des Festivals aus.

Von Andreas Kilb
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Als Michelle Pfeiffer den roten Teppich vor dem Berlinale-Palast betrat, sah man sofort, warum die großen Hollywoodstars, allen anderslautenden Meldungen zum Trotz, immer noch nicht richtig gern im Februar nach Berlin kommen. Denn die Diva fror. Sie fröstelte nicht; sie zitterte und bebte.

Sie trug ein an den Schultern verbreitertes Cocktailkleid und hochhackige Schuhe, und es kostete sie sichtlich Mühe, in der Eisluft das Lächeln auf ihrem Gesicht festzuhalten. Alle zwei Minuten ließ sie sich ihren Mantel reichen, lief ein paar Schritte und zog ihn dann wieder aus für die Fotografen, die Fans. So ging das fast eine Viertelstunde. Für Michelle Pfeiffer waren es vermutlich die längsten Minuten dieses noch jungen Jahres.

Sie war kein Star mehr

Drinnen dann, nach dem Film „Chéri“, ereignete sich ein anderer, vielleicht noch erstaunlicherer Moment. Als der Abspann zu Ende war, kam als Erster Stephen Frears auf die Bühne. Ob etwas dagegen spräche, wenn er auch die Schauspieler nach oben bitte, fragte er. Natürlich sprach nichts dagegen. Michelle Pfeiffer und Rupert Friend traten ins Scheinwerferlicht. Aber dann rief Frears auch den Drehbuchautor Christopher Hampton auf die Bühne, die Kostümdesignerin Consolata Boyle, den Produktionsdesigner, den Komponisten und zwei der Produzenten – auf einmal stand die Schauspielerin aus Hollywood zwischen fünfzehn anderen, viel seltener fotografierten Leuten vor dem Publikum. Sie war kein Star mehr. Sie war ein Teil des Teams. Und nach ihrem Gesichtsausdruck zu schließen, machte sie dieser Rollenwechsel alles andere als glücklich.

Wenn man sich fragt – und nach diesem Festival werden sich wieder viele danach fragen –, an welchem Punkt auf der inneren Landkarte des Kinos sich eigentlich der Ort der Berlinale befindet, sollte man an diesen Augenblick nach der Galavorführung von „Chéri“ denken. In ihm ist das Idealbild der Berliner Filmfestspiele aufbewahrt.

Mit der Phalanx von großen Regisseuren, großen Stars und großen Filmen, wie sie Cannes alljährlich aufbietet, kann Berlin nicht konkurrieren. Auch der spätsommerliche Glanz des Festivals von Venedig oder die kommerzielle Macht der Filmschau in Toronto sind für die Berlinale kein Maßstab. Aber das winterliche Filmfest in der deutschen Hauptstadt kann, wenn es seine Karten klug ausspielt, die Internationale des Kinos abbilden, die große Gemeinschaft, die den kleinsten Kurzfilm mit der teuersten Großproduktion verbindet. So gesehen ist die zeitliche Nähe zur Oscar-Verleihung Ende Februar für die Berlinale kein Schaden. Im Gegenteil, sie betont noch den Eigenwert des Festivals: im Kontrast.

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Jahrgang 1961, Feuilletonkorrespondent in Berlin.

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